Einblick in die Hospizarbeit: Kinder bis in den Tod begleiten

+
Symbolbild

Hamm - Kinder bis in den Tod begleiten, ihre Familien unterstützen, Kraft und Halt geben - wie geht das? Drei ehrenamtliche Helferinnen erzählen von ihrem Alltag im Ambulanten Kinderhospizdienst. 

„Also das könnte ich ja nicht“ – ein Satz, den die ehrenamtlichen Mitarbeiter des Ambulanten Kinder- und Jugendhospizdienstes Hamm sehr häufig zu hören bekommen. Anfang März beginnt ein neuer Befähigungskurs des Hospizdienstes, bei dem Interessierte lernen, Kinder und Jugendliche mit einer lebensverkürzenden Erkrankung zu begleiten und den Eltern und Geschwistern eine Stütze zu sein. 

Doch wer nimmt sich solch einer vermeintlich schwierigen Aufgabe freiwillig an? Melanie Horak, Anke Hubschmid und Marita Flechtker erzählen aus dem Alltag des Kinderhospizes, wieso die Arbeit mit Kindern einfacher ist als mit Erwachsenen und die Familien einem persönlich viel Lebensqualität geben.

„Ich habe ihn nicht auf dem Arm und denke ,Du wirst bald sterben’“

Melanie Horak ist hauptberufliche Gesundheits- und Krankenpflegerin. 

Als hauptberufliche Gesundheits- und Krankenpflegerin wird Melanie Horak in ihrem Alltag oft mit dem Thema Tod konfrontiert. Sie befindet sich seit knapp einem Jahr in der Begleitung eines lebensverkürzend erkrankten Jungen, den sie alle zwei Wochen für einen Tag besucht. Dabei merkt die 24-Jährige, dass sie keinesfalls ständig den Gedanken an den frühen Tod des Jungen hat. „Ich habe ihn nicht auf dem Arm und denke ‘Du wirst bald sterben’. Wir lachen zusammen und haben Spaß.“ 

Im Vordergrund steht die Lebensfreude, die man dem erkrankten Kind vermittelt und die sie von der Familie trotz schweren Schicksals entgegengebracht bekommt. „Wir neigen dazu, uns ständig zu beklagen, doch was diese Familie in ihrem Alltag meistert, ist bewundernswert“, sagt Horak. Anders als in einem Hospiz für Erwachsene, begleiten Horak und ihre Kolleginnen die Erkrankten über Jahre und nicht nur in der letzten Lebensphase. Besonders als junger Mensch mit wenig Lebenserfahrung wächst Horak an dieser Aufgabe und bekommt einen anderen Blickwinkel auf das, was wichtig im Leben ist. „Ich lerne, meine Werte und Grenzen neu zu stecken, ‘Nein’ zu sagen und nach Hilfe zu fragen“, so Horak.

„Ich könnte nicht in einem Erwachsenenhospiz arbeiten“

Anke Hubschmid ist pharmazeutisch-kaufmännische Angestellte.

Auch Anke Hubschmid macht bei ihrer Begleitung die Erfahrung, dass das tragische Schicksal in den Familien nicht das Erste ist, was man sieht. Einmal in der Woche fährt sie zu dem fünfjährigen Bruder eines erkrankten Mädchens. Bei den Besuchen geht es ausschließlich um das gesunde Kind, laut Hubschmid ist die Begleitung der Geschwister genauso wichtig, denn sie kommen oft zu kurz. Seine Schwester wird von einem 24-Stunden-Dienst betreut, trotzdem können seine Eltern sich nicht immer auf ihn konzentrieren. „An den Tagen, an denen ich komme, entlaste ich die Familie und bin wirklich nur für den Bruder da, der die Aufmerksamkeit dann auch sichtlich genießt“, so Hubschmid. Über seine lebensverkürzend erkrankte Schwester sprechen die Beiden selten. Dies ist kein Thema an seinem besonderen Tag. 

Bei ihrer letzten Begleitung hat Hubschmid den Tod einer jungen Frau miterlebt. Dieses Erlebnis ist an ihr hängen geblieben, aber durch Gespräche mit ihrem Mann und ihren Kollegen ist sie gut aufgefangen worden. Sie ist sich sicher, die Arbeit in einem Kinderhospiz fällt ihr leichter als in einem Hospiz für Erwachsene. „Kinder sind unvoreingenommen und leben in dem Moment. Sie machen sich keine Gedanken über das Sterben und nehmen die Situation einfach so hin.“ Nicht, dass der Tod eines Kindes leichter hinzunehmen wäre, aber die Art, wie Kinder mit ihrem Schicksal umgehen, ist leichter zu begleiten. „Für Kinder ist der eigene Tod nicht so negativ belastet.“

„So hart es auch klingt: Man merkt dadurch, wie gut es das Leben mit einem meint“

Martina Flechtker ist ehemalige Krankenschwester.

So ganz trennen konnte sich Marita Flechtker von ihren ehemaligen Begleitungen noch nicht. Noch immer steht sie in Kontakt mit den Müttern zweier verstorbener Kinder, die Flechtker begleitete, und stellt einen wichtigen Ankerpunkt für die Frauen dar. Die Bewältigung der Trauer, Friedhofsgänge, Geburtstage – Flechtker wurde über die Jahre mit in die Familie eingebunden, war bei den Beerdigungen dabei und sei oftmals aufgrund ihrer neutraleren Position ein besserer Ansprechpartner als die Verwandtschaft. 

Als ehemalige Krankenschwester betont sie den Unterschied zwischen dem Tod einer Person im Hospizdienst und im Krankenhaus. „Auch wenn ich die Patienten eine längere Zeit begleitet hatte, waren sie doch irgendwie einfach weg nach ihrem Tod. Im Hospizdienst stehe ich in einem ganz anderen Verhältnis zu den Betroffenen“, sagt Flechtker. Eine neue Begleitung hat sie noch nicht. „Es ist nicht so, dass man sich nach dem Tod des Kindes direkt zurückzieht und woanders weitermacht.“ Trotzdem sieht sie die Arbeit als eine unheimliche Bereicherung. Auch wenn das hart klingt, so Flechtker, man merkt dadurch, wie gut es das Leben mit einem gemeint hat, wenn man die eigenen Kinder und Enkelkinder gesund durch den Garten springen sieht.

Ehrenamtliche Mitarbeiter gesucht

Ein neuer Befähigungskurs des Ambulanten Kinder- und Jugendhospizdienstes startet Anfang März. Es werde dringend nach neuen Mitarbeitern gesucht, so Koordinatorin Martina Abel. 

Interessierte können sich auf der Internetseite des Ambulanten Kinder- und Jugendhospizdienstes Hamm oder unter Telefon 4953991 melden. Am Montag, 15. Januar, 18 Uhr findet außerdem ein Informationsabend in den Räumen am Caldenhofer Weg 78-81 statt. 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare