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Omikron wie Grippe: Hammer Chefarzt macht Hoffnung

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Von: Frank Lahme

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Verbreitet angesichts zunehmender Sorgen Ruhe: Dr. Markus Unnewehr. Infektiologe der Barbaraklinik Hamm.
Verbreitet angesichts zunehmender Sorgen Ruhe: Dr. Markus Unnewehr. Infektiologe der Barbaraklinik Hamm. © Henrik Wiemer

„Es ist halb so schlimm“, sagt Dr. Markus Unnewehr, Chefarzt an der Barbaraklinik in Hamm, zur aktuellen Corona-Lage. Im Interview mit dem WA analysiert der Mediziner die Omikron-Welle und die Lage in den heimischen Krankenhäusern.

Hamm - Die Corona-Fallzahlen steigen seit Jahresbeginn täglich auf neue Rekordwerte. Für Dr. Markus Unnewehr, Chefarzt der Pneumologie und Infektiologie an der St.-Barbara-Klinik, ist der Blick auf die hohen Infektionszahlen nicht mehr zielführend. Im Gespräch mit Frank Lahme appelliert er an eine wachsame Gelassenheit im Umgang mit der Omikron-Welle – auch an den Schulen. (News zum Coronavirus in Hamm)

Eine Infektion sei inzwischen vergleichbar mit einer Grippeerkrankung, sagt Unnewehr. Nachgedacht werden müsse aber über Arbeits-Quarantänen für Mitarbeiter in systemrelevanten Berufen, beispielsweise in den Krankenhäusern.

Wie schlimm ist es, sich heute mit Corona zu infizieren?

Die Situation heute unterscheidet sich von der vor zwei Jahren. Gegenüber dem Beginn der Pandemie mit dem Wuhan-Virus gibt es heute eine deutliche Verringerung der Gefährlichkeit, zu sterben oder schwer zu erkranken. Das zeigt sich auch bei uns im Krankenhaus.

Zweitens: Es wird immer gesagt, man soll das Virus nicht mit der Grippe oder anderen Viruserkrankungen vergleichen. Das muss man aber. Die Medizin, die Politik und jeder Einzelne müssen einen Maßstab haben, an dem sie sich orientieren können.

Und tatsächlich habe ich den Eindruck – das ist aber noch nicht durch Zahlen ganz sicher belegt – dass sich die Erkrankung jetzt einem ähnlichen Niveau annähert wie es bei einer Influenza oder bei einer schweren Erkältung der Fall ist. Viele Betroffene merken überhaupt nichts von ihrer Infektion. Die Dunkelziffer dieser asymptomatischen Verläufe ist nicht bekannt. Sie ist aber sicherlich um ein Vielfaches höher als die Zahl derer, die etwas von ihrer Infektion merken.

Die Fallzahlen steigen seit Wochen, die Belegungszahlen in den Krankenhäusern nicht. Ist überhaupt noch damit zu rechnen, dass sich daran noch etwas ändern wird?

Ich halte einen starken Fallanstieg im Krankenhaus für wenig wahrscheinlich. Die Omikron-Welle läuft seit Anfang Januar. Wir haben aber keinen proportionalen Anstieg der Krankenhauseinweisungen wegen Omikron. Das war bei den anderen Wellen anders. Vor allem in den ersten Wellen liefen die Kurven – zeitversetzt um sieben bis zehn Tage – sehr parrallel. Diesen zeitversetzten Anstieg der Krankenhauseinweisungen sehen wir bei Omikron nicht.

Ferner war dies auch in den anderen Ländern wie England oder Dänemark nicht der Fall. Und die sind uns einige Wochen voraus. Dort gehen die Zahlen nun teils wieder zurück.

Wer liegt im Krankenhaus? Was sind das für Patienten?

Bei uns im Haus wird derzeit kein Corona-Patient auf der Intensivstation behandelt. Wir haben 14 Patienten, die mit Corona bei uns liegen, und drei, die wegen Corona behandelt werden. So ist auch das Verhältnis in den letzten Tagen und Wochen mit Omikron gewesen.

Der größte Teil der Patienten ist wegen ganz anderer Erkrankungen hier und hat zufällig einen positiven Testnachweis bekommen. Das sind zum Beispiel chirurgische Patienten, die nun auf der Infektionsstation liegen, weil sie dort von anderen Patienten abgesondert werden können.

Klar, es kann auch morgen ein Komet auf die Erde fallen. Aber wie wahrscheinlich ist das?

Dr. Markus Unnewehr, Chefarzt

Die Infektionsverläufe sind also nicht das Problem. Wie sieht es mit Ausfällen in der Krankenhausbelegschaft wegen Infektionen oder als Kontaktpersonen aus? Droht hier die eigentliche Gefahr der Omikron-Welle?

Genau. Das ist eine Entwicklung, die wir hier mit großer Sorge beobachten. Die Personalausfälle steigen täglich. Es kommen zwar auch Mitarbeiter wieder aus einer Quarantäne zurück, aber die Zahl derer, die neu ausfallen, überwiegt. Das ist nicht nur ein Problem bei der Versorgung der Patienten, sondern führt natürlich auch zu einer Belastungssteigerung derjenigen Mitarbeiter, die die Ausfälle kompensieren müssen. Wir sind bereits in der Situation, dass wir Operationen verschieben müssen.

Was müsste man klugerweise tun, um dem entgegenzuwirken?

Generell muss man festhalten, dass wir dem Virus im Moment nicht wirklich viel entgegensetzen können. Übrigens auch nicht in anderen Ländern. Das hört sich dramatisch an, ist aber halb so schlimm, weil eben die Krankheitsschwere nicht da ist.

Wir haben zudem den großen Vorteil, dass wir eine gute Durchimpfung der Bevölkerung haben – erstens durch die Grundimmunisierung, aber auch durchs Boostern. Gerade in den vulnerablen Gruppen ist das der Fall. Deswegen sind wir erst einmal auf der sicheren Seite. Das heißt: Wir können einer Durchseuchung relativ gelassen entgegensehen.

Also weg mit allen Maßnahmen und Auflagen?

Nein, das nicht. Aber natürlich gehören die Maßnahmen auf den Prüfstand. Mindestens für die Krankenhäuser und systemrelevante Bereiche wie beispielsweise die Feuerwehr müsste über Arbeitsquarantänen nachgedacht werden. Das bedeutet: Obwohl die Leute Corona haben, können sie – wenn sie sich gut fühlen – mit bestimmten Vorsichtsmaßnahmen auch arbeiten gehen.

Wir müssen uns doch die Frage stellen, was letztlich gefährlicher ist? Ist es gefährlicher, die Funktionsfähigkeit eines Krankenhauses oder der Feuerwehr aufs Spiel zu setzen, und ist es nicht doch sinnvoller, zu akzeptieren, dass das Virus überall ist und man damit lebt?

Die Situation an den Schulen steht seit jeher besonders im Fokus. Welche Gefahr geht noch für und von Kindern aus?

Schon die alten Stämme von Corona waren für Kinder weitgehend ungefährlich. Omikron ist es noch einmal eine ganze Portion weniger. Das heißt: Für Kinder ist Omikron keine relevante Erkrankung. Der so genannte ,Schutz für Kinder’, der immer wieder angeführt wird, um Maßnahmen zu begründen, ist ein Narrativ, das keine wissenschaftliche Basis hat.

Aber Kinder können andere Personen um sich herum anstecken...

Nun, welche Rolle Kinder bei der Corona-Übertragung spielen, ist nicht so ganz gesichert. Sicherlich ist es aber keine führende. Auflagen mit dem Sekundärschutz für Dritte zu begründen, ist im jetzigen Stadium der Pandemie auch ein bisschen weit hergeholt, denn das Umfeld hat ja die Möglichkeit, sich übers Impfen zu schützen. Wenn man sich zudem anguckt, wie sich gerade jüngere Kinder untereinander bewegen, dann muss im Lauf der letzten beiden Jahre ein Großteil der Kinder schon längst immunisiert sein. Das sehe ich auch bei meinen drei kleinen Kindern zuhause.

Erkältungskrankheiten machen in Schulen und Kindergärten die Runde, und das Coronavirus nicht? Ich halte diesen Gedanken für lebensfern. Leider fehlen uns da aber klare Daten. Mein Plädoyer wäre jedenfalls, das anlasslose Testen in Kindergärten und Schulen zu streichen und weitgehend zum normalen Alltag zurückzukehren. Wer sich krank fühlt, bleibt zu Hause, und die anderen gehen zur Schule – so wie bei jeder anderen Erkältungskrankheit auch.

Wie lange wird die Omikron-Welle noch rollen?

Es wird noch ein, zwei Wochen so weitergehen. Aber die ,Omikron-Wand’ kann nicht unendlich hoch gemauert werden, weil die Anzahl der Infizierbaren irgendwann nicht mehr da ist. Irgendwann – und das sieht man bei all solchen Wellen – kippt die Kurve, und die Zahlen gehen dann auch schnell wieder runter.

Die Aufgabe ist, dass wir jetzt Szenarien entwickeln, wie es dann weitergeht. Wir sollten damit nicht bis zum Erreichen des Wendepunkts warten, denn dann gehen wieder kostbare Wochen ins Land. Die Rückkehr schwer krankmachender Viren aus Corona heraus wird in Zukunft nicht ausgeschlossen, aber unwahrscheinlich sein. Der Trend war bisher bei allen Seuchen in der Weltgeschichte, dass die Erreger mit fortschreitender Zeit infektiöser, aber weniger krankmachender wurden. So erwarte ich es auch bei Corona. Und bislang hat sich das auch so bestätigt.

Es gibt aber auch Stimmen, die sagen, dass Delta in noch gefährlicherer Form wieder zurückkehren könne....

Klar, es kann auch morgen ein Komet auf die Erde fallen. Aber wie wahrscheinlich ist das? Was wir brauchen, ist ein vernünftiges Risikobewusstsein. Das ist uns im Lauf der Pandemie mindestens in Teilen abhanden gekommen. Was sind Alltagsrisiken, wie bewerte ich diese und wie gehe ich damit um? Wo ordne ich am Ende so eine Viruserkrankung ein? Die Kompetenz, Risiken einzuschätzen, hat stark gelitten. Das ist ein Phänomen, das ich auch im Alltag mit den Patienten beobachte. Eine übersteigerte Angst vor einer neuen Virusvariante ist meines Erachtens irrational, denn die Wahrscheinlichkeit ist nach aktuellem Kenntnisstand sehr gering.

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