Bestände sterben ab

Ein junger Förster sorgt sich um den Wald in und um Hamm

Dem Wald geht es schlecht – das weiß Förster Philip Fortströer nur zu gut. Gemeinsam mit seinen Kollegen versucht er, die Vitalität der Bäume zu stärken.
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Dem Wald geht es schlecht – das weiß Förster Philip Fortströer nur zu gut. Gemeinsam mit seinen Kollegen versucht er, die Vitalität der Bäume zu stärken.

Die Pandemie treibt selbst Frischluft-Allergiker und Spazier-Muffel in die Natur. Was sie dort sehen, ist nicht immer erfreulich.

Hamm – Die extremen Sommer haben den Wäldern zugesetzt und von den teils riesigen Fichtenschonungen, die vermehrt in Nachkriegszeiten angelegt wurden, ist in kürzester Zeit nichts mehr übrig geblieben, denn bei dieser Baumart hat der Borkenkäfer in Zeiten klimatischer Extreme leichtes Spiel. Betroffen ist unter anderem das Sauerland, eines der Lieblingsnaherholungsgebiete der Hammer: Wer dem Möhnesee in den vergangenen Wochen einen Besuch abgestattet hat, kennt die Bedeutung des Wortes „Kahlschlag”.

Philip Fortströer (34) ist Förster im Forstbetriebsbezirk Hamm, zu dem auch der Waldbestand rund um Bergkamen zählt. „Tatsächlich sind die Fichtenwälder alle abgestorben; so haben wir ein paar Hektar Wald verloren”, bedauert er. Auch die Eiche reagiere mittlerweile sichtbar auf die Phasen lang anhaltender Trockenheit und das Absacken der Grundwasserspiegel – das führe zur Kronenvernichtung. Kritisch sei vor allem die Situation für die Rotbuche, das zeige sich bereits mehr als deutlich in Ostwestfalen und dem Münsterland, wo oft die älteren Bäume betroffen seien. Deren unikative Erscheinungsbilder sind bei Spaziergängern in der Region nicht zuletzt auch als Fotomotiv beliebt.

Jungbäume sind fast Mangelware

Werden diese Bäume durch das Absterben ihrer Nachbarn plötzlich freigestellt, leiden sie häufig unter Sonnenbrand, wie Fortströer und dessen Kollegen beobachten. Ist diese Entwicklung noch zu stoppen? „Wir versuchen, dem entgegenzuwirken, indem wir die Vitalität der Bäume durch behutsame Pflegeeingriffe stärken und so für bessere Lichtverhältnisse und eine Entzerrung der Konkurrenzsituation sorgen.” Auch in Hamm seien viele Bestände relativ ausgelichtet, sagt der Förster.

Dass die Fichtenwälder in der Region Geschichte sind, wundert Fortströer nicht: „Fichten waren hier nicht standortgerecht. Die Nachteile von Monokulturen sind hinlänglich bekannt, aber nicht jeder Betroffene ist immer belehrbar.“ Die Förster haben bereits an einigen Stellen mit dem Aufforsten begonnen: „Allerdings ist dabei auch immer die Frage, in welcher Menge welche Bäume bei den Baumschulen vorrätig sind”, erläutert Fortströer. Man befinde sich im regen Austausch mit den Betrieben: „Die sind im Zweifel noch besser informiert als wir Förster”, hat der 34-Jährige bei den regelmäßig stattfindenden Bereisungen der Baumschulen festgestellt. Und dennoch: Die Menge der Jungbäume, die in den kommenden Jahren gebraucht wird, ist riesig und somit eine Herausforderung.

Die Mischung macht´s

Längst gehe es in seinem Zuständigkeitsgebiet in und um Hamm und Bergkamen den Waldbesitzern nicht mehr um die Wirtschaftlichkeit ihrer Wälder und rein monetäre Gewinnabsicht, sondern viel mehr darum, einen ökologisch wie ökonomisch stabilen Wald aufzubauen. Vornehmlich werde versucht, den Naturschutzgedanken auf der ganzen Fläche zu leben. Das beinhalte die Anreicherung mit Totholz und Bäumen mit Habitatfunktion. Dazu gehört aber auch, den einen oder anderen Bereich mal sich selbst zu überlassen. „Auch die Stadt Hamm hat sich entschieden, einige ihrer Waldflächen komplett aus der Bewirtschaftung herauszunehmen”, so Fortströer.

Wie genau der stabile Wald der Zukunft beschaffen sein muss, damit er überlebensfähig bleibt, darüber können auch Experten nur spekulieren. „Aktuell gehen wir davon aus, dass es die Mischung verschiedener Arten unterschiedlichen Alters macht”, fasst Fortströer den derzeitigen Wissensstand zusammen. Kahlflächen werden oftmals für ein bis zwei Jahre brach liegen gelassen, um zu schauen, was sich entwickele. In der Regel sei das die Brombeere.

Darauf kommt es bei einem Waldspaziergang an

Erst dann greifen die Förster gestaltend ein: Wenn Pionierbaumarten wie Birken, Eschen und Erlen auflaufen, werde mit dieser natürlichen Verjüngung der Wälder gearbeitet. Für die kommenden Jahre gebe es kaum bis keine Erfahrungswerte, so Forströer. Man werde Dinge ausprobieren und abwarten müssen, wie sich die klimatischen Bedingungen weiter entwickeln. Gefragt, welchen Waldbeständen in Hamm man unbedingt einmal einen Besuch abstatten muss, lacht er: „Die privaten nenne ich lieber nicht. Aber bei den öffentlichen fällt mir spontan der Pilsholz ein. Aber den dürfte in Hamm ja mittlerweile jeder kennen, ebenso wie den Geithe-Wald, der mir auch sehr gut gefällt.“

An alle Hundebesitzer, die sich in diesen Tagen in den Wäldern auf Entdeckungsreise begeben, hat Fortströer noch eine große Bitte: „Hunde müssen im Wald abseits der Wege an die Leine, und Hundehaufen gehören definitiv nicht in den Wald – sie sorgen für eine unnötige Stickstoffanreicherung. Wenngleich diese nicht mit dem allgemeinen Straßenverkehr zu vergleichen ist, so macht sie es dem Wald in diesen Zeiten noch zusätzlich schwer.”

 Eine sogenannte Schutzhütte im Heessener Wald wurde vor Kurzem offenbar zur Veranstaltungsstätte einer illegalen Party.

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