Dem Verfall auf der Spur: Daniel Boberg hat seinen dritten Fotoband über „Lost Places“ veröffentlicht

Daniel Boberg hat sich an entlegenen Orten umgesehen – und zum Beispiel diesen alten Käfer auf dem Gelände eines Presswerks in Werdohl entdeckt.
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Daniel Boberg hat sich an entlegenen Orten umgesehen – und zum Beispiel diesen alten Käfer auf dem Gelände eines Presswerks in Werdohl entdeckt.

Der Reiz des Verfalls, die Spurensuche in der Vergangenheit, historische Zeugnisse, Relikte einer anderen Zeit: Verlassene Orte oder neudeutsch „Lost Places“ haben zunehmend an Faszination gewonnen.

Hamm – Das Internet und auch der Buchmarkt sind voll von Dokumentationen über Besuche dieser verlassenen Orte. Einer ihrer Besucher ist Daniel Boberg. Der 31-Jährige lebt mit seiner Familie seit dem vergangenen September in Hamm und hat gerade seinen dritten Fotoband veröffentlicht: Verlassene Orte in Nordrhein-Westfalen (Sutton Verlag).

Eine Druckknopf- und Metallwarenfabrik in Wuppertal, der alte Güterbahnhof in Duisburg, die Rhein-Emscher-Armaturenfabrik in Duisburg, ein ehemaliges Möbelhaus in Bad Oeynhausen oder die Zeche Zollverein in Essen: NRW ist reich an geschichtsträchtigen Lost Places, die sich im Laufe der Zeit in faszinierende verborgene Welten verwandelt haben.

120 verlassene Orte

Daniel Boberg ist mehrere Tausend Kilometer durchs Land gefahren und hat einige davon besucht. In seinem neuen Band zeigt er 120 ausgesuchte Aufnahmen, die den Verfall, aber auch den morbiden Charme der stillen Zeugen der Vergangenheit zeigen. Dazu gehört für ihn immer auch die Recherche zur Geschichte der Orte. Das Ergebnis findet sich – so vollständig wie möglich – in einem zugehörigen Textteil.

Vollkommen verlassen: Die Zeche Zollverein in Essen.

Zum ersten Mal kam Boberg in seiner Heimatregion um Bad Oeynhausen mit verlassenen Orten in Berührung: eine alte Fabrikantenvilla und ein aufgegebenes Hotel. Die Saat für das Erkunden und das Fotografieren von „Lost Places“ war gelegt. Damals, lange bevor er 2009 zum Studium nach Berlin ging, sei der Begriff, der heute viele in den Bann zieht, noch nicht bekannt gewesen, sagt Boberg. In Berlin und Brandenburg spürte er weitere verlassene Orte auf. Sie sind in Bobergs ersten zwei Fotobänden zu sehen.

Boberg hat strikte Verhaltensregeln

„Es sind die Schönheit der Orte, die Anspannung und die Hoffnung, etwas Spannendes zu entdecken, die mich jedes Mal antreiben“, beschreibt Boberg den Reiz an seinen Erkundungstouren. Angelegt sind diese meistens als Tagesprogramm mit mehreren Orten. Teils geschieht das zwingend mit Voranmeldung bei Verwaltern und teils auf gut Glück. Unterwegs ist er in der Regel mit vier bis fünf Personen, alleine nur ungern oder gar nicht.

„Respekt gehört für mich immer dazu. Ich öffne keine Zäune oder breche irgendwo ein. Wenn ein Ort zu ist, ist er zu. Und Fundstücke bleiben, wo sie sind“, beschreibt er den Verhaltenskodex, nach dem er und seine Freunde sich Objekten annähern. „Ich kann nicht nachvollziehen, dass Menschen diese Orte zerstören.“

Daniel Boberg hat seinen dritten Bildband „Verlassene Orte Nordrhein-Westfalen“ herausgegeben.

Vom Detail bis zum ganz Großen

Manchmal ist es ein einzelnes Objekt oder eine einzelne Ansicht, die den Besuch aus seiner Sicht lohnenswert machen, manchmal sind es riesige Industrie-Panoramen und die Architektur des Verfalls insgesamt, die Boberg beeindrucken. „Immer wieder findet man Zurückgelassenes aus der Vergangenheit. Das reicht von Harmlosem bis zu persönlichen Dingen wie Krankenakten oder Kontoauszügen.“

An einen verlassenen Ort muss er immer wieder zurückdenken. 2011 war Boberg mit zwei Freunden in der verlassenen Kurklinik Weserbergland. „Als wir dort eintraten, wirkte es, als hätte das Personal spontan die Stifte fallen gelassen und wäre zusammen mit den Patienten geflüchtet. Die Betten waren gemacht und überall lagen Akten herum. Im Speisesaal waren die Tische gedeckt und auch die medizinischen Geräte waren alle noch dort, wo man sie zuletzt benutzt hatte“, erinnert er sich.

Reise an verlassene Orte als Hobby 

Einen solchen Zustand finde man nur sehr selten. Die meisten „Lost Places“ seien stark zerstört. „Wahrscheinlich war dieses Erlebnis auch ein Grund dafür, dass mich die Faszination für verlassene Orte bis heute nicht mehr losgelassen hat“, glaubt Boberg.

Die Fotografie von „Lost Places“ ist ein Hobby für den 31-Jährigen. Sein Geld verdient er als freiberuflicher Software-Entwickler und Technischer Direktor einer Medienagentur in Berlin. Dort lebte er auch lange. Seit September 2019 ist Hamm die neue Heimat der Familie.

Das Bild entstand an der Rhein-Emscher-Armaturenfabrik in Duisburg.

Auch in Hamm gibt´s Bildmotive

Er werde häufig gefragt, wie man von Berlin ins Rand-ruhrgebiet komme. Die Antwort für ihn ist leicht: „Wir wollten als Familie näher bei unseren Verwandten sein. Ein Teil lebt im Ruhrgebiet, ein anderer in Ostwestfalen. Da liegt Hamm auf der Mitte. Und wir sind hier sehr glücklich. Mit 20 habe ich anders gedacht, aber mit zunehmendem Alter verändern sich die Bedürfnisse und Sichtweisen.“ Als Freiberufler könne er von jedem Ort aus arbeiten, und seine Frau habe mit ihrer Tätigkeit im Gesundheitswesen auch kein Problem, einen Arbeitsplatz zu finden.

Im aktuellen Band ist Hamm noch nicht enthalten. Umgesehen hat sich Boberg hier aber schon, und fündig geworden ist er auch. „Sollte sich der neue Band gut verkaufen und es einen weiteren NRW-Band geben, wird auch Hamm vertreten sein“, kündigt er an.

Der aktuelle Band

Daniel Boberg: Verlassene Orte in Nordrhein-Westfalen – Lost Places, Ruinen und der Charme des Verfalls in brillanten Bildern. Sutton Verlag, 168 Seiten, 29,99 Euro

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