Der lange Weg zurück

Wieder mehr Aufträge, aber viel Unsicherheit: So wirkt sich die Krise auf das Handwerk aus

+
Auf dem Bau ging die Arbeit auch während des Lockdowns weiter – unklar ist, ob zum Ende des Jahres Aufträge ausbleiben.

Wie wirkt sich die Coronakrise auf das Hammer Handwerk aus? Die einen sorgen sich, dass Kunden zur Konkurrenz aus dem Internet abgewandert sind. Bei manchen zieht die Auftragslage aktuell wieder mächtig an. Und wieder andere hoffen, dass es bald wieder mehr wird.

Hamm – Vier von fünf Handwerksbetrieben in Deutschland leiden unter der Corona-Krise. Das geht aus einer Umfrage des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) vom Mittwoch hervor. Auch der Großteil der gut 1.250 Handwerksbetriebe in Hamm spürt die Auswirkungen der Krise. Vier Unternehmer erzählen exemplarisch, wie es ihren Firmen geht.

Der Rohbauer

In den ersten Wochen der Coronakrise war Marek Szczepaniak pessimistisch: Zwei Großaufträge waren geplatzt, der Umsatz brach ein. Er meldete Kurzarbeit für sein Rohbauunternehmen MS Bau an. Für etwa einen Monat arbeiteten die 40 Angestellten deutlich weniger als sonst. Doch es blieb bei den zwei geplatzten Aufträgen, sonst ging es auf dem Bau weiter. „Wir haben sogar etwas mehr geschafft als sonst“, sagt Szczepaniak.

Viele Mitarbeiter stornierten ihre Urlaube und arbeiteten durch. Derzeit bekommt er weiter neue Aufträge. „Wir leben sicher von Projekten, die schon vor Corona geplant waren“, sagt Szczepaniak. Er weiß aber nicht, wie die Lage zum Ende des Jahres ist: Schließlich nimmt er an, dass aktuell weniger Neubauten geplant werden als vor der Krise.

Die Schneiderin

Vor der Coronakrise türmten sich in Ferhan Dengiz‘ kleiner Schneiderei im Martin-Luther-Viertel die Kleiderberge. Nun ist das anders. Der Lockdown traf die Selbstständige hart. „Ich musste schließen. Erst einmal habe ich alle Änderungen nachgearbeitet, die ich noch hatte“, sagt Dengiz. Und dann? Nähte sie Masken, Hunderte, und schenkte sie der Kinderklinik, Altenheimen, Jugendhilfegruppen.

Sie lebt von Coronahilfen des Landes, auch jetzt noch: Denn es kommen weniger Kunden als vor der Krise. „Viele halten sich zurück“, sagt sie. Bis Juni reicht die Hilfe. Und dann? „Ich weiß nicht, was mich morgen erwartet. Deshalb mache ich mir keine Sorgen“, sagt sie.

Der Sanitärbetrieb

Anfang des Jahres konnte sich die Firma Schnittker vor Aufträgen kaum retten, erzählt Geschäftsführer Peter Gerken: „Die Leute wollten alle neue Heizungen einbauen.“ Doch in der Krise bekam das Heizungs- und Sanitärunternehmen solche Aufträge nicht mehr. Schnittker arbeitete trotzdem: Die Firma hat viele langfristige Wartungsverträge, die die rund 25 Mitarbeiter erfüllten. So hält sich die Firma über Wasser, auch wenn es deutliche Einbußen gibt. „Wir können es aber verschmerzen“, sagt Gerken.

Staatliche Hilfe brauchte er nicht. Nun zieht die Nachfrage wieder an. „Wir kommen mit dem Angeboteschreiben nicht hinterher“, sagt Gerken. Er weiß allerdings nicht, ob auf die Angebote Aufträge folgen. „Wenn einer um seinen Job bangt, wird er keine Heizung oder ein neues Bad kaufen, selbst wenn er ein finanzielles Polster hat“, sagt Gerken. Er hofft, dass viele Kunden optimistisch sind: Das könnte die Wirtschaft wieder ankurbeln.

Die Optikerin

Zwei Filialen und neun Mitarbeiter hat der alteingesessene Optiker Kohlhase in Hamm. Während des Lockdowns mussten alle in Kurzarbeit. „Anders hätten wir es nicht geschafft“, sagt Lena Kohlhase. Der Optiker durfte akute Reparaturen erledigen, aber keine Augen vermessen.

„Wir hatten im Notbetrieb offen, zwei Stunden pro Tag“, sagt Kohlhase. Sie nimmt an, dass ihr Einnahmen entgangen sind. Vermutlich hätten Kunden während des Lockdowns Sonnenbrillen im Internet gekauft, die sie sonst bei ihr erstanden hätten. „Aber inzwischen ist das Geschäft ganz gut wieder angelaufen“, sagt sie. 

Im Laden tragen Kunden und Mitarbeiter Masken. Kohlhase hat Tabletts mit Handspiegeln vor den Filialen ausgelegt: So können die Kunden vor dem Laden prüfen, ob ihnen die Brille auch ohne Maske steht. Die Optikerin hofft, dass vor allem die Stammkunden zurückkehren – und nicht erneut im Netz bestellen.

Coronavirus in Hamm - weitere Infos:

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare