Darum kommt es im EVK zu solchen Situationen

Drei Stunden Warten in der Notaufnahme - Protest regt sich

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Hamm – Mehr als drei Stunden warteten manche Patienten in diesem Winter in der Notaufnahme des Evangelischen Krankenhauses, bis ein Arzt sie untersuchte. Der Klinik fehlt das Geld. Jetzt regt sich Protest.

Ihre kranke Tochter auf dem Schoß, sitzt Nadine Müller (*) in der Notaufnahme des Evangelischen Krankenhauses (EVK). Es ist ein Samstagabend im Februar. Die Kleine, sie ist drei, erbricht sich immer wieder, es kommt nur noch Magensaft. Müller hat eine Einweisung in die Klinik dabei, die ihr ein Kinderarzt ausgestellt hat, falls es dem Kind nicht besser geht. Doch trotz Einweisung warten die beiden dreieinhalb Stunden, bis ein Arzt kommt. Das Mädchen hat Rotaviren und droht auszutrocknen, muss an den Tropf. Drei Tage lang bleiben Mutter und Kind in der Klinik.

So wie Müller geht es vielen Familien. Mehrere Eltern haben dem WA berichtet, dass sie im Winter stundenlang in der Notaufnahme gewartet haben. Dabei seien Wartezeiten von mehr als drei Stunden nicht akzeptabel, sagt Prof. Wolfgang Kamin. Doch er sieht wenig Möglichkeiten, die Situation zu bessern – dabei ist er der Ärztliche Direktor des EVK.

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In Hamm betreiben die niedergelassenen Kinderärzte bis 20.30 Uhr eine Notdienstpraxis in den Räumen des EVK. Danach, bis etwa 2 Uhr nachts, wird es in der Notaufnahme voll. Manchmal warten Dutzende Patienten. Dienst haben nachts ein Kinderarzt und ein Kinderchirurg.

Kommt ein Kind in die Notaufnahme, fragen Krankenpfleger zunächst nach Symptomen, schauen es sich an, messen Fieber, um Antworten auf zwei Fragen zu erhalten: Wie schwer ist die Erkrankung? Und wie schnell braucht das Kind ärztliche Hilfe?

Tresen der Notaufnahme: Hier teilt der Personal ein, wie schnell Patienten behandelt werden müssen.

Bei mehr als 70 Prozent der Patienten, schätzt Kamin, sei die Erkrankung weder schwer noch die Behandlung dringend. Doch wegschicken wolle man niemanden: „Wir wollen nicht, dass uns jemand durchgeht.“ Also werden die Patienten eingeteilt, in lebensbedrohlich Erkrankte, schwer Erkrankte und diejenigen, die ambulant versorgt werden können.

Schwebt ein Kind in Lebensgefahr, dauere es weniger als eine Minute, ein Team zur Rettung zusammenzustellen. Intensivmediziner, Kinderarzt, Anästhesist, Pfleger und weitere Fachleute kämpfen in einem Schockraum um das Leben der Patienten. „Es kommt vor, dass das eine Stunde dauert“, sagt Kamin. Die übrigen Patienten müssen dann warten. In anderen Kliniken sieht sie Situation ähnlich aus, das zeigen Medienberichte.

Wie wäre es mit mehr Personal?

Zwei Lösungen für die überfüllten Notaufnahmen sieht Kamin: Mehr Personal wäre die eine. Doch dafür fehlt das Geld. Laut EVK sind sowohl die Notaufnahme als auch die Kinder- und Jugendmedizin chronisch unterfinanziert. Auch in anderen Kliniken regt sich Protest. Sowohl der Ärztliche Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin der Universitätsklinik Münster als auch die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin fordern mehr Unterstützung für die Kinderkliniken, sie haben an das Landes- und Bundesgesundheitsministerium geschrieben.

Wann ist ein Kind ernstlich krank?

Die zweite Lösung: Dass Eltern mit leicht erkrankten Kindern nicht in die Notaufnahme kommen. Doch Kamin hält das für unrealistisch – und scheut sich davor, eine Empfehlung dafür zu geben, wann ein Kind in die Klinik gehört und wann nicht. „So etwas ist subjektiv“, sagt er. Gäbe man Kriterien aus, könnten diese falsch verstanden werden, sodass vielleicht Eltern nicht kommen, deren Kind schwer krank ist. Das Land NRW erklärt auf WA-Anfrage, es arbeite derzeit an einem Konzept, um dieses Problem zu lösen.

Der nächste Winter kommt bestimmt

Immerhin: Laut der Kinderklinik wurde in diesem Winter kein Kind wegen der langen Wartezeit unzureichend versorgt. Auch dem WA ist kein solcher Fall bekannt.

Also alles gut? Das nicht. Im Moment hat sich die Lage entspannt, die schlimmste Krankheitswelle ist vorbei. Doch der nächste Winter kommt. Und wenn sich bis dahin nichts ändert, wird die Notaufnahme wieder voll, glaubt Kamin – sodass Kinder und Eltern warten. Und warten. Und warten.

(*) Name geändert

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