Leidenschaft und Blumen

Fliegende Floristin: Beate Ossenkemper arbeitet ohne Ladenlokal

Zuhause gestalten und dann ausliefern: Beate Ossenkemper liefert auf Bestellung und erfüllt alle Blumen-Wünsche.
+
Zuhause gestalten und dann ausliefern: Beate Ossenkemper liefert auf Bestellung und erfüllt alle Blumen-Wünsche.

Das rosafarbene Fahrrad, das an der Ecke Alter Uentroper Weg/Waldeckstraße seinen Dauerparkplatz hat, ist immer für eine Überraschung gut. Ob Ostern, Pfingsten, Sommerferien oder Weihnachten – Beate Ossenkemper sorgt dafür, dass es stets passend zur jeweiligen Saison dekoriert ist.

Hamm – Bis in den Advent hinein thronte auf dem Fahrrad noch ein mannshoher Hase, den die Floristin selbst konstruiert und liebevoll kostümiert hat. Aber auch ohne das beliebte Maskottchen kennen Ossenkempers Kunden den Weg zu ihr: Beate Ossenkemper ist „mobiler Florist” – eine unabhängige Blumenhändlerin ohne Ladenlokal.

„Von uns gibt es nicht viele, vielleicht eine Handvoll in ganz Deutschland”, sagt Ossenkemper. Als sie ihre Geschäftsidee im Jahr 2006 in die Tat umsetzte, zeichnete sich die Trendwende bereits deutlich ab: Urnenbestattungen wurden populärer, ebenso wie die Bitte statt Blumen lieber für gute Zwecke zu spenden. Das Vereinswesen befand sich im Wandel. Und bald jeder Discounter verkaufte für Kleinstbeträge Schnittblumen. „In der Floristik muss man klotzen; kleckern reicht nicht. Damals war mir klar, dass es viele Blumengeschäfte nicht schaffen und sich die Großen durchsetzen werden”, sagt Ossenkemper. Die Beschäftigung in einem solchen Unternehmen kam für die 58-Jährige, die bei Kley im Hammer Süden gelernt hat, jedoch nicht in Frage.

Kellerräume und ein Lager gefüllt

Für sie ist ihr Beruf bis heute eine Herzensangelegenheit. Blumen und Deko-Artikel zu verschenken, das bedeute Freude zu schenken, die Stimmung zu heben und Momente besonders und festlich zu machen. „Blümchen sind einfach was für die Seele. Ich habe nun das Glück, dass ich von meinem Beruf nicht leben muss und es auch gar nicht könnte. Mein Mann ist der Hauptverdiener. Das ist gerade in Corona-Zeiten, in denen viele Existenzen gefährdet sind, ein wichtiger Aspekt”, erklärt die Mutter von zwei mittlerweile erwachsenen Söhnen, die ihr Geschäftsmodell zunächst im Hobbykeller ansiedelte.

„Bald waren es dann zwei, drei Kellerräume und ein Lager.” Vom Sträußchen für Omas Kaffeekränzchen über die Gestaltung von Restaurants und Schaufenstern bis hin zu Jubiläen, Sportgala, Krankenbesuchen, Schützenfesten und Eheschließungen – Ossenkempers Einsatzgebiete sind vielfältig. Und sie muss haushalten, da sie ein Ein-Frau-Unternehmen ist: Mehr als zwei Hochzeiten an einem Wochenende sind da nicht machbar. „Es kommt vor, dass morgens ein Anruf eingeht ,Ich brauche in zwei Stunden einen Blumenstrauß’. Dann frage ich nach dem Anlass und den Vorlieben und lege los.”

Stammkunden vertrauen auf Ossenkempers Geschmack

Rufen Männer an, weil sie ihre Frauen zum Hochzeitstag oder zum Geburtstag überraschen möchte, muss Ossenkemper oft nicht lange überlegen, was Freude bereiten könnte: „Ich habe sehr viel Stammkundschaft und 98 Prozent der Damen und deren Geschmack kenne ich. Viele Kunden überlassen mir daher die Entscheidungen und sagen ,Mach einfach was Schönes’. Bei einigen habe ich bereits Hausbesuche gemacht. Wenn ich beispielsweise darum gebeten werde, Seidenblumen-Arrangements zusammenzustellen, dann muss ich wissen, was zur Einrichtung passen könnte.”

Lampenfieber ist für Ossenkemper dennoch immer wieder im Spiel, wenngleich sie in all den Jahren, in denen sie ihren Beruf nun schon ausübt, nur einmal daneben gelegen hat. „Das war ein junger Mann, der einen Strauß Rosen verschenken wollte. Erst haben wir über rote und dann über weiße gesprochen – und am Ende war es die falsche Farbe, weil wir uns missverstanden hatten. Grundsätzlich gilt: Wenn dem Kunden das Gesicht auf die Füße fällt, wird nachgebessert.”

Blumenkauf von Zuhause aus oder mit Termin

Ossenkemper ist froh, dass es im Stadtbezirk noch einige Floristen gibt – für sie wird es immer ein Traumberuf bleiben. „Aber es fehlt an Nachwuchs”, weiß sie. „Zu wenig Geld für zu viel Arbeit, das wollen die jungen Leute nicht mehr.”

In Zeiten von Corona ist vieles anders – die einen holen ihre Blumen lieber ab, die anderen lassen auf die Vordertreppe liefern und wer Ossenkemper besuchen möchte, der sollte unter 0176/ 41021891 einen Termin vereinbaren. „Ich bin noch nie so viel unterwegs gewesen, wie in dieser Zeit”, resümiert die Floristin, von deren Hausbesuchen vor allem die Gruppe profitiert, die gehandicapt ist und nicht mal eben in einen Blumenladen gehen oder die Balkonbepflanzung erneuern kann.

Umdenken „dank“ Corona

In ihrem Garten hat Ossenkemper in den vergangenen Monaten ein Open-Air-Ladenlokal eingerichtet, in dem Drossel und Eichhörnchen oft zu Besuch sind. „Anfang 2020 bin ich regulär auf Messen gefahren. Um ungewöhnliche Dekorationen anbieten zu können, fahre ich unter anderem nach Hamburg und Bremen. Tja, und dann kam der erste Lockdown und mein Lager war voll. Anfangs habe ich Klapptische und Sonnenschirme aufgestellt, auf denen ich die Ware präsentiert habe. Mittlerweile sind daraus drei Pavillons geworden. Ohne Corona hätte ich über so etwas gar nicht nachgedacht”, berichtet die Kleinunternehmerin, die es gestalterisch gern „natürlich” mag.

Hält sie sich in ihrem Garten auf, kommt es oft zum Schwatz auf Abstand. Nicht nur auf Kinder üben zudem Ossenkempers zwei Hunde und der „Enkelhund” des Sohnes eine besondere Anziehungskraft aus. Und mittendrin im Open-Air-Laden paddeln auch noch drei Fische in einem kleinen Teich.

Moderne Technik statt schwere Bücher

Ihre Blumen kauft Ossenkemper im Großmarkt in Rhynern. „Dort kann ich auch Bestellungen aufgeben, wenn meine Kunden besondere Wünsche haben”, fügt sie hinzu. Habe man früher ganze Gestaltungsbücher mit sich herumgetragen, könne man sich heute bequem der modernen Technik bedienen. Ob Handy oder I-Pad – nie sei es einfacher gewesen, den Kunden ein Bild von dem zu vermitteln, was machbar sei. Auch online ist Ossenkemper präsent und pflegt Kundenkontakte unter anderem auch via Whatsapp, wo sie immer wieder Status-Bilder von Deko-Ideen und Arrangements einstellt und Anregungen für ein schöneres Zuhause gibt.

Manchmal gehen Ossenkempers Machwerke um die Welt: Ob Italien, Polen oder Russland – Aufträge sind bereits aus vielen Ländern eingetroffen. Manchmal spielt Beate Ossenkemper mit dem Gedanken, in fünf Jahren mit ihrem Mann zusammen in Rente zu gehen. Aber alles aufzugeben – vorstellen kann sie sich das im Moment noch nicht.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare