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Spenden-Geld weg: Stadt-Mitarbeiter erhalten 200.000 Euro vom DRK - ohne Nachweis, was damit passieren soll

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Von: Frank Lahme

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Das Rote Kreuz im Fokus: Über viele Jahre wurden in Hamm erhebliche Spendenbeträge in bar ausgegeben. Wohin führt die Spur des Geldes?	Foto: rother
Das Rote Kreuz im Fokus: Über viele Jahre wurden in Hamm erhebliche Spendenbeträge in bar ausgegeben. Wohin führt die Spur des Geldes? © Andreas Rother

Der Skandal um die dubiose Spendenpraxis beim Deutschen Roten Kreuz und der Stadt Hamm geht weiter: Eine sechsstellige Summe ist verschwunden. Ex-Oberbürgermeister Thomas Hunsteger-Petermann hat dazu einen „naiven“ Beitrag geleistet, wie er sagt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt weiter.

Hamm – Wirklich hingesehen hat niemand. Gut 200.000 Euro aus der DRK-Spendenkasse in Hamm sind irgendwie weg, und Ex-Oberbürgermeister Thomas Hunsteger-Petermann hat dazu einen, wie er nun sagt, „naiven“ Beitrag geleistet. Die Staatsanwaltschaft ermittelt weiter wegen Untreue-Verdachts gegen Wolfgang Müller, den Leiter des aufgelösten Amtes für soziale Integration, ohne dass ein Ende abzusehen ist. Unsere Redaktion hat eine Vielzahl neuer Informationen gesammelt.

StadtHamm
Einwohner179.916 (Stand: 31.12.2020)
Oberbürgermeister seit 2020Marc Herter (SPD)
Oberbürgermeister 1999-2020Thomas Hunsteger-Petermann (CDU)

Dubiose Spendenpraxis: Das „Müller-Konto“ beim Deutschen Roten Kreuz

Keine Buchung ohne Beleg: Wer eine kaufmännische Ausbildung beginnt, bekommt diesen Grundsatz mit dem ersten Tag in die Wiege gelegt. Ebenso dürften die Kassierer jedes noch so kleinen gemeinnützigen Vereins wissen, dass sie bei der (satzungsgemäßen) Verwendung von Spendengeldern große Sorgfalt walten lassen müssen. Umso erstaunlicher ist es, dass beim Deutschen Roten Kreuz, Kreisverband Hamm, diese Standards über bald zwei Jahrzehnte ausgeblendet wurden – zumindest bei einer ziemlich imposanten Kostenstelle, dem so genannten „Müller-Konto“.

Wer die bisherige Berichterstattung verfolgt hat, weiß, dass das (Spenden-)Konto DRK-intern nach Wolfgang Müller benannt wurde. Er ist der Leiter des nach den Enthüllungen unserer Redaktion um das „Phantom im Rathaus“ aufgelösten Amts für soziale Integration bei der Stadt Hamm. Müller hatte beim DRK zwar keine Funktion, war dort auch kein Mitglied, ging bei dem Wohlfahrtsverband aber trotzdem ein und aus und ließ sich regelmäßig hohe Geldbeträge von dem Konto aushändigen.

„Müller-Konto“: Spendengelder offenbar nicht für Integrations-Projekte des Roten Kreuzes verwendet

Was mit dem Geld geschah, weiß das DRK nicht. Auch Ex-Oberbürgermeister Thomas Hunsteger-Petermann kann dies nicht erklären. Nur so viel scheint festzustehen: Für Integrations-Projekte des Roten Kreuzes wurden die Spendengelder nicht verwendet. Das sagt jedenfalls das DRK.

Archivbild vom Ramadanfest in dem Baskent-Saal am Hellweg.
Flossen die Spendengelder hierhin? Ein Archivbild vom Ramadanfest in dem Baskent-Saal am Hellweg. © Szkudlarek (Archiv)

Spendenpraxis beim DRK: Staatsanwaltschaft muss Beweis erbringen

Licht ins Dunkel bringen könnte der seit mehreren Monaten von der Führung der Dienstgeschäfte entbundene Müller. Aber der städtische Beamte im Rang eines Verwaltungsdirektors sagt bislang nichts zur Verwendung des Geldes. Anfragen des WA bei seiner Anwältin blieben auch für diese Berichterstattung unbeantwortet.

Gegen Müller ermittelt die Staatsanwaltschaft Dortmund (auch) wegen des DRK-Komplexes. Sollte es diesbezüglich zu einem Prozess kommen, müsste übrigens nicht Müller nachweisen, was mit dem Geld geschah, sondern die Staatsanwaltschaft den Beweis erbringen, dass das Geld von ihm nicht sachgerecht verwendet wurde. Das erklärte Pressestaatsanwalt Henner Kruse auf Nachfrage unserer Redaktion. Eine Verjährung, so Kruse weiter, trete üblicherweise nach fünf Jahren ein. Entscheidend ist für die Ermittler demzufolge zunächst alles, was rückblickend bis zum Jahr 2016 geschah.

Spendenkasse: Mehr als 200.000 Euro in bar sind einfach weg

Als unsere Redaktion im Juli 2021 die dubiose Spendenkasse beim DRK aufgedeckt hatte, war zunächst von Barauszahlungen in Höhe von 130.000 Euro an Müller die Rede gewesen (für die Jahre 2013 bis 2016/2017). Das DRK Hamm veranlasste daraufhin über seinen Landesverband einen internen Revisionsbericht, zu dem DRK-Vorstandsvorsitzende Stefanie Göckler im Oktober gegenüber unserer Redaktion erklärte, dass zwischen den Jahren 2011 und 2016 insgesamt 171.000 Euro in bar an Müller ausgehändigt worden seien.

Die fragwürdige Auszahlungspraxis hatte allerdings auch da schon Tradition. Wie aus Dokumenten, die unserer Redaktion nun vorliegen, hervorgeht, wurden zwischen den Jahren 2005 und 2017 exakt 202.900 Euro in bar ausgezahlt – also noch einmal rund 30.000 Euro mehr als bislang bekannt gewesen war.

Summe auf Spendenkonto noch höher als bislang bekannt

Mit den 202 900 Euro allein ist es allerdings noch nicht getan. Insgesamt flossen Spenden in Höhe von 385.024,92 Euro auf das mit „Integrationsarbeit, Ramadanmarkt, Spende“ titulierte DRK-Konto. Bei den rund 160 000 Euro, die nicht „cash“ an Müller übergeben wurden, sieht das DRK keine Probleme und veranlasste keine weiteren Überprüfungen. Das Geld wurde offenbar per Banküberweisungen an (berechtigte) Empfänger transferiert. Darunter waren nach unseren Informationen auch Moscheevereine.

Den guten Zweck im Blick: Kurt Sperling († links), Bernd Honermeyer (daneben, beide Sparkasse), Ex-OB Thomas Hunsteger-Petermann (Mitte) und Wolfgang Müller (Zweiter von rechts) bei der Vorstellung zum letzten großen Ramadan-Fest 2010.	Foto: rother
Den guten Zweck im Blick: Kurt Sperling († links), Bernd Honermeyer (daneben, beide Sparkasse), Ex-OB Thomas Hunsteger-Petermann (Mitte) und Wolfgang Müller (Zweiter von rechts) bei der Vorstellung zum letzten großen Ramadan-Fest 2010. © Andreas Rother

Die Spenden – auch das ist anhand der dem WA nun vorliegenden Unterlagen komplett dokumentiert – stammten überwiegend von städtischen Töchtern und überraschenderweise auch von der Stadt Hamm selbst. Letzteres war bislang nicht bekannt.

Spendengelder stammen vor allem von der Sparkasse

Mit Abstand größter Spender war die Sparkasse Hamm, die allein 265.750 Euro (davon 209.750 Euro im Zeitraum 2011 bis 2017) auf das „Müller-Konto“ überwies. Die Stadt Hamm steuerte als zweitgrößter Geldgeber rund 28.700 Euro bei (davon rund 14.300 Euro ab 2011), von den Stadtwerken kamen 24.600 Euro (davon 19.500 Euro ab 2011) und von der Hammer gemeinnützigen Baugesellschaft (HGB) als weiterer städtischer Tochter 5 850 Euro (davon 3.500 Euro ab 2011).

Hinzu kommen rund 75 Spenden von Firmen, Verbänden und Privatleuten, die über die Jahre jeweils maximal kleinere vierstellige Summen auf das Konto einzahlten. Erklärung dafür, dass die Stadt Hamm selbst ans DRK „spendete“, könnte sein, dass dieses Geld bei (städtischen) Veranstaltungen gesammelt wurde. Überprüfen lässt sich das über eine WA-Anfrage bei der Stadt aktuell nicht. Alle relevanten Unterlagen wurden von der Staatsanwaltschaft im Zuge des Ermittlungsverfahrens beschlagnahmt.

Geld ausgezahlt: Überwiegend soll das Geld an Müller gegangen sein

Das bar ausgezahlte Geld ging „überwiegend an Herrn Müller“ wie es in den unserer Redaktion vorliegenden Unterlagen für die Jahre ab 2011 heißt und wie es laut DRK-Insidern auch in der Zeit davor der Fall gewesen sein soll. Wer die weiteren Personen neben Müller waren, wird in den Dokumenten nicht ausgeführt. Gegenüber unserer Redaktion hatte das DRK bislang immer ausschließlich von Müller als Empfänger gesprochen.

Auffällig bei den Barauszahlungen sind insbesondere die Jahre 2014 und 2015, in denen die Hälfte der 202.900 Euro (50.100 Euro im Jahr 2014 und 52.500 Euro im Jahr 2015) ausgehändigt wurde. Ebenfalls bemerkenswert: Fast alles Geld, das in diesen beiden Jahren als Spende auf dem DRK-Konto eingegangen war, soll „cash“ ausgehändigt worden sein; Banküberweisungen sollen in dieser Zeit kaum oder gar nicht stattgefunden haben.

Geld für früheren Amtsleiter: Glatte vierstellige Beträge in bar

Wie das DRK schon im Juli 2021 gegenüber unserer Redaktion erklärt hatte, sollen Müller in der Regel glatte vierstellige Beträge übergeben worden sein. Fünfstellige Summen seien einige wenige Male ausgezahlt worden. Der Amtsleiter soll übers gesamte Jahr erschienen sein, eine „Hochsaison-Phase“ (etwa zur Ramadanzeit) soll es nicht gegeben haben. Laut den nun vorliegenden Unterlagen wurden ab 2010 jährlich zwischen elf und 19 Geldabholungen abgewickelt.

Der Oberbürgermeister will das so.

Satz, den Wolfgang Müller immer wieder gesagt haben soll

Wie die Auszahlungen angebahnt wurden, ist nicht dokumentiert. Dem WA wurde von mehreren Seiten erklärt, dass sich Müller in der Regel per Telefon beim DRK zwecks Geldabholung angemeldet und sich dabei auch nach dem aktuellen Stand auf dem Konto erkundigt haben soll. Falls zu wenig Geld darauf war, sollen von ihm kurzfristig neue Spenden auf den Weg gebracht worden sein. Ein Satz, der dabei immer wieder von Müller gefallen sein soll: „Der Oberbürgermeister will das so.“

Die Auszahlungen wurden laut der DRK-Dokumente anschließend vom Kreisgeschäftsführer/Vorstand angewiesen. DRK-Mitarbeiter wurden demnach beauftragt, den jeweiligen Betrag bei der Sparkasse abzuholen und zu einem „definierten Zeitpunkt“ an „einen Mitarbeiter der Stadt Hamm auszuhändigen“. Dazu wurde ein Scheck ausgestellt und vom Kreisgeschäftsführer (der ab Ende 2012 in Vorstand umbenannt war) unterschrieben. Die DRK-Mitarbeiter holten in der Folge das Geld von der Bank, verwahrten es in der Barkasse und händigten es am jeweiligen Tag X an den städtischen Mitarbeiter gegen Unterschrift auf einer „Auszahlungsanordnung“ aus. Die Auszahlungsanordnungen wurden gesammelt. Was anschließend mit dem Geld geschah, blieb unbekannt. „Relevante Belege über die Mittelverwendung der Barauszahlungen“ seien nicht entdeckt worden, heißt es in den dem WA vorliegenden Unterlagen.

Praxis der Barauszahlungen: Selbst Wirtschaftsprüfer intervenierte nicht

Die Praxis der Barauszahlungen wurde offenbar in der aktiven Phase des 2013 verstorbenen DRK-Geschäftsführer Kurt Sperling eingeführt, aber auch von seinen Nachfolgern fortgesetzt. Stefanie Göckler, seit 2016 DRK-Vorstandsvorsitzende, unterband sie schließlich. So erklärte es die DRK-Chefin selbst im Juli 2021 gegenüber unserer Redaktion und sprach von „schweren Fehlern“, die in der Vergangenheit begangen worden seien.

Verdacht wurde seitens ihrer Vorgänger anscheinend nicht geschöpft. Auch der DRK-Wirtschaftsprüfer intervenierte bei seinen stichprobenartig durchgeführten Prüfungen für die Jahresabschlüsse nicht. „Da die Auszahlungen an Herrn Müller, Leiter der Abteilung Migration der Stadt Hamm, erfolgten, stellte sich kein Störgefühl ein“, heißt es in den DRK-Unterlagen. Die Bargeldauszahlungen an die Stadt Hamm seien zwar erkannt, jedoch als nicht auffällig bewertet worden.

Geldgeber Sparkasse: 40.000 Euro im Jahr der Kommunalwahl

Um Spendengelder auszuteilen, muss man sie zunächst einmal erhalten. Auch in dieser Hinsicht erscheint doch vieles merkwürdig. Wieso gaben städtische Töchter mit schöner Regelmäßigkeit erhebliche Summen ans DRK, wenn – wie sich jetzt herausstellt – Jahr für Jahr unklar blieb, was mit einem Gutteil dieser Spenden überhaupt geschah? Wer warb die Gelder ein? Wofür sollten sie bestimmt sein und wieso wurde niemand misstrauisch?

Der größte Geldgeber war, wie bereits erwähnt, mit 265.750 Euro die Sparkasse Hamm. 25-mal wurde von ihr zwischen 2006 und 2017 aufs Müller-Konto“ gespendet, ab dem Jahr 2010 waren die Jahressummen fünfstellig und rangierten zwischen 10.000 Euro (in 2017) und 40.000 Euro (im Kommunalwahljahr 2014).

Wir sind davon ausgegangen, mit unseren jährlichen Spenden den zentralen Ramadanmarkt zu unterstützen.

 Philipp Schönenberg,  Sparkassen-Sprecher

Unsere Redaktion hat die komplette Spendenliste der Sparkasse für die letzten zehn Jahre vorliegen und explizit bei neun Großspenden aus den Jahren 2011 bis 2017 nachgehakt. „Integrationsarbeit in Hamm“ waren diese in der Mehrzahl bezeichnet. „Integrationsarbeit Ramadan“, und „Rund um den Fastenmonat Ramadan“ waren lediglich zwei davon betitelt. Die Spendenbeträge schwankten zwischen 10.000 Euro und 30.000 Euro (mit einer Ausnahme über 5000 Euro im Dezember 2013). Insgesamt geht es bei den neun Großspenden um 175.000 Euro.

Wo blieb das Geld? 385 025 Euro flossen auf das „Müller-Konto“, 53 Prozent davon wurde in bar ausgezahlt
Wo blieb das Geld? 385.025 Euro flossen auf das „Müller-Konto“, 53 Prozent davon wurde in bar ausgezahlt © Grafik: wa.de

„Wir sind davon ausgegangen, mit unseren jährlichen Spenden den zentralen Ramadanmarkt zu unterstützen. Bei den aufgezählten Spenden gab es in 2013 und 2014 darüber hinaus weitere Unterstützungen für Integrationsprojekte“, antwortet Sparkassen-Sprecher Philipp Schönenberg auf die Frage, wofür die Spendengelder aus ihrer Sicht verwendet wurden – ob für eine oder für mehrere Aktivitäten. Ferner erklärt das Geldinstitut: „Für alle Spenden liegen uns entsprechende Spendenbescheinigungen des DRK vor. Wir sind bis zur Berichterstattung des WA davon ausgegangen, dass die Mittel dem uns vom DRK bescheinigten Spendenzweck zugeführt wurden.“

Unterstützung für umstrittenes Fest - auch, als es nicht mehr für alle offen war

Der Ramadanmarkt war eine Veranstaltung, die ursprünglich in der Innenstadt für jedermann ausgerichtet wurde. Letztmals fand das öffentliches Fastenbrechen im Jahr 2010 an der Pauluskirche statt. Danach wurde nur noch in „abgespeckter“ Form im Baskent-Saal am Hellweg mit rund geladenen 700 Gästen gefeiert. Umstritten war dieses „kleine“ Fest stets, weil aus der Türkei auch AKP-Prominenz anreiste. Eigentlich nur als Übergangslösung (wegen der späten Uhrzeiten im Ramadan in den Jahren 2011 bis 2014) gedacht, fand die Veranstaltung ab dem Jahr 2011 im immer gleichen Rahmen im Hammer Süden statt. Ein Zurückverlegen in die Innenstadt wurde kein Thema mehr.

Merkwürdig ist nun Folgendes: Mal wurden laut Sparkasse von ihr 20.000 Euro beigesteuert (2011), mal 25.000 Euro (2012), mal 30.000 (2013, evtl. auch 2014 und 2015), dann wieder 20.000 Euro (2016) und zuletzt 10.000 Euro (2017). Dies alles, obwohl der Rahmen des Festes stets derselbe war. Warum diese Schwankungen? Die Antwort der Sparkasse fällt nichtssagend aus: „Die Spendenhöhe ist abhängig von der angefragten Unterstützung und dem jeweiligen Projekt.“

Ramadanfest mit Gästen der AKP: Zahlte die Stadt alles?

Zumindest im Jahr 2017 wurde auch nicht der Ramadanmarkt unterstützt, sondern das Geld (rund 10.000 Euro) floss laut WA-Informationen vom DRK zum zehnjährigen Festakt der Städtepartnerschaft Hamms mit der türkischen Stadt Afyon, welcher 2018 in Hamm begangen wurde. Eigentlich hätte das zehnjährige Bestehen der Partnerschaft bereits 2016 gefeiert werden sollen. Doch die Aktivitäten waren wegen des Putschversuchs in der Türkei verschoben worden. Der Besuch der Hammer Delegation um Ex-Oberbürgermeister Thomas Hunsteger-Petermann zu den Feiern in Afyon in 2017, aber auch die Feierlichkeiten in Hamm, hatten für Kritik gesorgt, weil Afyons Bürgermeister Mitglied der AKP ist.

Integrationsarbeit im Jahr 2017: Das Bild zeigt das Fastenbrechen im Hammer Süden.	Foto: körtling
Integrationsarbeit im Jahr 2017: Das Bild zeigt das Fastenbrechen im Hammer Süden. © Körtling

Der Afyon-Festakt war die letzte große Transaktion, die über das DRK-Konto abgewickelt wurde. Danach versiegte der Spendenfluss. Seit dem Jahr 2017 befindet sich nach WA-Informationen auf dem „Müller-Konto“ noch ein drei- oder sehr kleiner vierstelliger Betrag, der bis heute nicht mehr angerührt wurde.

Merkwürdige Spendenpraxis: Relevante Daten und Akten sind beschlagnahmt

Merkwürdig bleibt, dass es auch in 2017 einen Ramadanmarkt im Hammer Süden gab. Ebenso in den Jahren 2018 und 2019 – und all die Male mit weiterhin 700 geladenen Gästen. Wenn nicht über Spenden finanziert, wer bezahlte dann die Rechnungen für diese Feste? War es die Stadt selbst? Hat sie auch in all den Jahren davor die Veranstaltung finanziert? Entsprechende Anfragen des WA ans Rathaus wurden mit Verweis auf die laufenden Ermittlungen der Staatsanwaltschaft nicht beantwortet. Alle relevanten Akten und Datenträger seien beschlagnahmt worden, deshalb könne man aktuell keine Auskunft geben, hieß es von der Verwaltung.

Welche Rolle spielte der ehemalige Oberbürgermeister Thomas-Hunsteger-Petermann?
Welche Rolle spielte der ehemalige Oberbürgermeister Thomas-Hunsteger-Petermann? © Reiner Mroß / Digitalfoto

Bleibt die Frage, wer die Sparkasse veranlasste, das viele Geld auf das DRK-Konto zu spenden. Die Sparkasse erklärt hierzu, dass es bei den neun von unserer Redaktion hinterfragten Großspenden aus den Jahren 2011 bis 2017 dreimal eine schriftliche Anfrage des DRK auf dessen Briefbögen gegeben habe. „Einmal hat ein Mitarbeiter der Stadt eine schriftliche Anfrage gestellt. Darüber hinaus gibt es Vermerke der Sparkasse, die Anfragen des DRK festhalten“, so die Sparkasse. Die Frage unserer Redaktion, ob der angeführte „Mitarbeiter der Stadt“ Müller war oder auch der Ex-Oberbürgermeister gewesen sein könnte, blieb unbeantwortet.

Wir bitten gemäß Ihrem Gespräch mit dem Oberbürgermeister, Herrn Hunsteger-Petermann, für die ,Integrationsarbeit in Hamm’ um eine Spende.

Zitat aus einer E-Mail des damaligen DRK-Chefs an die Sparkasse

In den DRK-Unterlagen befindet sich nur ein kurzes Schreiben, das allerdings tief blicken lässt. Es stammt aus dem Jahr 2012. Der damalige DRK-Geschäftsführer Kurt Sperling wendet sich am 16. Mai an den damaligen Sparkassen-Direktor Bernd Honermeyer. „Sehr geehrter Herr Honermeyer, wir bitten gemäß Ihrem Gespräch mit dem Oberbürgermeister, Herrn Hunsteger-Petermann, für die ,Integrationsarbeit in Hamm’ um eine Spende in Höhe von 25.000 Euro. Wir bedanken uns schon jetzt recht herzlich für Ihre Unterstützung und verbleiben mit freundlichen Grüßen ...“, ist dort zu lesen. Zwei Wochen später ist das Geld auf dem DRK-Konto. Wie Sperling über das Gespräch zwischen dem OB und dem Sparkassen-Chef informiert wurde, ist beim DRK nicht dokumentiert.

Hunsteger-Petermann ist im gesamten Zeitraum Oberbürgermeister

Thomas Hunsteger-Petermann war von 1999 bis 2020 – also in dem gesamten hier im Raum stehenden Zeitraum – nicht nur der Oberbürgermeister der Stadt Hamm, sondern auch der Verwaltungsratsvorsitzende der Sparkasse Hamm – sozusagen Honermeyers oberster Vorgesetzter. Sperlings Worte kann man letztlich nur so verstehen, dass der OB die Sparkasse anwies, 25.000 Euro ans DRK zu spenden. Und das geschah offenbar nicht nur dieses eine Mal. „Ich habe mich immer für diese Spenden eingesetzt und initiiert, dass es Spenden für Integrationsarbeit gibt. Und zu dieser Entscheidung stehe ich auch“, räumt Hunsteger-Petermann Ende November gegenüber unserer Redaktion ein.

Dass man auch bei der Sparkasse aufgrund der schwankenden Spendenbeträge fürs Ramadanfest hätte misstrauisch werden können, bestätigt der Ex-OB ebenfalls. „Ja, das ist so. Das scheint nicht hinterfragt worden zu sein. Man kann mir im Zweifel Naivität vorwerfen, aber es ist niemand auf die Idee gekommen, dass hier etwas nicht stimmen könnte.“ Er sei über alle Großspenden informiert gewesen, habe diese aber nie schriftlich eingefordert. „Wir haben das alles in dem Glauben gemacht, dass wir etwas für die Integration tun.“

Ex-Oberbürgermeister: Stadt war in schwieriger Finanzlage, deshalb Spenden-Modell

Die Stadt Hamm sei damals, so Hunsteger weiter, in einer schwierigen Finanzlage gewesen und habe unter Haushaltsaufsicht gestanden. Freiwillige Ausgaben wären nicht möglich gewesen, weil die Bezirksregierung diese umgehend wieder kassiert hätte. Deshalb sei das Spenden-Modell beim DRK ins Leben gerufen worden – übrigens nicht nur für den Integrationsbereich. Es gebe auch noch andere Spendenkonten beim DRK, beispielsweise für Flüchtlinge.

Wenn ich das vor zehn Jahren gewusst hätte, hätte ich genau so, wie Marc Herter es jetzt tut, gehandelt.

Ex-Oberbürgermeister Thomas Hunsteger-Petermann

Den Schwarzen Peter sieht Hunsteger allein bei Amtsleiter Müller. Wohin das bar ausgezahlte Geld geflossen sei, wisse er nicht. Noch einmal wiederholt er seinen Ausspruch vom Juli 2021: „Wenn ich das vor zehn Jahren gewusst hätte, hätte ich genau so, wie Marc Herter es jetzt tut, gehandelt.“ Er habe Müller stets vertraut. „Aber hinterher ist man bekanntlich immer klüger“, so Hunsteger. Sätze wie: „Das war alles mit dem OB so abgesprochen“, seien ihm bestens bekannt. „Das war Müllers Lieblingsspruch“, so Hunsteger. Ob Spendengelder zweckentfremdet wurden, müsse nun die Staatsanwaltschaft ermitteln. Er habe dazu eine Meinung, wolle den Ermittlern aber nicht vorgreifen.

Neue DRK-Chefin unterbindet Barauszahlungen

Bleibt noch Eines, und zwar das letztlich abrupte Ende der Spendenaktivitäten. Wie dargestellt, flossen 2017 letztmals Gelder auf das DRK-Konto. Die Sparkasse erklärt auf Anfrage unserer Redaktion, dass es in jenem Jahr „letztmalig eine Anfrage zur Unterstützung“ gegeben habe. Stefanie Göckler sagt, dass sie die Praxis der Barauszahlungen damals unterbunden habe. Parallel gab es offenbar auch einen Verdachtsfall, dem das OB-Büro nachging. Dieser bezog sich auf das Flüchtlingskonto beim DRK.

Müller habe letztlich nachweisen können, dass das ihm in diesem Zusammenhang ausgezahlte Geld an der richtigen Adresse angekommen sei. Das hatte Hunsteger-Petermann bereits im Juli 2021 gegenüber unserer Redaktion erklärt. Einzelverfügungen sei fortan auch über das OB-Büro ein Riegel vorgeschoben worden. Auf die Frage, ob die Verwaltungsspitze bei der Gelegenheit nicht doch auch Kenntnis von den Aktivitäten Müllers beim Ramadan-Konto erlangte, antwortet Hunsteger-Petermann: „Definitiv: Nein.“

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