Sechs Beispiele für die Not einer ganzen Branche

Corona zwingt Gastronomie und Hotels in Hamm in die Knie

Hubertus Splietker lächelt fürs Foto. Sein Betrieb wird 150 Jahre alt. Nach Lachen ist ihm und seinen Kollegen allerdings kaum zumute.
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Hubertus Splietker lächelt fürs Foto. Sein Betrieb wird 150 Jahre alt. Nach Lachen ist ihm und seinen Kollegen allerdings kaum zumute.

Leere Hotelbetten, verwaiste Tagungsräume und Festsäle und ein „Lockdown“ mindestens bis Anfang Mai: Hotelgewerbe und Gastronomie sind durch die Corona-Pandemie auf eine harte Probe gestellt. Je länger die Krise andauert, desto mehr wird sie für manchen Hammer Betrieb zur blanken Überlebensfrage.

Hamm – Ein Patentrezept, die Wochen ohne oder mit nur wenigen Gästen zu überstehen, gibt es nicht. Wer Gastronomie betreibt, bietet möglicherweise einen Außer-Haus-Verkauf an, um wenigstens etwas Umsatz zu erwirtschaften. Aber nicht für jeden Betrieb lohnt sich das.

Hotels, die Geschäftsreisende beherbergen, haben zumindest noch einen kleinen Gästekreis. Andere haben ihr Haus von vornherein ganz geschlossen. Die Mitarbeiter werden in der Regel über Kurzarbeit weiter beschäftigt. „Manchen Betrieb wird es hart treffen“, sagt Volker Kröner, Vorsitzender der Kreisvereinigung Hamm im Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) Westfalen.

Beispiel Hotel Herzog

Kröner betreibt selbst das Hotel Herzog in Hamm. Bei zehn Prozent liege seine Auslastung aktuell, sagt er. Geschäftsreisende brächten zumindest etwas Umsatz. Kröner glaubt, dass es Betriebe, die sich nicht im Eigentum befinden und Pacht zahlen müssen, besonders schwer haben.

Beispiel Haus Splietker

Aber auch Traditionshäuser trifft Corona hart: Das Haus Splietker in Süddinker hätte eigentlich am 7. Juni das 150-jährige Bestehen groß feiern wollen, doch das hat Inhaber Hubertus Splietker längst zu den Akten gelegt. Splietker spricht von einer „Katastrophe“. „Die Situation ist bedrohlich“, sagt er. Er habe zuletzt größere Investitionen in seinem Haus getätigt, da bleibe nicht viel an Rücklagen.

„Wenn 40 Konfirmationen und Kommunionen und 20 Hochzeiten wegfallen, schlägt das ordentlich ins Kontor“, so Splietker. Immerhin: Der Außer-Haus-Verkauf sei gut angelaufen und vom Schnitzeltag, der heute auf Vorbestellung als Drive-in startet, erhofft sich Splietker ähnliches.

Beispiel Selbachpark

Die Familie Kleineaschoff, die seit fast 42 Jahren das Hotel-Restaurant Selbachpark betreibt, hat beide Unternehmenszweige komplett geschlossen. 18 Festangestellte sind in Kurzarbeit. „Unter diesen Bedingungen können wir nicht arbeiten“, sagt Annette Kleineaschoff. Ein Essensverkauf außer Haus sei aufgrund der Distanzen nicht möglich, und selbst wenn: „Wie sollen wir denn die Mengen kalkulieren?“

Auch hier sind viele Feiern abgesagt. „Die Leute weinen am Telefon, weil ihre goldene oder diamantene Hochzeit nicht stattfinden kann“, sagt Kleineaschoff. Aber sie zeigten auch Verständnis für die Notlage des Betriebs. Im Moment zehre dieser von den Rücklagen.

Beispiel Alte Mark

„Zehn Prozent Hotel, null Prozent Gastronomie“: So lautet die einfache Rechnung, die Frederik Corall, Geschäftsführer des Hotel-Restaurants Alte Mark aufmacht. Zehn Prozent Hotel, weil Geschäftskunden wenigstens etwas Geld in die Kasse spülen. „Das reicht, um die Auszubildenden zu bezahlen“, sagt Corall, denn die haben ein Recht auf Ausbildung und sind von Kurzarbeit ausgenommen.

Corall hofft, dass die Hotellerie „halbwegs schnell“ wieder hochgefahren werde und die Gastronomie vielleicht eingeschränkt. „Aber eine Küche ohne Buffet à la carte würde die Ausfälle durch die durch die Festlichkeiten nicht ausgleichen“, sagt er. Gleichwohl versuche er, positiv nach vorne zu schauen: „Wir werden das ausgeglichen bekommen.“ Und auch an den Plänen zum Bau des Gäste- und Tagungshauses halte er fest.

Beispiel Gut Kump

Auf Gut Kump wären 12.000 Gäste zur Landpartie erwartet worden. Corona setzte die Zahl auf null.

Rund 12.000 Besucher hätten sich am vergangenen Wochenende wohl zur „Landpartie“ auf Gut Kump eingefunden. „Erstmals bei drei Tagen Sonnenschein“, sagt Hausherr Hendrik Wilms-Schulze Kump. Seit Montag mieten sich hier wieder Geschäftsreisende in den 72 Zimmern ein. Die Auslastung liege unter fünf Prozent. „Wirtschaftlich sinnvoll ist das nicht, aber die Infrastruktur muss erhalten bleiben“, so Wilms-Schulze Kump. Wenn er ins Terminbuch des Hauses schaut, blickt er auf rund 400 Stornierungen. Festgesellschaften versuche er eine Perspektive zu bieten und neue Termine zu vereinbaren.

Von der Politik wünscht er sich – wie von Dehoga gefordert – die Absenkung der Mehrwertsteuer auf sieben Prozent für die stationäre Gastronomie. „Das wäre eine schnelle Hilfe“, sagt er. „Gastronomen waren mit die ersten, die die Folgen von Corona abbekommen haben und sind bei den letzten, die wieder starten dürfen.“

Beispiel Mercure

Im Mercure Hotel sorgen Geschäftsreisende für gut 30-prozentige Auslastung.

Bei etwa 31 Prozent habe im März die Auslastung des Mercure Hotels gelegen, sagt Hotel-Manager Lars Kessler. Normal gewesen wären „weit über 80 Prozent“. In dieser Woche sei das 142-Betten-Haus für aktuelle Verhältnisse mit Geschäftsreisenden „gar nicht schlecht belegt“, auf Dauer sei das aber nicht auszuhalten. Der Großteil der 50 Mitarbeiter befinde sich in Kurzarbeit. Vier Azubis sind im Mercure beschäftigt. Ob im nächsten Jahr neue hinzukommen, sei als Folge von Corona zum jetzigen zum Zeitpunkt fraglich.

Kessler ist davon überzeugt, dass das Hotel – auch in der Gastronomie – Standards für einen Wiederbetrieb problemlos umsetzen könnte. Wie viele Kollegen in der Hotel- und Gastronomiebranche hofft er auf einen starken Herbst.

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