Der OB im Interview

Herter hat Comeback-Plan für Hamm: „Aufhebung der Verordnungen reicht nicht“

Abwägen und entscheiden: Marc Herter erläutert seine Entscheidungen zur Eindämmung des Virus.
+
Abwägen und entscheiden: Marc Herter erläutert seine Entscheidungen zur Eindämmung des Virus.

Mal war Hamm in Sachen Corona Vorbild, mal führte die Stadt das bundesweite Corona-Ranking an. Oberbürgermeister Marc Herter (SPD) ist seit November im Amt und bestimmt den Kurs der Stadt in Sachen Virus-Bekämpfung.

Hamm - Im Interview mit Jörn Funke und Cedric Sporkert spricht der Oberbürgermeister der Stadt Hamm über die Bewältigung der Pandemie und die Nach-Corona-Zeit. Fragen zum Integrationsprojekt für bulgarische Einwanderer und den damit verbundenen fragwürdigen Vorgänge im Rathaus wollte er nicht beantworten. (News zum Coronavirus in Hamm)

Herr Herter, wir hatten in Hamm strengere Regeln als andere Städte des Landes. Hat das aus Sicht der Stadt etwas gebracht?
Ja. Das hat ganz klar etwas gebracht. Der Erfolg, vom Hotspot zu einer der letzten Kommunen zu kommen, die eine Notbremse ziehen mussten, hat vor allem etwas damit zu tun, dass wir nicht nur den öffentlichen, sondern auch den privaten Bereich geregelt haben. Das Virus macht nicht vor der Schwelle zur eigenen Wohnung halt.
Trotzdem sind wir von relativ komfortablen Werten relativ schnell an die Spitze der Corona-Rangliste gekommen. Haben Sie eine Erklärung dafür?
Wir müssen feststellen, dass irgendwann in der Woche nach Ostern wohl mehrere infizierte Menschen ohne Symptome in Hamm unterwegs waren. Denen hat man die Infektion nicht angesehen, sie haben es wahrscheinlich auch nicht gewusst. Wir können aus der flächigen Verbreitung aber sehen, dass sie hochmobil gewesen sein müssen.
Ist das eine Lehre für die Zukunft?
Man muss zwei Dinge auseinanderhalten: Wenn wir wie im Februar einen klaren Ausbruchsherd feststellen, gehen wir da gezielt hart rein und kriegen das relativ schnell in den Griff. Bei einem diffusen Ausbruchsgeschehen wie zuletzt, kommt man um die Maßnahmen, die wir ergriffen haben, nicht herum. Man kann dem nur begegnen, indem man breitflächige Kontaktbeschränkungen erlässt. Das ist dann unumgänglich – und wie man an den auch wieder rasant zurückgegangenen Zahlen gesehen hat – ebenso hocheffektiv.

Herter: Kontrollen im Privatraum nur anlassbezogen

Viele Leute haben sich zu Ostern und im Ramadan vielleicht doch nicht an die Corona-Regeln gehalten. Haben wir es in Hamm selbst „verbockt“?
Dass wir um die dritte Welle herumkommen würden, hat ernsthaft niemand geglaubt. Wir leben nicht auf der Insel der Glückseligen. Dass wir in die Situation gekommen sind, hat weniger etwas mit Ostern und Ramadan zu tun, als damit, dass die Virus-Mutation viel aggressiver ist als die ursprüngliche Variante. Das ist der Grund dafür, dass die Zahlen dann auch so extrem hochgegangen sind. Es hat sich durch die Familien einfach durchgefressen.
Hätte man im privaten Raum mehr kontrollieren müssen?
Da, glaube ich, ist die richtige Entscheidung getroffen worden: Wir regeln den privaten Raum – alle wissen, was zu tun ist! Aber wir stehen nicht vor jeder Haustür, klingeln an und schauen, ob alles in Ordnung ist. Wir gehen da nur anlassbezogen rein. Solche Anlässe hat es in anderen Städten ja gegeben, wenn entsprechend Party gemacht wurde. Aber diese Auswüchse kann ich für Hamm gar nicht feststellen.
Waren die Regeln an einiger Stelle auch zu streng, wenn man an die Schließung von Spielplätzen, Maxi- und Tierpark denkt?
Die Spielplätze haben wir nur abends für „zweckfremde“ Nutzung gesperrt. Was den Maxipark angeht, habe ich es mir nicht leicht gemacht. Weil ich schon weiß, dass das für die Familien gerade in der Pandemiezeit auch ein Entlastungsort ist. Aber in den Kitas halten wir die Gruppen auseinander, wir schließen die Schulen, damit die Kinder nicht miteinander zusammenkommen – da können wir nicht gleichzeitig solche großen Spielangebote offenhalten.
Marc Herter, hier in seinem Büro im Rathaus, hätte sich für die Kitas klarere Regeln vom Land gewünscht

Aufklärung über Brennpunkte: Eine falsche Sicherheit?

Viele Eltern sind von den Kitas unter Druck gesetzt worden, ihre Kinder nicht in die Kita zu schicken. Hätte die Stadt stärker auf die Kitas einwirken können?
Ich hätte mir grundsätzlich klarere Regeln vom Land gewünscht, um diese Frage nicht in die Kitas zu verlagern. An mich haben sich nämlich umgedreht auch viele Erzieherinnen und Erzieher gewandt, die gesagt haben: ‚Die Kitas sind doch gar nicht geschlossen. Zwischen einem Drittel und der Hälfte der Kinder sind doch da.‘ In der Tat, Familien waren in der Pandemie am stärksten belastet: Homeschooling, Kinderbetreuung, dabei noch Homeoffice. Deshalb haben wir als Stadt die Familien durch die Streichung aller Beiträge finanziell entlastet.
Niemand wusste, wo das Virus sitzt: nebenan oder im Nachbarviertel? Hätte die Stadt die Brennpunkte klarer benennen müssen?
Das hätte leider viele in falscher Sicherheit gewogen. In der Familie, wo wir uns am sichersten gefühlt haben, war doch die Ansteckungsgefahr am höchsten. Die Dietrich-Bonhoeffer-Schule in Westtünnen, wo wir die höchste Anzahl an infizierten Kindern in einer Grundschule hatten, ist kein sozialer Brennpunkt. Wir haben in Hamm im Herbst zu lange daran festgehalten, dass das Ausbruchsgeschehen nur auf eine türkische Großhochzeit zurückzuführen war. Während wir noch darüber geredet haben, rollte die zweite Welle schon. Genau diese Situation wollte ich nicht wieder haben.
Dabei ist die Diskussion über die besondere Belastung von Menschen in hochverdichteten Quartieren ja nur in Gang gekommen, weil es konkrete Zahlen aus Köln gab.
Den Hinweis, dass es genau diese Belastung gibt, habe ich in Hamm schon im November gegeben. Es ist auf die Lebensumstände – nicht auf die Nationalität zurückzuführen. Hoch verdichtete Wohnbereiche und die dort gegebenen Lebens- und Arbeitsumstände führen unweigerlich zu mehr Kontakten und zu einem zum erhöhten Infektionsrisiko. Aber die einzelnen Bereiche und Schichten sind ja nicht hermetisch voneinander abgeriegelt. Das Virus springt über, und dann sind wir wieder alle betroffen.

Wir haben in Hamm im Herbst zu lange daran festgehalten, dass das Ausbruchsgeschehen nur auf eine türkische Großhochzeit zurückzuführen war. 

Marc Herter (SPD), Oberbürgermeister Stadt Hamm
Wurden bei den Reiserückkehrern im vergangenen Jahr Fehler gemacht?
Die regelmäßige Einreisequarantäne ist gerichtlich aufgehoben worden. Die Regelungen des Landes waren für das Oberverwaltungsgericht unangemessen und fortan hat diese hochwirksame Maßnahme eingestellt werden müssen.
Was passiert, wenn im Sommer Menschen aus Ländern mit höheren Infektionszahlen einreisen?
Wir werden dann intensiv aufklären. An die Stelle der Quarantäne treten jetzt hohe Testanforderungen. Diese und die hohe Impfquote machen mich zuversichtlich, dass wir so eine Entwicklung wie im vergangenen Jahr nicht erneut haben werden. In der zurückliegenden Zeit waren wir nur mit der Eindämmung der Pandemie beschäftigt. Der neue Abschnitt ist, die Pandemie dank der Impfung zu überwinden – das Coronavirus wird uns aber weiter begleiten.
Kann es wieder zu einer pandemischen Lage kommen?
Die Impfkampagne wird uns dabei helfen, die Gefahr eines breitflächigen Ausbruchs deutlich zu reduzieren. Wir können alle dazu beitragen, indem wir uns impfen lassen.
Besuch im Büro: Cedric Sporkert (links) und Jörn Funke (rechts) sprachen mit OB Herter.

Herter stellt „Comeback-Programm“ für Hamm im Juni vor

Wie kommen wir aus der Situation wieder raus?
Man kann eine Gesellschaft durch Verbote stilllegen. Durch reines Aufheben von Verordnungen läuft das Leben nicht automatisch wieder an. Der Aufbruch aus der Corona-Krise wird gelingen, wenn alle gesellschaftlichen Gruppen dazu etwas beitragen. Wir als Stadt wollen an zwei Dingen ansetzen: Das eine ist ein Comeback-Programm für die Wirtschaft, das ich dem Rat im Juni vorlegen werde. Da zeigen wir auf, wie wir die Wirtschaft, insbesondere klein- und mittelständische Betriebe, den Einzelhandel und die Gastronomie unterstützen, wieder Tritt zu fassen. Für Kultur und Vereinswesen wollen wir den Fonds „Echte Hammer helfen“ auf 70 000 Euro aufstocken. Das ist dann keine einfache Überbrückungshilfe mehr, sondern eine Starthilfe.
Mit welchen wirtschaftlichen Problemen rechnen Sie, wenn die Pandemie abklingt?
Die wirtschaftliche Situation hat sich in Hamm bisher sehr robust gezeigt. Das ist auf die einzelnen Wirtschaftszweige zurückzuführen. Am meisten betroffen sind alle, die direkte Kundinnen und Kunden haben, und da liegt auch der Fokus unserer Unterstützungsleistungen. Einzelbetriebliche Hilfen liegen bei Land und Bund. Aber wir können gute Rahmenbedingungen für das Comeback setzen.
Der Stadt werden durch Corona Millionen Euro fehlen. Wird die Stadt daran finanziell zugrunde gehen?
Sicher nicht. Wir erleben gerade ein Jahrhundertereignis. Die Kosten finanzieren wir über einen langen Zeitraum, indem wir die Rückzahlung über 50 Jahre strecken. Das ist eine Belastung, aber aus einer Krise spart man sich nicht kurzfristig heraus. Ausgabenkürzungen und Steuererhöhungen wären Gift für die Konjunktur.
Wird uns das stärker belasten als andere Kommunen?
Bei Steuerausfällen und Mehraufwendungen liegen wir im Durchschnitt. Die Kommunen hatten das meiste abzufangen, der Bund auch einiges. Das Land hatte auch Mehrausgaben, hat den Kommunen aber gesagt: ‚Mehrausgaben könnt ihr als Schulden bei uns aufnehmen.‘ Als kommunale Familie fordern wir für unsere Bürger: ‚Gebt uns nicht nur die Möglichkeit, mehr Schulden zu machen, sondern die Finanzen, die wir brauchen!‘
Welche Probleme sind in der Krise besonders zutage getreten?
Wir sind in allen Städten liederlich mit der öffentlichen Gesundheitsvorsorge umgegangen. Das Gesundheitsamt führte ja eher ein Schattendasein. Künftig geht es darum, mehr Prävention und Aufklärung zu betreiben. Zweitens: Familien hatten auch vor der Pandemie schon alle Hände voll zu tun, den Alltag zu meistern. Deshalb werden wir mehr für Familien tun. Das reicht von auskömmlicher Arbeit bis zu Bildung und Betreuung in Kita und Schule. Und der dritte Punkt: Schule ist mehr als Wissensvermittlung. Der Bund hat ein ‚Nachholprogramm‘ in Höhe von zwei Milliarden Euro aufgelegt. Das wollen wir einsetzen, um Kinder wieder ans Lernen heranzuführen. Es hat einen Prozess der Entwöhnung gegeben. Da werden wir als Stadt ansetzen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare