Weniger Innensitzplätze

Zelt, Pergola oder Wintergarten? Hammer Gastronomen werden im Werben um Gäste kreativ

Draußen sitzen war gestern: Klaus Osiewacz will einen Wintergarten in Hamm vor dem Hartdy´s bauen.
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Draußen sitzen war gestern: Klaus Osiewacz will einen Wintergarten bauen.

Die Corona-Welle rollt, und die Zeit der Geselligkeit im sommerwarmen Biergarten ist vorbei. Die Gastronomen stellt das Virus immer wieder vor neue extreme Herausforderungen.

Hamm – Das Abstands-Gebot bedeutet für die meisten weniger Innensitzplätze. Ein Manko, das vorübergehend durch Außengastro in der Fläche aufgefangen werden konnte. In den kühleren Jahreszeiten müssen Alternativen her.

„Jeder von uns ist Einzelkämpfer, aber natürlich tauscht man sich unter befreundeten Kollegen aus und gibt Tipps und Erfahrungen weiter“, sagt Klaus Osiewacz, der plant, vor der Tür des „Westend“ einen Wintergarten anzubieten, in dem sich Gäste unter freiem Himmel treffen können und in dem natürlich auch das Thema Weihnachten Berücksichtigung findet. 50 bis 60 Prozent des Umsatzes seien weggebrochen, so Osiewacz, für den eine Zeltlösung nicht infrage kommt – zum einen, weil darin nicht geraucht werden darf, zum anderen auch, weil derzeit deutschlandweit der Heizpilz-Einsatz in Zelten Diskussionen ausgelöst hat und zahlreiche Bestimmungen zu erfüllen sind. Einfache, vernünftige wie praktikable Lösungen sind das Motto im „Westend“.

Rauchverbot in fast allen Zelten

In vielen Kommunen sind Heizpilze verboten, andere gestatten sie, um der Gastronomie das Einhalten der Abstandsregeln zu ermöglichen. In Hamm sind für das Aufstellen von Heizpilzen keine gesonderten Anträge zu stellen, erläutert Stadtsprecher Lukas Huster. Allerdings seien die grundsätzlichen Brandschutz-Voraussetzungen für den Betrieb der Anlagen einzuhalten. Rauchen ist lediglich in einem drei mal drei Meter großen Partyzelt mit höchstens einer Wand als Windschutz gestattet; in allen anderen Zeltarten besteht Rauchverbot.

Jutta Elbers und Hartmut Weiß vom „Hardy’s“ haben vorgelegt: Laternen und Bäume setzten dem Zeltbau zwar natürliche Grenzen, aber das zu einer Seite offene Ergebnis bietet 24 Sitzplätze mehr und ist recht gemütlich. Grundsätzlich müssen Zelte bei der Stadt beantragt werden. Im Falle vom „Hardy’s“ kam die Zusage schnell und die Stadtwerke versorgten die Kultkneipe zeitnah mit einem für die Heizgeräte erforderlichen zusätzlichen Stromanschluss.

Um dem Wetter zu trotzen, steht vor dem Hardy’s ein Zelt.

Hand in Hand mit der Stadtverwaltung

Die Stadtverwaltung versucht, die Gastronomen zu unterstützen: Seit April müssen Gastwirte zwar eine Konzession erwerben, aber es werden dafür keine Gebühren mehr erhoben. Fällig wären im Innenstadtbereich eigentlich 2,50 Euro pro Monat und Quadratmeter sowie außerhalb 1,50 Euro.

Den Gastronomen entstehen jedoch andere Kosten durch Zeltmiete, Versicherung und zusätzlichen Stromverbrauch, wie Jutta Elbers erläutert, die aktuell immer wieder gefragt wird, ob es schon Karten für die Silvesterparty gibt. „Vielleicht ist eine abgespeckte Version in Form eines Drei-Gänge-Menüs möglich“, überlegt Elbers, die im Corona-Zeitalter unter anderem auch Außer-Haus-Verkauf anbietet.

Corona-Auflagen und Anträge

Paola Quintino vom Restaurant Torino an der Pauluskirche hat ebenfalls schnell reagiert und mit ihrem Zelt mehr als 60 Plätze zusätzlich geschaffen. Für sie bleibt es ein Wechselbad der Gefühle: Corona-Anstieg und Schlechtwetter machten sie fassungslos – „Ich habe ernsthaft überlegt, in Betriebsferien zu gehen. Ich hatte an einem Abend nur drei Mal zwei Tische besetzt. Das gab es noch nie und das ist nicht rentabel, weil die Personalkosten höher sind als die Einnahmen“, sagte sie am Dienstag. Zwei Tage später war das Lokal wieder gut besucht und die Chefin wieder optimistischer: „Wir schaffen das.“

Im Klosterdrubbel ist von Besucher-Einbruch nichts zu spüren: Wer bei Yvonne Lichtblau ein Stück Torte möchte, sollte reservieren. „Es ist fast noch ein bisschen mehr als vorher“, sagt die Chefin, während Tochter Johanna Lena Lichtblau weitere Reserviert-Schilder auf Tischchen platziert.

Den Stand „Yvi’s Hammer Fisch Spezialitäten“ auf dem Hammer Wochenmarkt hat Yvonne Lichtblau schließen müssen, weil die Corona-Auflagen für sie nicht umsetzbar waren. Nun steckt sie alle Kraft in das Café: Sie will das Mittagsangebot ihres Cafés ausbauen und den Außenbereich um zwölf Plätze vergrößern, indem sie einige Sitzplätze und Tische unter das Mauerwerk des Klosterdrubbels stellt, damit die Gäste geschützt sitzen. Der Antrag dafür ist gestellt – eine Zusage wird lieber heute als morgen erwartet.

Dem Wetter trotzen

Bereits in den vergangenen Tagen haben einige Gäste Wetterfestigkeit bewiesen: „Unsere Gäste dürfen gerne ihre eigene Decke mitbringen, aber wir werden hier demnächst auch Decken vorrätig haben und zum Selbstkostenpreis abgeben.“ Die Decke nach einmaliger Nutzung zu waschen, wenn ein Gast beispielsweise nur einen Kaffee trinke, das lohne sich schlicht nicht, daher zähle man auf die Unterstützung der Gäste.

Sezen Bozdogan, Betriebsleiterin im Café Extrablatt, will die Krise nutzen, um lange gehegte Erweiterungspläne im Außenbereich umzusetzen. Erste Gespräche mit der Verwaltung laufen. Die Idee, eine Pergola zu errichten, wurde zugunsten der Nachbarn verworfen, die hinter einem solchen Aufbau verschwinden könnten. Also denkt man im Extrablatt open-air. In jedem Fall soll es stimmungsvoll werden.

Und damit es nicht nur bei warmen Gedanken bleibt, versprechen die Gastronomen für diesen Herbst unisono eine große Auswahl an Heißgetränken.

Aufbau der Zelte nicht ohne Antrag

Der Hammer Bauverwaltung liegen weitere Anfragen vor. Für den Aufbau von Zelten müssen allerdings Anträge gestellt werden. Grundsätzlich stehe einer Genehmigung nichts im Wege, wenn Rettungswege freigehalten werden, Fußgänger ein Durchkommen finden und die Schutzbestimmungen eingehalten werden, so Huster.

Gastronomen, die sich genauer über ihre Möglichkeiten informieren möchten, können sich an die Wirtschaftsförderung oder das Stadtmarketing wenden.

Ein umgebauter US-Schulbus sollte für gastronomische Belebung auf dem Bahnhofsvorplatz sorgen. Doch nach einem Dreivierteljahr war das Unternehmen aus verschiedenen Gründen gescheitert. Gerade ist die Testphase für einen neuen Gastro-Anlauf auf dem Willy-Brandt-Platz um. Am Ende geht es dabei buchstäblich um die Wurst.

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