Reaktion auf Bund-Länder-Beschluss

Lockdown wirklich nötig? Hier stecken sich Menschen mit dem Coronavirus an - OB findet Maßnahmen „drakonisch“

Im Zentrum der Analyse: Theo Hesse, Fachbereichsleiter Soziales, blickt sich in der provisorischen Einrichtung im Ahsepark um.
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Im Zentrum der Analyse: Theo Hesse, Fachbereichsleiter Soziales, blickt sich in der provisorischen Einrichtung im Ahsepark um.

Die Menschen stecken sich in Hamm nicht beim Einkaufen, nicht beim Sporttreiben und auch nicht beim Restaurant- oder Kinobesuch an. Fälle dieser Art sind jedenfalls nicht bekannt geworden. Insofern wird der in Gang gesetzte November-Lockdown für viele in der Stadt nur schwer zu schlucken sein.

Hamm - Die Aussicht auf einen neuerlichen Lockdown gegen die Ausbreitung des Coronavirus ist am Abend im Hammer Rathaus deshalb auch ziemlich reserviert wahrgenommen worden. „Das sind schon drakonische Maßnahmen. Ich weiß nicht, ob ich – wenn ich nur für Hamm zu entscheiden hätte – zu einem solchen Ergebnis gekommen wäre“, sagte Noch-Oberbürgermeister Thomas-Hunsteger-Petermann. Viele Fragen seien noch offen.

StadtHamm
Bevölkerung179.397 (2016)
Fläche226,3 km²

Corona-Lockdown in Hamm: Umsetzung der Regeln noch offen - Details wohl Donnerstag

Wie lauteten die Landesvorgaben? Müssen auch der Tierpark und der Maxipark schließen? Gilt nun auch eine Maskenpflicht in der Fußgängerzone? All dies werde sich frühestens am Donnerstag klären, sagte Hunsteger. Viele Entscheidungen werde sein Nachfolger Marc Herter, der am kommenden Montag die Amtsgeschäfte übernimmt, zu treffen haben. Hunsteger appellierte an alle, sich am Riemen zu reißen. „Sonst wird es später umso schlimmer.“

Fakt ist indes: Wer sich in den vergangenen zwei Monaten in Hamm mit Covid-19 infizierte, hatte dies in der Regel im Zuge einer privaten Feierlichkeit, während seines Urlaubs (im Ausland) oder innerhalb einer Fahrgemeinschaft getan. Das erklärte Matthias Walter, Leiter des Coronastabs in Hamm, noch einmal auf WA-Anfrage.

Corona-Lockdown in Hamm: Ansteckung hauptsächlich im Familienumfeld

Die allergrößte Gruppe unter den Infizierten (am Mittwoch waren es 206) bildeten in Hamm jedoch Angehörige von bereits Infizierten. Sie hätten sich ohnehin schon in Quarantäne befunden und dort angesteckt. Wer in engen Wohnverhältnissen untergebracht sei, beispielsweise eine mehrköpfige Familie mit mehreren Kindern in einer kleinen Mietwohnung, habe quasi keine Chance, dem Virus in diesen Fällen zu entkommen, sagte Walter. „Die Ansteckungs-Quote liegt dann bei 97 Prozent.“

Immer wieder kritisch beäugt wurde in den vergangenen Wochen und Monaten das Hammer System der Nachverfolgung von Infektionsfällen und der Quarantäne-Anordnungen durch das Gesundheitsamt. Die Kritik sei allerdings unberechtigt, hieß es von der Stadtverwaltung. Hamm sei eine der wenigen Kommunen in NRW, der es gelinge, die Infektionsherde regelmäßig auszumachen und die Ansteckungsverläufe zu rekonstruieren.

Corona in Hamm: Landeszentrum soll Stadt gelobt haben

Das habe das Landeszentrum Gesundheit (LZG) NRW ausdrücklich bestätigt, als eine Abordnung der in Bochum ansässigen Behörde zur Phase der Hochzeits-Infektionswelle im September die Arbeit des hiesigen Coronastabs unter die Lupe genommen habe. „Wir versuchen immer, sehr tief in die Recherche einzusteigen und ein umfassendes Lagebild zu erstellen. Das gelingt kaum einer anderen Kommune“, sagte Walter unter Berufung auf das LZG.

Der WA hätte dies auch gern vom LZG selbst bestätigt bekommen, erhielt aber keine Antwort aus Bochum. Auskünfte zur Corona-Arbeit einzelner Kommunen würden grundsätzlich nicht erteilt, sagte eine LZG-Sprecherin.

Corona in Hamm: Durchschnittlich 10 Kontakte pro Infiziertem

Durchschnittlich hat jeder Coronainfizierte in Hamm Kontakt zu zehn Personen gehabt, erklärte Walter weiter. Wird ein Coronafall bekannt, komme in Hamm ein Drei-Stufen-Plan zur Anwendung. Zunächst werde der Betroffene vom Gesundheitsamt über den Positiv-Test informiert, nach seinem Befinden befragt und über das weitere Vorgehen informiert. Dies dauere in der Regel eine Stunde, sagte Walter. Im zweiten Schritt würden dann die Kontaktpersonen des Betreffenden ermittelt.

Schwierig werde es immer dann, wenn der Infizierte bereits seit Längerem Erkältungs- oder Grippesymptome gehabt, diese aber ignoriert hatte. Wenn er in dieser Zeit dann auch noch mehrere Feiern besucht und vielleicht auch noch ein paar Mal im Fitness-Studio gewesen ist, breche auf die Corona-Mitarbeiter extrem viel Arbeit herein. „Dann können auch schon einmal 100 Anrufe bei Fitness-Studio-Besuchern fällig werden“, so Walter. In der dritten Stufe werden die Kontakte nachverfolgt.

Alle Infos fließen in zentrale Datenbank

Dabei helfen seit Anfang der Woche auch zehn Soldaten der Bundeswehr, die der Stadt bei der Bewältigung der schwierigen Kontaktverfolgung unter die Arme greifen. Für alles steht den Corona-Teams eine zentrale Datenbank zur Verfügung. Diese wurde Anfang April in Betrieb genommen und eigens für die Bedürfnisse der Menschen in Hamm programmiert.

Entscheidend für die Berechnung eines Quarantänezeitraums sei der Tag des letzten Kontakts des Betroffenen zum ursprünglich Infizierten. Ab da beginne die 14-tägige Isolationsphase. Werde der Fall beispielsweise erst zehn Tage später bekannt, verkürze sich die Zeit auf vier Tage. Die Stadt richtet sich konsequent nach den Vorgaben des Robert-Koch-Instituts. Da sich auch diese permanent ändern, gebe es teils irritierende Anordnungen, beispielsweise bei Quarantänefällen.

Die Verbreitung des Virus in Hamm sei flächendeckend gleich. Es gebe keine nennenswert stärker oder weniger stark betroffenen Bezirke. Ebenso gebe es keine Nationalitätsgruppen, die besonders stark oder eben nicht vom Virus getroffen seien.

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