Reaktion auf Lockdown-Verlängerung

Corona-Regeln: Herter kritisiert Bund und Länder - „Keinen Bock mehr“

Nach dem Sitzungsmarathon von Bund und Ländern zum erweiterten Corona-Lockdown hat sich Hamms Oberbürgermeister Marc Herter zu den Ergebnissen geäußert. Er sieht einige Dinge kritisch.

Hamm - „Die Länderchefs machen jetzt ernst und betätigen die eingebaute Notbremse auch. Das kann man ihnen nicht zum Vorwurf machen, dass sie sich selbst in ihrem letzten Beschluss ernst nehmen“, sagte der Oberbürgermeister von Hamm am Dienstag im Live-Interview im Studio der Lippewelle. (News zu Corona in Hamm)

StadtHamm
Einwohner179.916 (31. Dez. 2019)
OberbürgermeisterMarc Herter (SPD)

Herter kritisiert: Nicht alles an Inzidenzen festmachen

Es gebe eine tiefe Besorgnis, dass die steigenden Coronavirus-Inzidenzen nichts damit zu tun haben, dass man nur das Leben lockerer angeht, sondern dass die britische Mutante weitaus aggressiver ist in ihrer Verbreitung – nicht aber im Krankheitsverlauf. Davon sei das Handeln der Politik geprägt.

„Meine Kritik, nur die Inzidenz zu betrachten, bleibt“, betonte Herter aber. „Es gibt andere Kriterien, die man mit hinzuziehen muss. Da ist die Frage der Auslastung der Krankenhausbetten, insbesondere der Intensivbetten oder die Frage der Krankheitsverläufe im hochaltrigen Bereich. Das sind alles Hoffnungsschimmer, die wir hier haben.“

All diese Parameter sind in Hamm derzeit im unkritischen Bereich. Trotz dieser Hoffnungsschimmer sei die Lage in Hamm aber weiter noch nicht entschärft, gibt Herter zu. „Wenn ich gucke, wie viele geimpft sind und dadurch mit einem milden Krankheitsverlauf rechnen dürfen, sind noch nicht alle über 80-Jährigen dabei und über die über 70-Jährigen und Vorerkrankten haben wir da noch gar nicht geredet. Im Moment bitten wir täglich beim Gesundheitsministerium und dem Land darum, anfangen zu können, die Vorerkrankten zu impfen. Das sind die nächsten zusammen mit den über 70-Jährigen, bei denen wir schwere Verläufe erwarten.“

Hat Diskussion den komplett falschen Schwerpunkt?

Deshalb laufe die aktuelle Debatte um Öffnungen und Schließungen ein Stück weit in die falsche Richtung. „Das muss eigentlich die Strategie und der Punkt sein, der im Mittelpunkt der Diskussion steht. Nicht die Frage: Wie können wir flächendeckend die Dinge wieder schließen? Sondern wie können wir diejenigen, die zu schweren und schwersten Krankheitsverläufen neigen, schnell geimpft kriegen?“

Herter sehe die jetzigen Beschlüsse auch als Eingeständnis, dass die Impfbeschaffung nicht gut geklappt hat. Das müsse jetzt von allen ausgebadet werden. Die Verantwortung sieht er klar beim Bund: „Das Impfzentrum in Hamm steht seit Dezember bereit und war fast zwei Monate lang eingemottet. Seitdem kommt der Impfstoff - ich will nicht sagen tröpfchenweise - aber in sehr übersichtlichen Chargen bei uns an. Wir beweisen gerade, dass wir mit fünf Impflinien die Kapazität von zwei Wochen auch in einer durchziehen können. Es liegt also nicht an der Infrastruktur vor Ort, sondern einzig und allein daran, dass zu wenig Impfstoff im System ist.“

Deshalb sei auch die Diskussion über Impfungen in Hausarztpraxen derzeit verfrüht. „Auch die Hausärzte können mit nicht vorhandenem Impfstoff nicht impfen.“

Oberbürgermeister Marc Herter will Allgemeinverfügung fortsetzen.

OB Herter hat „auch keinen Bock mehr“

Die Hammer ruft Herter trotz der immer wieder neuen Lockdown-Verlängerungen zum Durchhalten auf. „Der Oberbürgermeister hat auch keinen Bock mehr. Trotzdem müssen wir uns an die Regeln halten. Es ist ein bisschen Disziplin miteinander angesagt. Ich kann das niemandem von den Schultern nehmen. Das ist keine Sache, die der Oberbürgermeister oder die Politiker alleine machen können sondern nur alle miteinander.“

Herter lobte aber auch den bisherigen Einsatz der Bürger: „Ich bin sehr stolz auf diese Stadt, dass sie das offenbar in den letzten Wochen und Monaten doch gemacht hat. Die Inzidenz liegt inzwischen unter der vom Bund und vom Land. Also haben wir uns durchaus sehr sehr positiv an die Dinge gehalten.“ Und weiter: „Ich glaube auch gar nicht so sehr, dass es um das strikte einhalten von Regelungen geht sondern um die vernünftige Reduzierung von Kontakten. Da bin ich sehr sehr froh drum, dass die Bürger in der Stadt mitgezogen haben und bin sicher, dass sie auch weiter mitziehen. Das ist eigentlich unser größtes Pfund. Deshalb bin ich so ärgerlich, dass diese Jojo-Situation jetzt da ist. Die gefährdet den größten Schatz, nämlich dass die Bürger sagen ,Das ist alles sinnvoll, was wir da machen, das kann ich akzeptieren und da kann ich mitgehen.‘“

Herter wünscht sich Hysterie-Lockdown

Von den ewigen Debatten um die richtige Richtung hat Herter ebenfalls die Nase voll. Er sagte: „Wenn es was zu kritisieren gibt neben der Frage, dass wir zu wenig Impfstoff haben, sind es die erratischen, also nicht stringenten Diskussionen. Montag sagt jemand, dass die Schulen aufgemacht werden, Dienstag wird das kritisiert, Mittwoch fragt jemand ,Wollen wir das nicht mit Tests machen?‘, und Donnerstag sagt einer, dass wir das alles nochmal neu denken. Derjenige, der da nicht verrückt wird, muss erst noch geboren werden. Ich habe da die gleichen Emotionen wie jeder andere auch. Ich glaube fast, wir brauchen sowas wie einen Lockdown dieser Diskussionen, die inzwischen so hysterisch auf beiden Seiten geführt werden.“

Was im Detail nun in den kommenden Tagen und rund um Ostern in Hamm gelten wird, steht erst fest, nachdem die neue Landesverordnung im Rathaus eingetroffen ist. Zu Schließungen des Einzelhandel, des Tierparks, des Maxiparks oder anderer Einrichtungen konnte Herter noch nichts sagen. Mutmaßlich werde die Regel-Uhr aber auf vor den 8. März zurückgedreht. Im Einzelhandel werde es wohl eine Rückkehr vom „Click and meet“ zum „Click and collect“ geben. Schulen und Kitas dürften für die Restwoche vor den Ferien offen bleiben. „Ich finde, vernünftige Schritte, die nachweislich dazu führen, dass wir runter kommen von den Infektionszahlen und hoch kommen bei den Impf- und Testzahlen sind das Gebot der Stunde und darum bemühen wir uns in Hamm“, so Herter.

Ausgangsbeschränkungen für Hamm wohl unwahrscheinlich

Wegen der ohnehin schon strengen Dauerregelung für den privaten Raum glaubt Herter, dass Hamm bei steigender Inzidenz sehr wahrscheinlich um mögliche nächtliche Ausgangsbeschränkungen herumkommen dürfte. „Das haben wir so etwas wie ein Plus“, sagte er. Ausgangsbeschränkungen halte er ohnehin ein Stück weit für unverhältnismäßig, wenn der Inzidenzwert knapp über 100 rangiere. Herter könne sich indes vorstellen, die Spielplätze ab 18 Uhr zu schließen, die häufig auch als Treffpunkte für Jugendliche und andere dienten.

Rubriklistenbild: © Reiner Mroß / Digitalfoto

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