Uwe Röhrig im Interview

Bedrohliche Situation statt Rummel: „Schausteller kannten vor Corona keine Arbeitslosigkeit“

Deutliche Worte: Uwe Röhrig spricht vor den eingemotteten Kirmesbuden über den Zustand der Schaustellerbranche.
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Deutliche Worte: Uwe Röhrig spricht vor den eingemotteten Kirmesbuden über den Zustand der Schaustellerbranche.

Mit der Kirmes „to go“ auf dem Santa-Monica-Platz setzen Hammer Schausteller seit dieser Woche ein Zeichen, dass sie noch da sind. Seit der Pandemie geht es für die Betriebe ums nackte Überleben.

Hamm – Teils hängt der Lebensunterhalt mehrerer Generationen an den Betrieben. Uwe Röhrig, Vorsitzender des Schaustellervereins „Hand in Hand“ Hamm, sprach mit Frank Osiewacz über die vergangenen fast eineinhalb Jahre und die Hoffnungen, die mit sinkenden Infektionszahlen und den Lockerungen verbunden sind. Röhrig berichtet von viel Frust, spürt aber auch verhaltenen Optimismus. (News zum Coronavirus in Hamm)

Herr Röhrig, mit der Aussicht, ab September wieder größere Veranstaltungen durchführen zu können, taucht das sprichwörtliche Licht am Ende des Tunnels auf. Wie ist die Lage für Schausteller aber aktuell?
Wir befinden uns in einer bedrohlichen Situation. Die meisten von uns haben seit dem Weihnachtsmarkt 2019 keine Einnahmen mehr. Das sind fast eineinhalb Jahre. Imbiss- oder Süßwarenstände konnten sich vielleicht noch mit kleinen temporären Lösungen etwas helfen, aber bei den Fahr- und Spielgeschäften steht alles still. Es gibt kaum ein Gewerbe, das so hart durch Corona betroffen ist wie die Schaustellerbranche. Wenn es keine staatlichen Hilfen gäbe, sähe es zappenduster aus.
Was würde das bedeuten?
Vermutlich hätten bis heute weit über 50 Prozent der Betriebe aufgeben müssen. Gott sei Dank sind in unserem Verein mit seinen rund 100 Mitgliedern bisher keine Existenzen kaputt gegangen. Die gesamte Tragweite wird man möglicherweise erst in zwei bis drei Jahren überschauen können.
Wie haben Sie und Ihre Kollegen es geschafft, sich über Wasser halten?
Viele sind an ihre Rücklagen gegangen, haben Bausparverträge aufgelöst oder Lebensversicherungen gekündigt. Bei manchem mag auch die Angst aufgekommen sein, Haus und Hof veräußern zu müssen. Andere haben KfW-Kredite aufgenommen, weil sie nicht ihre Altersvorsorge gefährden wollten. Das hat für etwas Entspannung gesorgt, denn die laufenden Kosten wie zum Beispiel Versicherungen oder jährliche Tüv-Abnahmen fallen ja nicht weg. Alle Konten müssen bedient werden, damit man flüssig bleibt und das Geschäft weiter besteht. Das sind Dinge, über die man vorher nie nachgedacht oder gesprochen hätte. Schausteller kannten vor Corona ja praktisch keine Arbeitslosigkeit.
Wie ist es mit den staatlichen Hilfen gelaufen?
Die meisten in Hamm haben im vergangenen Jahr wohl die 9.000 Euro Soforthilfe erhalten. Ich rechne aber noch mit Rückforderungen, weil nicht alles als Betriebskosten durchlaufen wird. Das können schon um die 30 Prozent sein. Die folgende Überbrückungshilfe hat 80 Prozent der Betriebskosten gedeckt, mit der Überbrückungshilfe 3 sind es 100 Prozent geworden. Darüber müssen dann zum Beispiel aber auch Versicherungen und Gema abgerechnet werden. Die November- und Dezember-Hilfen mit bis zu 75 Prozent der Vorjahreseinnahmen hatten sehr unterschiedliche Wirkung: Der November ist traditionell eher ein schwacher Monat, weil Weihnachtsmärkte gerade erst anlaufen und viel in die Vorbereitung gesteckt werden muss. Der Dezember hingegen hat uns tatsächlich geholfen, über den Winter zu kommen. Allerdings ist das Geld sehr schleppend ausgezahlt worden. Für einige hat sich das bis April hingezogen. Aber immerhin gibt es die staatlichen Hilfen, und deshalb sollte nicht alles schlecht geredet werden.

Luftbilder vom Hammer Kirmes-Park an den Zentralhallen

Luftbilder vom Hammer Kirmes-Park an den Zentralhallen

Röhrig: „Ich wünsche mir mein altes Leben zurück“

Wie lebt es sich in und mit dieser Situation?
Viele sind frustriert bis obenhin. Dieses Jahr ist ja viel schlimmer als das vergangene, als es noch einige temporäre Freizeitparks gab. Wir kommen uns inzwischen fast überflüssig vor. Viele haben Angst, dass die Tradition der Volksfeste wegbrechen könnte. Ein dreijähriges Kind kann ja aktuell gar nicht erfahren, was ein Kinderkarussell ist. Alle Kollegen werden die Zeit genutzt haben, ihrer Betriebe umfassend zu warten und notwendige Arbeiten auszuführen. Wir sind quasi abfahrbereit und könnten sofort starten. Irgendwann aber sind alle Arbeiten erledigt, auch zu Hause. Nur die Kosten laufen weiter im Hintergrund. Das kann einen schon mürbe machen.
Was würden Sie sich denn für die kommende Veranstaltungsplanung am meisten wünschen?
Ein Oktoberfest abzusagen, kann nicht automatisch das Signal sein, alle Volksfeste zu verbieten. Denn so eine Riesenveranstaltung mit ihren Festzelten hat einen ganz anderen Charakter als beispielsweise ein Stunikenmarkt oder Send. Wir Schausteller sind sehr stark von den kommunalen Veranstaltungen abhängig. Natürlich muss die Kommune umsetzen, was vom Land vorgegeben wird. Man sollte auf höherer Ebene zu dem Schluss kommen, nicht alles vorschnell abzusagen. Stattdessen müsste differenziert werden, um welche Art Veranstaltung es sich handelt. Wir haben mit dem Kirmes-Park an den Zentralhallen im vergangenen Jahr ja gezeigt, dass wir innerhalb kurzer Zeit sichere Hygiene- und Brandschutzkonzepte vorlegen und solche Veranstaltungen durchführen können. Es gab keinerlei Beanstandungen, und Infektionen von vergleichbaren Anlässen sind ja auch nicht bekannt.
Sie haben vom drohenden Verlust der Tradition gesprochen. Damit geht es nicht ausschließlich um materielle Verluste.
Wir sind immer stolz gewesen, dass unsere Volksfeste für jedermann frei zugänglich waren – auch als Ort der Integration. Es sollte auch künftig alles dafür getan werden, dass sie stattfinden können. Damit das nicht falsch verstanden wird: Ich bin kein Freund von Schuldzuweisungen. Für die Entscheider war das alles auch Neuland. Aber jetzt haben wir ja über ein Jahr Erfahrungen gesammelt. Alle wünschen sich einen Stunikenmarkt im September und einen einigermaßen normalen Weihnachtsmarkt, denn wir müssen durch den Winter kommen. Vielleicht dürfen wir verhalten optimistisch sein. Ich glaube aber, ich spreche für die meisten Kollegen, wenn ich sage: Ich wünsche mir mein altes Leben zurück.

Mit der Kirmes „to go“ ist zumindest ein erster Schritt dorthin getan.

Abschlussfeuerwerk des Stunikenmarktes 2019

Abschlussfeuerwerk des Stunikenmarktes 2019
Abschlussfeuerwerk des Stunikenmarktes 2019
Abschlussfeuerwerk des Stunikenmarktes 2019
Abschlussfeuerwerk des Stunikenmarktes 2019
Abschlussfeuerwerk des Stunikenmarktes 2019

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