Rüdiger Guhls will Männern die Macht nehmen

Hammer Künstler polarisiert mit "Dick Pics", hat damit aber Gutes im Sinn

+
Guhl provoziert mit seiner Kunst gern.

Hamm – Wer sich online auf Partnersuche begibt, sieht sich oft mit nackten Tatsachen konfrontiert. Manche Männer ergreifen jede Gelegenheit beim Schopf, ihr bestes Stück zu präsentieren. „Dick Pics“ heißen die Schnappschüsse von der meist himmelwärts gerichteten Männlichkeit. Frauen und schwule Männer seien gleichermaßen Zielscheibe von den Liebesgrüßen aus der Unterbuxe, sagt Fotograf, Make-up-Artist und Künstler Rüdiger Guhl. Das Thema reizt den Künstler in ihm.

„Durch das Versenden von Dick Pics wollen Männer ihre Macht zum Ausdruck bringen. Und genau die Macht will ich ihnen nehmen“, erklärt Guhl seine Idee. Das Ergebnis sind 40 mal 40 Zentimeter große Leinwände, auf denen sich in Öl gebannte, vitale Zupferl recken. Da alle im einheitlichen Format gemalt wurden, „ist schon einmal die Frage, wer den Größten hat, nicht mehr relevant“, erläutert Guhl.

So realistisch hat er sie gemalt, dass sogar einsame Schamhaare epilierbar erscheinen. „Es war mir wichtig, aus den oft schmuddeligen Dick Pics, die im Hintergrund schmuddelige Badezimmerfliesen haben, etwas optisch Schönes zu machen und den Bildern das Schmuddelige zu nehmen. Beim Hintergrund waren mir schöne Farben wichtig, Neon oder Pastell.“ Guhls Mittel der Wahl gegen die Unsitte ist Ästhetik und das Verorten der Unsitte in einem künstlerischen Kontext.

Modelle persönlich von Guhl gecastet

Bei den Porträts handelt es sich übrigens nicht um den elften Finger von Dating-Sündern, sondern um Modelle, die Guhl gecastet hat und die freiwillig die Hosen heruntergelassen haben, um sein Projekt zu unterstützen. Ausgestattet mit genauen Anleitungen zu Neigungswinkel und Ausleuchtung fotografierten sie ihr ganz persönliches Menetekel gegen Dick Pics in ähnlichen Posen wie jene, die ihre Manneskraft in Chats besichtigt wissen wollen. Als dann das Schwulen-Magazin ,Boner‘ ein Voting zur Frage nach dem schönsten besten Stück im ganzen Land auslobte, setzte Guhl sich mit den Machern in Verbindung. Mit Erfolg: „Ich werde nun den Gewinner malen. Natürlich in einem etwas größeren Format.“

Rüdiger Guhl bannt erstarkte Männlichkeit in Öl.

Mittlerweile hat Guhl Ausstellungsangebote für Köln und Berlin in der Tasche, auch in München zeigt man Interesse. Die Offenheit, mit der man dem Projekt in Metropolen begegnet, erhofft sich Guhl auch in seiner Heimat Hamm. Zu allererste will er seine 15 „Dick Pics in Oil“ dort präsentieren, wo er auch sein Atelier unterhält: im Kulturrevier Radbod. Während er in den Großstädten mit mehreren Wochen plant, will er die Schau in Hamm auf einen Abend beschränken. „Auf Radbod sind regelmäßig Kinder im Haus. Ich werde den Abend „Ü-18“ nennen und am 19. September ab 21 Uhr meine Arbeiten zeigen.“

Hamm ist ein bisschen zurückhaltender

Guhls anfängliche Zweifel wurden zerstreut: „Die Nacktheit ist ja generell in der Kunst zuhause. Aber ein wenig Bammel hatte ich schon, Hamm ist ja doch ein bisschen zurückhaltender, was das Thema anbelangt“, räumt der Künstler ein.

Er hätte es sich einfach machen können, indem er seine Modelle im Durchhänge-Modus porträtiert hätte – das gilt allgemein als deutlich weniger anstößig. Kurz überlegte er, aufrechte und schlaffe Kameraden einander gegenüber zu stellen, verwarf die Idee aber wieder. Das wäre Guhl wiederum zu weit von dem entfernt, was er anprangern möchte. „Da geht es um harte Kerle.“ Ein Folgeprojekt ist bereits in Arbeit (siehe Infos unten).

Einige Fernsehsender haben bereits Interesse bekundet und wollen Guhls Projekt begleiten. Ausgelöst wurde der Hype durch eine Online-Veröffentlichung von RTL.

Rüdiger Guhl: Folgeprojekt „Vaginas in Oil“

„Ich bin von vielen Frauen auf das Projekt ,Dick Pics in Oil‘ angesprochen und gefragt worden, warum ich keine Frauen male. Viele Frauen werden heute erst durch die Schönheitsindustrie darauf aufmerksam gemacht, dass etwas an ihnen nicht schön oder richtig sein könnte“, erzählt Rüdiger Guhl. „Die erste Frau, die bei dem Projekt mitmachen wollte, hat gesagt, dass sie mit Stolz zeigen möchte, wie sie ist und dass das so in Ordnung ist.“ Daher arbeitet Guhl bereits am Folgeprojekt: „Vaginas in Oil“.

„Den Frauen überlasse ich allerdings komplett, welche Pose sie wählen, welchen Winkel und ob und wie viel sie zeigen wollen“, sagt der Künstler. Ein, zwei „Vaginas in Oil“ will er in Hamm ebenso präsentieren, wie weitere Bilder, in denen Nacktheit eine Rolle spielt. „Ich bin ein schwuler Mann, von meiner Mama und meiner Oma aufgezogen worden und bin absolut pro Frau“, macht Guhl deutlich, dass er Verständnis für den Wunsch der Frauen hat, mit den Männern gleichzuziehen.

Online findet man Guhl unter www.changeforamoment.com, bei Instagram und Facebook.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare