Fazit nach Distanzunterricht, Lollitest und Co.

„Schuljahr nicht verloren“: Verantwortliche und Schüler in Hamm widersprechen Forschern

Corona und Schulen
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Eine Rückkehr in den Distanzunterricht nach den Sommerferien wollen weder Schüler, Eltern noch Lehrer.

Noch vier Tage bis zu den Sommerferien. Dann endet ein Schuljahr, das Schüler, Eltern und Lehrer in bisher unbekanntem Maß gefordert hat – mit Lollitests, Lüftungskonzepten und Ad-hoc-Anweisungen aus Düsseldorf. Distanzunterricht sei so effektiv wie Sommerferien, hatten Frankfurter Bildungsforscher jüngst verkündet. An den Hammer Schulen sieht man das anders. Eine Bilanz und ein Ausblick auf das kommende Schuljahr.

Hamm - „Es war kein verlorenes Schuljahr“, sagt Christina Kühler, Vorsitzende des Personalrates für die Grundschulen und Leiterin der Maximilianschule. Den Schülern fehle vielleicht Fachwissen, doch es seien andere Kompetenzen hinzugekommen. Viele Schüler seien strukturierter geworden. Auch Andrea Behm-Brachmann, Direktorin des Beisenkamp-Gymnasiums wehrt sich gegen den Abgesang auf den Distanzunterricht: Der sei „so gut wie man ihn eben macht“. (News zum Coronavirus in Hamm)

Schülervertretung: Manche Zensuren anders ausgefallen

Auch die Schülervertreter meinen, es sei doch gar nicht so schlecht gelaufen. Deutlich besser als vor einem Jahr sei man durch den Lockdown gekommen, sagt Tobias Egermann (Beisenkamp). Natürlich sei es eine Herausforderung, sich selbst zu organisieren; doch viele hätten ihre Arbeiten nun nicht erst kurz vor dem Abgabetermin erledigt.

Der große Unterschied zum Präsenzunterricht, sagt Egermann, sei der fehlende direkte Kontakt zu Lehrern gewesen. Das sieht auch Cara Oberg (Gymnasium Hammonense) so. Die Schwelle, sich zu melden, sei im Distanzunterricht ungleich höher, das Mündliche falle praktisch weg. Manche Zensur sei da vielleicht anders als in „normalen Zeiten“ ausgefallen.

Lernrückstände: Aufholprogramme und individuelle Förderung

Die Beisenkamp-Direktorin sieht das Problem. „Wissen die Schüler, wo sie stehen?“, fragt Behm-Brachmann. Und natürlich, fachlich und sozial gebe es einiges aufzuholen. Maximilian-Rektorin Kühler spricht von Gewinnern und Verlieren: Einige Kinder hätten in der Krise zuhause erstaunlich gut lesen gelernt, aber sie sehe auch die, die es immer schon schwer hatten – und jetzt umso mehr.

Die Schulen in Hamm planen bereits Aufholprogramme und versuchen Strukturen anzupassen. Die Maximilianschule hat wegen Corona einen „ruhigeren“ Stundenplan mit 60-Minuten-Einheiten eingeführt und will ihn auch beibehalten. Ein Patentrezept für alle Schulen gebe es aber nicht, sagt Kühler.

Kohle vom Land: Geld besser in kleinere Klassen angelegt?

Nachhilfe soll es auch in Form von Sommerferienkursen geben. Behm-Brachmann sieht darin aber nur eine punktuelle Hilfe. „Wir müssen die im Blick haben, die ihre Motivation verloren haben“, sagt sie. Und die würden wohl kaum zu einem Ferienkursus angemeldet. Diese Schüler bräuchten durchgehend Unterstützung; das Geld für die Sonderprogramme wäre für geringere Klassenstärken besser angelegt.

Wenn Corona einen Schub ausgelöst hat, dann für die Digitalisierung. Inzwischen haben alle Schulen Lernplattformen; sie sollen auch nach Corona den Präsenzunterricht ergänzen.

Hin und Her des Landes hat alle ganz „kirre gemacht“

Die Schulleiterinnen werden mindestens die Hälfte der Sommerferien im Büro verbringen und das nächste Schuljahr vorbereiten. Ricarda Müller blickt trotzdem etwas sorgenvoll auf das Schuljahr 2021/22. In Hamm gebe es viel Engagement, sagt die stellvertretende Vorsitzende der Stadtelternpflegschaft.

Aber die Lehren aus diesem Schuljahr müssten eben in Düsseldorf gezogen werden. Die Kommunikation des Ministeriums mit den Schulen müsse besser werden. Ein „Hin und Her“ wie in diesem Schuljahr dürfe es nicht noch einmal geben. Das „hat uns alle kirre gemacht“.

Gebauer: Schulstart nach den Ferien unabhängig von Inzidenzen

Am Freitag, 2. Juli, beginnen in Nordrhein-Westfalen die Sommerferien. Das neue Schuljahr 2021/22 beginnt dann am Mittwoch, 18. August. Die Schulen sollen dann grundsätzlich offen bleiben, hatte die Landesregierung in der vergangenen Woche betont. „Wir starten unabhängig vom Inzidenzgeschehen“, sagte Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP).

Es sei denn, es komme zu dramatischen Entwicklungen, wovon sie aber nicht ausgehe. Die Testpflicht für Schülerinnen und Schüler soll noch länger beibehalten werden, die Maskenpflicht dagegen nur noch für kurze Zeit.

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