Stimmung auf dem Nullpunkt

Eine harte Zeit: Bewohner von Seniorenheimen leiden unter der Krise

Anne Böse besucht ihre Mutter Erika Westhaus im Seniorenstift an der Marker Allee.
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Kurzer Besuch: Täglich für eine Stunde darf Anne Böse ihre Mutter Erika Westhaus besuchen.

Besuch darf kommen, aber nur kurz. Aktivitäten gibt es, aber nur selten. Der Alltag in vielen Seniorenheimen in Hamm ist noch weit von Normalität entfernt. Zahlreiche Senioren leiden sehr unter der Krise und fühlen sich einsam. Dazu kommt: Die Hammer Heime sind nicht coronafrei, in vier Einrichtungen gibt es aktuell Fälle.

Hamm – Familienweihnachten fällt aus. Das nimmt Erika Westhaus an, 92 Jahre alt und Bewohnerin des Seniorenstifts an der Marker Allee. Jahrelang holte ihre Tochter Anne Böse die Seniorin am Nachmittag des Heiligen Abends ab, die Familie feierte mit einem Dutzend Menschen – Westhaus mittendrin bis in den späten Abend. Schön sei das immer, sagt Böse. Doch in diesem Jahr müsse man sich wohl darauf einstellen, dass nur Besuche im Heim möglich sind. Am Abend selbst werde die Mutter wohl allein sein wie so oft in diesem Jahr.

Einsamkeit bleibt ein Begleiter vieler Bewohner von Pflegeheimen. Darunter leiden zahlreiche alte Menschen, auch in Hamm. Das zeigt sich nach Gesprächen mit Vertretern mehrerer Einrichtungen und den Angehörigen von Bewohnern. „Die Stimmung vieler älterer Menschen ist auf dem Nullpunkt“, sagt Böse. Viele fürchteten angesichts der Infektionszahlen, erneut isoliert zu werden.

Vielen steckt noch das Frühjahr in den Knochen: Zwischen März und Ende Mai standen Bewohner von Seniorenheimen praktisch unter Quarantäne. Sie durften die Einrichtungen nur in Notfällen verlassen, keinen Besuch empfangen. Das sollte eine Ansteckung mit dem Coronavirus verhindern. Dennoch traten schon Anfang April die ersten Fälle in Hammer Pflegeheimen auf. Mitarbeiter hatten sich angesteckt.

Aktuell gibt es Coronafälle in vier Seniorenheimen

Auch jetzt sind die Hammer Heime nicht coronafrei. In drei Seniorenheimen – dem Altenzentrum Liebfrauen, der Seniorenresidenz Am Kurpark sowie im Haus am Wiescherhöfener Markt – haben sich nur Mitarbeiter infiziert, erklärt ein Stadtsprecher. Im Wolfgang-Glaubitz-Zentrum sind neben Mitarbeitern Bewohner betroffen.

Besuch bekommen dürfen jedoch die meisten Menschen weiterhin. Das müssen die Heime ermöglichen, so steht es in einer Allgemeinverfügung des Landes. Ausnahmen gelten dann, wenn ein Bewohner selbst Covid-19 hat oder in Quarantäne ist. Sonst sind bis zu zwei Besuche pro Tag für jeweils mindestens eine Stunde zu ermöglichen, heißt es.

Viele andere Aktivitäten fallen weiter aus. Lesungen, Konzerte, Vorträge: Das alles bleibt verboten, wenn Externe es anbieten wollen. Gerade für viele Menschen mit Demenz haben Heime in der Vergangenheit Singstunden angeboten. Schließlich haben Studien gezeigt, dass das Singen das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamt. Im Moment fallen diese Singstunden weiter aus, ebenso wie Spielenachmittage, gemeinsames Kochen und einiges mehr. Der Grund dafür ist vielfach der Anstieg der Infektionszahlen. Einige Heime hatten die ersten Aktivitäten wieder angeboten und strichen sie, als Hamm zum Hotspot wurde. So nehmen viele Senioren zwar gemeinsam Mahlzeiten ein. Ein darüber hinaus gehendes Programm fehlt aber vielfach.

Besucher: „Ich habe Angst, dass ich das Virus übertragen könnte“

Auch die Besuche unterscheiden sich zu denen vor der Krise. Böse findet es willkürlich, dass sie nur eine Stunde bleiben darf. „Das macht doch keinen Unterschied, ob ich eine oder eineinhalb Stunden bleibe.“ Andere Angehörige bleiben vorsichtig. „Ich besuche meine Mutter nur im Besucherzimmer“, sagt etwa Friedrich Kulke, dessen Mutter im Reginenhaus in Rhynern lebt. Dort sei mehr Platz, um Abstand zu halten, als im Zimmer der Mutter. „Ich habe Angst, dass ich das Virus übertragen könnte.“ Kulke pendelt mindestens einmal pro Woche mit dem Zug nach Düsseldorf, er fürchtet, sich dort anzustecken.

Und das Virus selbst? Mache vielen Senioren keine zu großen Sorgen, erzählt Böse. „Was das angeht, sind sie unheimlich gelassen.“ Corona sei eine schlimme Krankheit, an der keiner erkranken wolle, das sei vielen bewusst. Doch fast alle hätten schon andere schlimme Erkrankungen erlebt. Sie wüssten: Angst und Panik hilft ihnen auch nicht weiter.

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