Restaurants im Lockdown

Die unfreiwillige Freizeit: Wie Gastro-Mitarbeiter die Corona-Krise erleben

Gestapelte Stühle eines Restaurants sind mit Absperrband umwickelt.
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Gastronomen und ihre Mitarbeiter müssen weiter durchhalten: Der Lockdown wurde verlängert.

Die Stühle sind hochgeklappt und die Küche bleibt kalt – so sieht es aktuell in den meisten Hammer Restaurants aus. Doch nicht nur die Betreiber leiden unter den strengen Beschränkungen, auch ihre Mitarbeiter verharren in diesen Zeiten in einer unsicheren Wartestellung. Wir haben mit einigen gesprochen.

Hamm – Kai Seyfarth ist Koch im Reinhardt’s in der Innenstadt. Einen Lieferdienst bietet das Restaurant in diesem Lockdown nicht mehr an – im Frühjahr habe sich dieser nicht rentiert. Aus diesem Grund ist Seyfarth aktuell wenig in der Restaurant-Küche. „Wir haben das Glück, dass unser Arbeitgeber uns dennoch volles Gehalt zahlt“, sagt Seyfarth. Sein Chef habe die Gehälter vorgestreckt, damit niemand vom Kurzarbeitergeld leben müsse. „Dafür sind meine Kollegen und ich sehr dankbar, denn wir haben trotzdem Rechnungen zu bezahlen.“

Selbstverständlich sei das für den Koch nicht. Er kriege mit, wie es um andere Gastro-Mitarbeiter stehe. Der 31-Jährige nutze seine unfreiwillig gewonnene Zeit, um seine frisch bezogene Wohnung einzurichten. „Zudem habe ich endlich wieder mit dem Laufen angefangen. Man muss ja irgendwie fit bleiben“, sagt Seyfarth.

Unverständnis für strenge Regelungen

Ganz so einfach hat es Gabi Dietrich nicht. Ihr Einkommen fehlt aktuell komplett in der Haushaltskasse. Die 450 Euro-Kraft arbeitet bei den Wieland-Stuben in Wiescherhöfen und war erstaunt über die strengen Maßnahmen in der Gastronomie, die nun schon seit November gelten. „Wir Mitarbeiter sind alle geschult worden und haben uns an alle Regeln gehalten. Wir können hier die Einhaltung der Maßnahmen gut kontrollieren und müssen dennoch schließen.“ Sie gehe davon aus, dass sich die Menschen im privaten Raum nicht so konsequent an die Abstands-Regeln halten würden wie in einem Restaurant.

Würden gerne wieder mit anpacken: Gabi Dietrich (links) und Manuela Meier leiden unter den Gastro-Beschränkungen.

Ihr Einkommen diente vor allem für die Finanzierung von Urlauben. In den Urlaub geht es zwar in naher Zukunft nicht, aber das Geld fehle dennoch. Sie und ihr Mann kommen weiterhin über die Runden, aber nicht ohne Einsparungen. Einige langjährige Verträge wurden bereits durchgesehen und gegebenenfalls erneuert, um Geld zu sparen. „Wir achten mehr aufs Geld und überlegen uns gemeinsam, was wir einkaufen. Zudem kaufen wir fast ausschließlich Produkte im Angebot“, erklärt Dietrich.

Dietrichs Kollege Michael Fischer fragt sich, ob sich die Regierung es überhaupt leisten könne, die Wirtschaft soweit herunterzufahren. Als Koch ist er einer der vielen, die von der Kurzarbeit betroffen sind. Ihm fehlt rund die Hälfte seines eigentlichen Gehalts. Fischer arbeitet normalerweise fast 170 Stunden im Monat. Nun versucht er sich als Hausmann. Jedoch falle ihm früher oder später die Decke auf den Kopf. Fischer: „Irgendwann hat man jede Ecke geputzt und aufgeräumt, dann braucht man eine neue Beschäftigung.“

Kurzarbeit: Sparen an jeder Ecke

Die unfreiwillige Freizeit nutzte der 35-Jährige auch für Dinge, die er schon lange aufschob: „Ich habe endlich meine Autoversicherung gewechselt und einen neuen Backofen gekauft.“ Damit hat er nicht nur unliebsame Dinge hinter sich gebracht, sondern auch versucht, seine Frau zu unterstützen. Denn aktuell ist sie nicht von Kurzarbeit betroffen und somit die Verdienerin im Haus. Der Koch nimmt sich mehr Zeit für sein Hobby, das Angeln. Dennoch vermisst Fischer seine Arbeit. „Wir sind ein gut und lange eingespieltes Team. Ich freue mich, wenn ich endlich wieder normal arbeiten kann.“

Ähnlich geht es auch Manuela Meier, die eigentlich Vollzeit im Service-Bereich der Wieland-Stuben arbeitet. Nun kümmert sie sich vor allem um ihren Fünf-Personen-Haushalt. Für die Weihnachtsdekoration ließ sie sich besonders viel Zeit – denn Zeit hat sie aktuell mehr als genug.

Die Geschenke fielen an Heiligabend jedoch kleiner aus: „Mir fehlen fast 1000 Euro netto im Monat. Auch das spendable Weihnachts-Trinkgeld und die Feiertags- und Nachtzuschläge fielen weg“, sagt Meier. Sie überlegt, ihr Auto abzumelden, Sparverträge zu kündigen und Versicherungen zu erneuern, damit die Ausgaben sinken. Ohne das Einkommen ihres Mannes könne auch sie sich finanziell nicht mehr über Wasser halten.

Der Herd bleibt aus: Lukas Erfurth (links) und Michael Fischer hoffen auf die Rückkehr zur Normalität in den Wieland-Stuben.

Corona verschiebt Interessen und Prioritäten

Nicht nur die Angestellten sparen wo sie können. Auch Wieland-Stuben-Inhaber Lukas Erfurth hat sich eingeschränkt. „Ich habe einige Versicherungen geändert, sodass wir einiges einsparen.“ Des Weiteren überlegt er, das Wohnmobil aus Kostengründen abzugeben: „Wir schauen, was wir wirklich brauchen. Unsere Interessen haben sich durch Corona verschoben.“

Erfurth habe durch die Pandemie gemerkt, dass Zeit für seine Familie von hohem Stellenwert sei. Diese Zeit versuche er auch nach dem Lockdown weiterhin aufzubringen und mehr zu schätzen. Wenn diese Zeit denn endlich endet. „Ich kann dem ganzen Irrsinn der Politik nicht mehr folgen“, sagt er.

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