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Kämpferisches „China Girl“: Weihnachtscircus bereit für Hamm

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Von: Markus Hanneken

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Die Darsteller von „China Girl“ beim Gruppenfoto.
Auf geht‘s! Die Darsteller von „China Girl“ beim Gruppenfoto. Mittig oben: Nadine und Raoul Schoregge. © Bernd Schaller

Fast zwei Jahre später als geplant will der Chinesische Nationalcircus mit einem ungewöhnlichen Programm auf eine ausgedehnte Tournee gehen. Nirgends wird „China Girl“ mit den Hits von David Bowie öfter und länger zu sehen sein als in Hamm, nämlich zwölf Mal. Mit dem Kopf durch die Wand geht das natürlich nicht. Sondern? Lesen Sie selbst!

Hamm - Am 22. Dezember beginnt der Chinesische Nationalcircus sein achttägiges „Weihnachtscircus“-Gastspiel in Hamm. Zuvor sind nur Auftritte in Aschaffenburg und Osterode geplant. Danach geht es monatelang durch ganz Europa - wenn denn alles gut geht. Damit alles gut geht, bieten Raoul Schoregge, Clown und Kopf des Unternehmens in Personalunion, und seine Frau Nadine auch in den Zentralhallen alles, was den Besuch lohnenswert und sicher zugleich machen soll. Im Interview mit WA.de gibt der 52-jährige Zirkus-Profi Schoregge tiefe, ehrliche, sympathische und ausführliche Ein- und Ausblicke.

Auch wenn es sicher schwierig ist - geben Sie doch einmal einen kurzen/pointierten Abriss über die Zeit seit März 2020, inklusive der eigenen Gefühlskurve...

Im Frühjahr 2020 waren mein Team und ich bereit für etwas ganz Großes: die Premiere unserer neuen Show „China Girl“ in Prag. Das Gastspiel war schon im Vorfeld ausverkauft, und Veranstalter aus der ganzen Welt hatten ihr Kommen angekündigt. Dann kam der Lockdown, und es wurde Nacht für uns alle. Doch wenn die Nacht am dunkelsten ist, dann ist manchmal der Morgen nicht weit. Was nun folgte, waren die intensivsten Proben, menschlichsten Kontakte, Erlebnisse und Momente unseres Show-Lebens. Diese Wochen kamen einer Katharsis gleich, und das Ergebnis ist eine kleine Sensation. Denn so entstand eine Geschichte über Liebe, Sehnsucht und Hass, voller Spannung, Poesie und Humor, dargestellt mit Akrobatik, Musik und Tanz. Entstanden ist das Ganze durch die Entbehrung, die Isolation, den Kampf ums Überleben, den dadurch entstandenen Teamgeist und eine neu entdeckte Achtsamkeit.

Es hört sich pathetisch an, aber gemeinsam waren wir nicht einsam. Wir waren halt beim Arbeiten ein Haushalt, mental und faktisch! So haben wir immerhin eine Show kreieren können, die einzigartig ist. Es folgten wechselhafte Monate zwischen Hoffnung und Bangen, zwischen Antragstellung und Proben, zwischen Lachen und Weinen. Das Ergebnis hat sich im Laufe dieser Zeit viral verändert und ist noch fokussierter als überhaupt angedacht, denn wir haben unsere Headline „Liebe ist stärker als Blut!“ wirklich gelebt. (Ergänzender TV-Tipp: „Artisten ohne Applaus: Wie der Chinesische Nationalcircus ums Überleben kämpft“ des WDR-Fernsehens.)

Sind bis heute alle Beteiligten an Bord geblieben? 

Der Großteil aller Beteiligten ist an Bord geblieben. Das ist nicht zuletzt auch unseren Partnern und mit Gesellschaftern zu verdanken, die sich lange vor dem Erhalt von staatlichen Hilfen finanziell um die Beteiligten gekümmert hatten. Es hat ein paar Wechsel gegeben, die aber in letzter Konsequenz dem Projekt nur gutgetan haben.

Wie haben sich vor allem die Artisten und die weiteren Bühnenprotagonisten frisch gehalten?

Wir haben an unserem Standort einen Probesaal mit 450 Quadratmetern und einer lichten Höhe von 10 Metern. In diesem Raum kann man eine Menge proben. Darüber hinaus haben wir alles an Auftrittsmöglichkeiten, die in der Pandemie möglich waren, im europäischen Umfeld wahrgenommen, von Autokino bis Straßentheater. Tägliches Training, Disziplin und Motivation mit der Hoffnung auf ein Happy-End haben alle diese Zeit durchstehen lassen.

Raoul Schoregge, Chinesischer Nationalcircus
„Es hört sich pathetisch an, aber gemeinsam waren wir nicht einsam“, sagt Raoul Schoregge über die anhaltende Corona-Phase. © Schoregge

Wieviele und welche Bowie-Stücke werden die Besucher zu hören bekommen? Wird die Musik durchgängig von einer Liveband gespielt?

In dieser Show sind 15 Bowie-Stücke. Das geht vom namensgebenden Stück „China Girl“, über „Under Pressure“, „Modern Love“, „Heroes“, „Tonight“, „Lazarus“ bis hin zu „Space Oddity“. Zwölf von ihnen werden live performt, die anderen werden eingespielt, denn das Original bleibt in seiner Form unantastbar. Nicht zuletzt der große Respekt vor der Kunstfigur und Pop-Ikone David Bowie hat uns dazu bewogen, die Live-Präsentation so zu inszenieren, dass ein Vergleich mit dem Vorbild nicht stattfinden kann. Das war das schwierigste an der Umsetzung dieses Projektes.

War es besonders kompliziert und/oder teuer, die Rechte an den Songs und am Namen zu bekommen?

Unser Partner und Mitproduzent Hermjo Klein hat seinerzeit in den Achtzigern die entsprechenden Bowie-Tourneen veranstaltet und verfügt daher über einen guten Kontakt zum ehemaligen Management und den Erben von David Bowie. So war es uns möglich, die Einwilligung zu diesem Projekt auch von „höchster“ Stelle zu bekommen.

Ist es aus Ihrer Sicht denkbar, dass klassische Zirkus-Fans vom Varieté-Anspruch dieses Programms abgeschreckt werden?

Wir haben versucht, eine generations- und kulturenübergreifende Show zu kreieren, und würden uns freuen, wenn dieser verbindende Ansatz nicht bei der profanen Unterscheidung zwischen klassischem Zirkus und Varieté Halt macht. In letzter Konsequenz geht es doch bei allen Kulturanbietern um das Entertainment und vor allem um das Berühren der Menschen, des Publikums. Und das schafft der besondere Geist dieser Show für klassische Zirkus-Fans genauso wie für intellektuelle Theatergänger.

In der Regel wird die Show pro Tourneeort nur einmal gezeigt, in Hamm sind es ganze zwölf Aufführungen unter der Flagge „Weihnachtscircus“. Warum ist der Standort so besonders für Sie, und ist er diesem Anspruch wirtschaftlich bislang stets gerecht geworden?

Bei der die Planung von Hamm war für uns entscheidend, dass wir selbst in dieser schwierigen Zeit der Pandemie zum einen die Tradition des „Weihnachtscircus‘“ aufrecht halten und zum anderen unser Herzprojekt „China Girl“ hier präsentieren können. Aus diesem Grunde haben wir beide Anforderungsprofile in einer Schnittmenge zusammengelegt.

Für den Weihnachtscircus allgemein war Hamm in den letzten Jahren immer recht erfolgreich, auch wenn hier die Steigerungsraten - gemessen an der Entwicklung in anderen europäischen Städten, die wir mit diesem Thema betreuen - geringer sind. Nichtsdestotrotz glaube ich, dass wir im Speziellen die Besucher unseres letzten Vor-Corona-Weihnachtscircus‘ 2019/2020 qualitativ sehr positiv überrascht hatten. Und wenn sich diese Menschen daran erinnern und aufraffen könnten trotz der „schwierigen“ Zeit, dann wäre das für unser geplantes Gastspiel eine zufriedenstellende Perspektive.

Daten und Tickets

Aufgeführt wird „China Girl“ in Hamm im Dezember 2021 am 22. (19.30 Uhr), am 23. (19.30 Uhr), am 24. (13 Uhr), am 25. (15.30 und 19.30 Uhr), am 26. (15.30 und 19.30 Uhr), am 27. (19.30 Uhr), am 28. (15.30 und 19.30 Uhr) sowie am 29. (15.30 und 19.30 Uhr).

Bis zu 67 Euro kosten die Karten für einen Besuch in Hamm regulär. Nach Kategorien und Alter gestaffelt geht es runter bis 15 Euro (Kinder bis 6 Jahre), Begleitpersonen von Behinderten mit entsprechendem Nachweis dürfen kostenlos mitkommen.

Eintrittskarten gibt es im Vorverkauf auf der Internetseite www.chinagirl-show.com/hamm, online über Eventim oder in den bekannten stationären Vorverkaufsstellen.

Wie ist der Vorverkauf für das Gastspiel in Hamm angelaufen: zur Zufriedenheit, oder gibt es Grund zur Sorge?

Gemessen an den Erfahrungen aus einer Vor-Corona-Zeit ist der Vorverkauf natürlich nicht gut, vor dem Hintergrund der aktuellen Situation und der Restriktionen ist es auf jeden Fall erst einmal okay, da sich ein grundsätzliches Interesse an dem Projekt abzeichnet. Entscheidend werden aber hier die nächsten Wochen sein und auch die Frage, ob die Menschen sich aus ihrem in den letzten 20 Monaten aufgebauten Cocooning zu befreien.

Leider wird das durch die diffuse Nachrichtenlage nicht unbedingt unterstützt. Zu widersprüchlich sind hier die Aussagen von Politik und Wissenschaft. Wenn es uns gelänge, den Menschen Sicherheit, Zuversicht und Verlässlichkeit der Kultur zu garantieren, dann bin ich mir sicher, dass ein solches Event wie unser Weihnachtscircus gerade mit der Show „China Girl“ jetzt auch erfolgreich sein kann. Leider haben wir das nicht allein in der Hand.

Schildern Sie doch bitte nochmal die aktuellen Besuchs-Voraussetzungen. Wieviel Prozent der eigentlichen Kapazität der „Bullenhalle“ werden erreicht?

Die Haltbarkeit aktueller Corona-Verordnung und Verhaltensregeln liegt ja leider unter der eines Bio-Joghurts, daher kann ich auch immer nur jetzt sagen, was aktuell für uns geplant ist: Im Moment gehen wir von einer normalen 2G-Regelung inklusive der Möglichkeiten für Kinder durch Tests aus, wobei Maske bis zum Platz getragen werden muss und danach abgesetzt werden kann. Um mögliches Gedränge an den neuralgischen Punkten beim Einlasses und beim Auslass zu vermeiden haben wir die Kapazität der Halle um insgesamt 30 Prozent minimiert.

Wie viele Besucher müssten für eine wirtschaftlich zufriedenstellende Situation kommen? Wo liegt der Breakeven, der für einen Gewinn erreicht werden muss?

Ein genauer Breakeven ist in der heutigen Zeit schwer festzulegen, da auch noch dann gewisse Einflüsse des Sonderfonds Kultur eine Rolle spielen. Grundsätzlich kann man sagen, dass diese Show 500 zahlende Gäste pro Vorstellung benötigt, um kostendeckend zu sein.

Raoul Schoregge ist nicht nur Zirkus-Manager, sondern seit vielen Jahren auch Zirkus-Clown.
Raoul Schoregge ist nicht nur Zirkus-Manager, sondern seit vielen Jahren auch Zirkus-Clown. © Bernd Schaller

Wie viele Menschen stehen auf Ihrer Gehaltsliste, sind also vom Gelingen des Vorhabens direkt abhängig?

Zu unserem gesamten Team gehören 50 Personen. Und natürlich sind alle in gewisser Form von dem Gelingen eines solchen Projektes zumindest temporär abhängig. Und das sowohl monetär als auch mental. Denn nach so langer Zeit zieht es jeden wirklichen Künstler vor und hinter die Kulissen wieder auf die Straße, auf eine Tournee vor sein Publikum.

Wenn nun doch wieder ein Stopp aller Aktivitäten verfügt würde? Würde Ihr Unternehmen das überleben?

Wenn ein Stopp aller unserer Aktivitäten verfügt würde, wäre das sehr schmerzlich und schon mit einem großen wirtschaftlichen Schaden für uns verbunden, aber nicht unbedingt letal für unsere Unternehmensgruppe. Zum einen, weil wir organisatorisch ganz gut aufgestellt sind und zum anderen, weil eine solche Aktion vor dem Hintergrund der vereinbarten Zusagen der Politik, nicht zuletzt durch die Absicherung des Sonderfonds Kultur, niemals kompensationslos stattfinden dürfte.

Sie leben in Havixbeck und leiten alle Geschicke von dort aus. Das klingt provinziell. Wie passt das zum Stempel „Chinesischer Nationalcircus“, der nach außen so wirkt, als reise ein fernöstliches Staatsunternehmen durch die Welt?

Mein Vater, ein Kunstmaler, hat mir sehr früh den Satz beigebracht, dass es Provinz nur im Kopf gibt. Havixbeck ist sicher nicht der Nabel der Welt, aber trotzdem ein Ort, von dem man für unsere Zwecke genauso gut arbeiten kann wie von Berlin aus. Die Chinesen haben schon sehr früh gefragt, wo denn dieses Havixbeck liegt. Und vor allem wie viele Menschen hier wohnen... Als ich ihn antwortete, ungefähr 12.000, sagten sie, dass es wie ein Wohnblock bei ihnen wäre. Trotzdem oder gerade deswegen fühlen sich die Künstler bei den Probe-Aufenthalten hier sehr wohl.

Und auch der ein oder andere Funktionär, respektive Mitarbeiter des Kulturministeriums der Volksrepubik (VR) China hat sich hierher verirrt und war nicht zuletzt von der alten Wirkungsstätte von Anette von Droste Hülshoff angetan.

Der Chinesische Nationalcircus ist kein staatliches Instrument der chinesischen Regierung. Seit über 30 Jahren ist er eine der erfolgreichsten Kulturbrücken zwischen China und Europa. Seit 20 Jahren sind wir die Produzenten dieser Shows für ganz Europa und pflegen somit permanent die kulturdiplomatische Achse Havixbeck-Peking.

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