Fünf Intensiv-Patienten

Mehr Infizierte in der Klinik: So sind die Hammer Krankenhäuser auf die zweite Corona-Welle vorbereitet

Unter anderem im Marienhospital werden in Hamm die Corona-Patienten behandelt.
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Unter anderem im Marienhospital werden in Hamm die Corona-Patienten behandelt.

Mit den steigenden Corona-Fallzahlen wurden zuletzt von vermeintlichen und tatsächlichen Experten auch schwerere Krankheitsverläufe und mehr Intensiv-Patienten vorhergesagt. Im Frühjahr ist die erwartete Welle in den Krankenhäusern allerdings ausgeblieben. Ob sich die teilweise beschworenen Schreckensszenarien nun doch bewahrheiten werden, weiß derzeit niemand. Wie gut aber sind die Hammer Kliniken für das gerüstet, was kommen könnte?

Hamm – Zu Beginn der Pandemie wurden Hunderte planbare Operationen verschoben. Fast 500 Betten blieben vorsorglich für Corona-Patienten frei. Öffentlich suchten die Kliniken nach medizinisch geschulten Hilfskräften, die im Ernstfall das Personal entlasten könnten. Dienst- und Schichtpläne wurden aufwendig neu strukturiert, Schulungen organisiert. Jetzt dagegen läuft der neue Krankenhausalltag mit eingeschränkten Besuchsregeln und erhöhten Hygienemaßnahmen normal weiter. Die Kliniken sind ohnehin zwischen zehn und 20 Prozent weniger frequentiert als im Vorjahr.

Zehn Prozent der Intensivkapazitäten seien dauerhaft für Covid-19-Patienten reserviert. „Wenn die ausgeschöpft sein sollten, werden die nächsten zehn Prozent geblockt“, beschreibt der Ärztliche Direktor des Marienhospitals, Prof. Dr. Dirk Böcker, die bedarfsgerechte Belegung. Darüber hinaus gebe es Notfallpläne. Im EVK liegt zudem eine komplett ausgestattete Corona-Intensivstation mit acht bis zehn Betten im Dornröschenschlaf.

Planbare Operationen sind bislang in Hamm nicht verschoben worden. Das soll auch nur noch im Notfall passieren. „Es ist nicht sinnvoll, sie abzusagen“, sagt Böcker. So sei sichergestellt, dass Patienten nicht zu spät unters Messer kämen und so unter den Folgen zu leiden hätten.

Arbeitsfähigkeit erhalten oberstes Ziel

Ein Kernthema für die Verantwortlichen in den Kliniken ist der Schutz der Mitarbeiter. Es ist streng geregelt, wer mit wem Mittag essen gehen darf, welche Schutzkleidung wo zu tragen ist und wie die Kommunikation abläuft. Konferenzen finden nur noch digital und mit wenigen Menschen im gleichen Raum statt.

Seitdem der Inzidenzwert über 80 liegt, tragen die Mitarbeiter bei Patientenkontakt die sichereren FFP2-Masken. Masken, Handschuhe, Schutzvisiere seien im Gegensatz zum Frühjahr in ausreichendem Maße vorhanden. „So wollen wir Einschläge bei Mitarbeitern, was Infektionen angeht, verhindern oder verringern. Die wird es ja irgendwann geben, wenn die Zahlen weiter steigen. Wir wollen die Arbeitsfähigkeit erhalten“, sagt Böcker.

Sein Pendant aus dem EVK, Prof. Dr. Wolfgang Kamin, ergänzt: „Man hat andernorts gesehen, wie schnell es gehen kann. Wie wenige Corona-Fälle eine ganze Abteilung an den Rand der Arbeitsfähigkeit bringen können.“

Alle Mitarbeiter auf den Extremfall vorbereitet

Unkenrufen, die Mitarbeiter hätten wegen der vielen leeren Betten und abgesagten Operationen im Frühjahr weniger Arbeit als ohne Corona gehabt, widersprechen Böcker und Kamin vehement. „Die 20 Prozent, die Covid-Patienten behandelt haben, waren am Anschlag. Die anderen 80 Prozent wurden an Beatmungsgeräten geschult oder haben Überstunden abgebaut“, sagt Böcker. Kamin: „Wenn die Infektionszahlen explodieren, brauchen wir alle medizinisch Tätigen. Dann steht auch der Chirurg an den Geräten. Für Schulungen war diese Zeit wichtig.“

Aufhorchen ließ zuletzt der Leiter des Fachgebiets Management im Gesundheitswesen an der TU Berlin, Reinhard Busse, als er über die Corona-Maßnahmen sagte: „Wir müssen das nicht tun, weil das deutsche Gesundheitssystem sonst zusammenbrechen würde.“ Dabei war das im Frühjahr einer der wichtigsten Gründe für den Lockdown. Dem Gesundheitsmanager widersprechen Kamin und Böcker klar.

Digitale „Sprechstunde“: Per Videoschalte berichten die Ärzte – hier Prof. Dr. Dirk Böcker – aus ihrem Alltag im Krankenhaus.

Kamin: „Das Ding kann aus dem Ruder laufen“

„Es gibt eine Grenze, an die wir kommen können, das ist nicht unvorstellbar. Das Ding kann aus dem Ruder laufen“, so Kamin. Bei 1.000 zu behandelnden Patienten etwa könne es eng werden. „Bisher sind wir besser gefahren mit unserer Strategie als die anderen Länder um uns herum. Und Frankreich, Belgien oder die Niederlande sind ja keine Entwicklungsländer“, sagt auch Böcker.

265 Covid-19-Patienten wurden bislang in den Krankenhäusern behandelt, der Großteil von ihnen kam aus Hamm. Das Durchschnittsalter lag dabei zwischen 60 und 73 Jahren, auf der Intensivstation zwischen 69 und 75. Der längste Krankenhausaufenthalt dauerte 55 Tage – sechs davon lag der Patient auf Intensiv. Ein anderer Patient musste dort 40 Tage lang behandelt werden und war insgesamt 47 Tage in der Klinik. Am Montag waren von den 106 Hammer Intensivbetten 60 belegt und 46 frei. In fünf Betten lagen Covid-Erkrankte, zwei von ihnen mussten invasiv beatmet werden.

Allermeisten Infizierte mit geringen oder keinen Symptomen

Auch, wenn es schwere Verläufe und lange Krankenhausaufenthalte gibt, betonen die Mediziner: Nur, weil jemand positiv auf das Coronavirus getestet wird, heißt das nicht, dass er auch schwer krank wird. Die allermeisten Infizierten hätten nur gering ausgeprägte oder gar keine Symptome. Böcker sagt dennoch: „Die Folgen einer im Krankenhaus zu behandelnden Infektion gehen nicht so schnell weg, wie man es gerne hätte.“ Auch Konzentrations- und Merkfähigkeit würden in einigen Fällen leiden. „Wenn ich die Lungenbilder sehe, kann ich mir auch nicht vorstellen, dass die Betroffenen hinterher genauso Joggen können, wie vorher.“ Laut Kamin erholten sich Kinder dagegen gut und ohne bleibende Schäden.

Die beiden Ärzte raten, dass sich so viele Personen wie möglich gegen Influenza impfen lassen. So würden weniger Menschen das System belasten, bei denen unklar ist, ob sie Corona oder die Grippe haben. Noch wichtiger: Im Alltag konsequent eine Maske tragen. „So verhindern wir viele Ansteckungen“, ist sich Böcker sicher. „Das ist mitentscheidend für ein Gelingen der Strategie. Und einen Schnupfen verhindert man nebenbei auch.“

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