Einsatz am Golf von Aden

Ärzte und Pflegekräfte des Hammer Forum operieren in Kinderkrankenhaus in Somaliland

Ärzte und Pflegekräfte des Hammer Forum operieren in einem Kinderkrankenhaus in Somaliland.
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Ärzte und Pflegekräfte des Hammer Forum operieren in einem Kinderkrankenhaus in Somaliland

Das Hammer Forum hat seinen ersten Einsatz in Somaliland absolviert. Im April reiste ein Team um Dr. Theophylaktos Emmanouilidis in das ostafrikanische Land, untersuchte mehr als 280 Kinder und operierte 42 der kleinen Patienten. Er berichtet aus aus dem Land:

Hamm/Hargeisa – Im August 2019 starteten zwei Mitglieder des Hammer Forums zu einer Erkundungsreise nach Somaliland. Sie brachten beeindruckende Bilder vom Kinderhospital mit. Anfang November 2019 nahm ich erstmals Kontakt zu Dr. Khadra Mohamed, der Direktorin des Hospitals, auf. Der Vorstand beschloss, ein Operationsteam nach Somaliland zu schicken. Zig Telefonate, E-Mails und WhatsApps waren notwendig, bis ein Einsatztermin festgelegt wurde.

Das Kinderhospital, das die Italiener gebaut und bis 2014 auch betrieben haben, ist in einem guten Zustand. Alles ist sehr sauber, das Personal ist diszipliniert, präsent und relativ gut ausgebildet. Die Patientenräume sind großzügig angelegt und sehr hell. In jedem Zimmer befinden sich vier Betten. Es gibt zwei Operationsräume. Im ersten Raum wurde bis 2014 auch operiert. Seither fanden dort keine Operationen statt. Die Operationslampen an der Decke funktionieren heute noch, der Operationstisch jedoch nicht mehr. Der zweite Raum stand immer leer.

Das Hammer Forum hatte einen Container mit Ausrüstung für die Operationssäle gesandt: Narkosegeräte, Monitore, Elektrokoagulationsgeräte, Sauger, einen Operationstisch, OP-Lampen und andere Geräte sowie Verbrauchsmaterial.

OP neu eingerichtet

Ich sagte dem Team, dass wir zwei Tage benötigen würden, um den Container auszuräumen und den OP einzurichten. Durch die großartige Hilfe des einheimischen Personals haben wir es an nur einem Tag geschafft – das gesamte Equipment bekam seinen Platz, sodass wir am nächsten Tag mit den Operationen beginnen konnten.

Eltern brachten spät am Nachmittag ein Baby zu uns. Es wog mit zweieinhalb Monaten knapp zweieinhalb Kilogramm, war kraftlos und apathisch. Seit der Geburt erbrach das Kind. Mit dem Verdacht auf eine Verengung des Magenausganges wurde es aufgenommen und am nächsten Tag operiert. Danach erholte es sich von Tag zu Tag.

Auch ein zweieinhalbjähriges Kind mit angeborener Fehlbildung des Anorektums haben wir erfolgreich operiert. Bei einem kleinen Jungen mit zusammengewachsenen Fingern haben wir die Finger operativ getrennt und die Hautdefekte zwischen den Fingern mit Haut aus dem Unterbauch gedeckt.

Erschreckende Röntgenbilder

Die Befunde von radiologischen Röntgenbildern, die wir vorgefunden haben, waren teilweise erschreckend: Ein zwölfjähriges Mädchen hatte seit Wochen bei Belastung Schmerzen. Die Röntgenaufnahmen zeigten eine Hüftkopffraktur. Der Radiologe hatte es übersehen und schrieb „normaler Befund“.

Ein 16-jähriger Junge hatte eine Unterarmfraktur erlitten. Er wurde nicht sachgemäß operiert, bei der OP wurde der Mittelarmnerv durchtrennt und später entstand eine Knochenentzündung, die beide Unterarmknochen erfasste. Es bildeten sich Fisteln und abgestorbene Knochen, Sehnen und Muskulatur waren nekrotisch geworden, es floss Eiter aus der Fistel. Hand und Finger konnte er nicht mehr bewegen. Auch bei diesem Jungen schrieb der Radiologe „keine Zeichen von Knochenentzündung“.

Mangelhafte chirurgische Versorgung

Die chirurgische Versorgung überhaupt und insbesondere die der Kinder ist in Somaliland mangelhaft. Positiv waren jedoch die gute Organisation, die Registrierung aller Kinder im Vorfeld, die Disziplin während der Untersuchung und auf den Stationen sowie die Wissbegierde der Kollegen und des Pflegepersonals. Die chirurgischen Kollegen wechselten sich beim Assistieren bei den Operationen ab. Die ganze Zeit begleiteten uns mehrere Kollegen, fragten viel und diskutierten mit uns und vermittelten ein angenehmes Arbeitsklima.

Durch die Mitarbeit des gesamten Personals war es uns gelungen, in sieben Tagen mehr als 280 Kinder zu untersuchen und 42 zu operieren. Der größte Teil der Operationen waren zeitaufwendig.

Die Direktorin Dr. Khadra Mohamed, der Klinikleiter Dr. Hussein und alle anderen haben viel zum Erfolg des Einsatzes beigetragen. Sie haben uns bewirtet und immer das Gefühl des Willkommenseins vermittelt. Wie wurden festlich verabschiedet mit der Bitte wiederzukommen.

Somaliland: Geordnete Verhältnisse

Somaliland liegt am Golf von Aden an der Ostküste Afrikas und ist eine autonome Region Somalias. 1991 hatte sich die Provinz für unabhängig erklärt. Völkerrechtlich wurde sie nie als eigener Staat anerkannt, ist es heute de facto aber. Es gibt eine eigene Währung, ein Steuersystem, eine funktionierende Polizei und eine Armee. Im Gegensatz zu den Nachbarländern Somalia und Äthiopien herrschen dort Frieden und geordnete Verhältnisse. Somaliland hat zahlreiche Flüchtlinge aus Äthiopien, Irak, Jemen und Syrien aufgenommen. Das Land hat etwa 3,5 Millionen Einwohner, gut 800 000 davon leben in der Hauptstadt Hargeisa.

Dort, sagt Dr. Theophylaktos Emmanouilidis, der Vorsitzende des Hammer Forums, bekomme man in den Geschäften praktisch alles, auf dem Land gebe es dagegen kaum Läden, nur wenige befestigte Straßen, keinen Strom und nur schlechte Gesundheitsversorgung. Die Landbevölkerung bestehe zum großen Teil aus Normaden, die mit Kamelen, Schafen und Ziegen umherzögen und von Hunger bedroht seien. Das Hammer Forum bietet seit 1991 medizinische Hilfe für Kinder in Krisenregionen an. Kinder, die in ihrem Heimatland nicht behandelt werden können, fliegen die Ärzte zur medizinischen Behandlung nach Deutschland.

Darüber hinaus schickt das Hammer Forum qualifizierte medizinische Teams in verschiedene Krisengebiete dieser Welt, um Kindern vor Ort die Chance auf eine gesunde Zukunft zu geben. Die Aus- und Weiterbildung des einheimischen medizinischen Personals steht ebenso im Fokus wie der langfristige Aufbau medizinischer Versorgungsstrukturen in den Einsatzländern.

Das Forum in Internet: www.hammerforum.de

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