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„Corona komplett verändert“: Chefarzt aus Hamm fordert Umdenken

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Von: Frank Lahme

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Coronavirus
Hektik auf der Intensivstation? Nicht Covid-19, sondern die Corona-Maßnahmen lähmen den Betrieb. (Symbolbild) © Robert Michael/dpa

Corona ist keine massenhaft todbringende Seuche mehr. Das zeigen auch die Zahlen aus Hamm. In den zurückliegenden vier Monaten starben zehn Menschen, bei denen das Virus nachgewiesen war. Ein Hammer Chefarzt spricht jetzt Klartext und fordert ein konsequentes Umdenken.

Hamm – 284 Corona-Todesfälle wurden im Verlauf der gesamten Pandemie in Hamm erfasst und veröffentlicht. Ob diese Toten „an“ oder „mit“ Covid-19 starben, ist unklar und wird (wie überall in Deutschland) nicht systematisch analysiert. Alle Verstorbenen werden hierzulande kurzerhand als Corona-Tote gelistet, was aber wenig wahrheitsdienlich ist. (News zum Coronavirus in Hamm, für überregionale Infos hier klicken.)

Dr. Markus Unnewehr, Chefarzt der Pneumologie und Infektiologie an der St.-Barbara-Klinik in Heessen plädiert daher für eine grundsätzlich neue Denkweise im Umgang mit Corona. Schluss mit ansatzlosen Tests und den meisten aller Auflagen. Wer sich krank fühlt, bleibt zu Hause, der Rest geht arbeiten, lautet seine Formel – auch mit Blick auf den kommenden Herbst.

Corona in Hamm: nur wenige gefährdet

„Corona hat sich seit Anfang des Jahres komplett verändert“, sagt der Hammer Chefarzt. Auch die RKI-Zahlen zeigten, dass die Sterblichkeit in 2022 unter die einer Influenza gesunken sei. Die nunmehr wenigen Todesfälle beträfen fast nur noch schwer Immunsupprimierte – beispielsweise Leukämiepatienten. Nicht mehr betroffen seien jedoch die bisherigen so genannten Vulnerablen, also Menschen über 60 Jahre und solche mit einzelnen Vorerkrankungen wie Diabetes oder Adipositas.

Auch die Krankheit an sich sei nunmehr eine andere. „Omikron befällt – anders als die ersten Varianten – typischerweise nicht mehr die Lunge, sondern die oberen Atemwege“, so Unnewehr. Natürlich sei es unangenehm, mit einer Covid-Infektion drei Tage ans Bett gefesselt zu sein. „Aber das ist dann trotzdem für uns Mediziner keine schwere Erkrankung nach der Definition“, sagt der Chefarzt.

Markus Unnewehr, Chefarzt aus Hamm
„Wir müssen aus dem Modus raus, dass wir glauben, wir könnten die Pandemie komplett kontrollieren“, sagt der Hammer Chefarzt Markus Unnewehr . © Reiner Mroß

Corona in Hamm: hohe Durchseuchung

Ferner geht Unnewehr davon aus, dass der Durchseuchungsgrad auch in Deutschland mittlerweile extrem hoch sein müsse. „Nahezu jeder Mensch hier dürfte nunmehr mit dem Virus Kontakt gehabt haben – sei es durch die Impfung oder durch eine Infektion“, so Unnewehr. Untersucht worden sei das in Deutschland nie. Für Unnewehr ein schweres Versäumnis. In England, wo solche Erhebungen durchgeführt wurden, liege der Durchseuchungsgrad bei 99 Prozent. In südosteuropäischen Ländern sei die Durchseuchung ebenfalls untersucht worden. 95 bis 99 Prozent der Menschen dort hätten Antikörper gegen das Virus gebildet.

„Wir haben in Deutschland aber auch eine gute Immunlage. Dazu haben entscheidend die vielen Impfungen beigetragen“, sagt der Chefarzt. Weniger gut sehe es dagegen beim Schutz vor anderen respiratorischen Infekten aus. Viele Virologen würden nun nach zwei Jahren praktisch ohne Influenza-Fälle für den kommenden Herbst/Winter darin die größere Gefahr als durch Covid sehen. Atypische Verläufe und Infektionswellen seien auch bei viralen Kinderinfekten aktuell zu beobachten und zukünftig zu erwarten.

Corona in Hamm: die Angstpsychose

Corona sei weiterhin in den Köpfen der Menschen und hemme sie auf vielfache Weise. Unnewehr spricht von einer chronifizierten gesellschaftlichen Angstpsychose-Störung. „Aber wir müssen alle lernen, mit dem Virus zu leben. Null Covid wird es nie geben können. Die Menschen werden sich weiterhin infizieren“, sagt der Mediziner. Wichtig sei es für die Zukunft, die weiterhin gefährdeten Menschen zu schützen. Sorgfalt und Vorsicht sei deshalb im Umgang mit immungeschwächten Krebspatienten angebracht – nicht aber kollektiv für alle Bevölkerungsteile Maßnahmen anzuordnen. „Wir müssen aus dem Modus raus, dass wir glauben, wir könnten die Pandemie komplett kontrollieren“, sagt Unnewehr.

Sehr wirksam sei weiterhin das Tragen einer Maske. Allerdings müsse diese auch richtig aufgesetzt sein. „Was nicht hilft, ist das Tragen einer Maske verpflichtend vorzuschreiben, die Leute sie dann aber nicht dicht über Mund und Nase tragen, weil sie die Bedeutung nicht mehr sehen.“ Aus seiner Sicht sei es beispielsweise unmöglich, über acht Stunden (am Arbeitsplatz während körperlicher Arbeit) eine Maske korrekt aufgesetzt zu behalten. Auch von Insellösungen – Maskenpflicht in Bussen oder Bahnen – hält Unnewehr für die Zukunft wenig bis nichts. „Wo ist der Gewinn, wenn die Menschen vor und nach dem Betreten des Verkehrsmittels einer Vielzahl von Personen ohne Maske gegenüber treten?“

Corona in Hamm: die Krankenhäuser

Der Pflege- und Gesundheitssektor sei als einziger weiterhin mit Maßnahmen belegt, erfahre aber keine Unterstützung mehr von der Politik. „Das ist ein großes Problem“, sagt Unnewehr und verweist auf verschobene Operationen, Staus bei Verlegungen und Entlassungen von Patienten in Rehas und Pflegeeinrichtungen sowie auf immense Personalausfälle bedingt durch Quarantäneanordnungen. Sinnvolle Handlungskonzepte – weg von anlasslosen Testungen – müssten her.

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