Trotz Lockerungen

Weiter große Einschränkungen für Altenheime: „Wie Besuchszeit im Gefängnis“

+
Durch eine Scheibe von ihr getrennt besucht Friedrich Kulke seine Mutter.

Nach wie vor gelten für Besuche in Alteneinrichtungen massive Beschränkungen. Viele haben sich damit mittlerweile arrangiert. Auch, wenn es sich trotzdem komisch anfühlt, so ganz ohne Nähe.

Hamm – Nach Wochen der Abriegelung aufgrund der Corona-Pandemie sind die Besuchsmöglichkeiten in Seniorenheimen wieder gegeben. Unter Einhaltung besonderer Hygiene-Maßnahmen können die Familien ihre Eltern und Großeltern wieder besuchen. Die Unsicherheit bei den Einrichtungen ist offenbar immer noch groß, denn zahlreiche Heime verweigerten sich einem Besuch durch den WA.

Geschlossene Pavillons als Besuchspunkt

Das Reginenhaus in Rhynern ist da eine Ausnahme: Einrichtungsleiterin Regina Behr erklärte, wie Sicherheit und größtmögliche menschliche Nähe in der Einrichtung der Schwestern der Heiligen Maria Magdalena Postel (SMMP) zusammengeführt werden. „Nachdem wir aus den Nachrichten von dieser Möglichkeit erfahren haben, hatten wir zwei Tage Zeit um zum Muttertag alles sicher umzusetzen“, sagt Behr.

Um das Haus selbst weiter sicher zu halten, wurden im Garten zwei geschlossene Pavillons, mitsamt Tischen, Stühlen und einer transparenten Kunststoff-Abtrennung zwischen Bewohnern und Angehörigen errichtet.

In Härtefällen auch in die Einrichtung

Das Händewaschen und desinfizieren auch der Angehörigen wurde sichergestellt, und Behr selbst informierte die Verwandten der 71 Bewohner. „Natürlich ist das alles nicht vergleichbar mit der Situation vor Corona, aber 99 Prozent unserer Bewohner sind glücklich über diese Möglichkeit, so Behr. Die Bedeutung menschlicher Zuwendung sei ihnen allen bewusst, und so werden nach vorheriger Absprache auch die Besuche bei bettlägerigen und auch sterbenden Bewohnern ermöglicht.

„Da ist der Aufwand natürlich ungleich höher und beinhaltet die volle Schutzausrüstung, vom Mundschutz, über Handschuhe bis zum Kittel über der privaten Kleidung“, so Behr.

Bewohner pragmatisch: "Es ist, wie es ist"

Ein Angehöriger, dessen Mutter im Reginenhaus wohnt, ist Friedrich Kulke. Vor wenigen Monaten sei seine Mutter, unmittelbar nach einem Reha-Aufenthalt, dort eingezogen. „Sie blüht hier richtig auf, fühlt sich wohl und möchte hier wohnen bleiben“, berichtet Kulke. Auch die eingeschränkten Besuchsmöglichkeiten nach der Quarantäne genieße sie sehr. „Sie versteht die Notwendigkeit und erklärt, es sei halt wie es ist“, so Kulke.

Der Vater von Mirja Junkermann lebt in einer Einrichtung in Hamm-Süden, und auch sie nimmt die eingeschränkten Besuchsmöglichkeiten gerne war: „Da mein Vater an einer beginnenden Demenz leidet, war das Kontakthalten zunehmend schwierig“, sagt Junkermann. Telefonate ersetzten nicht den persönlichen Kontakt.

Langsam gewöhnt man sich an alles

Als Besuche dann möglich wurden, holte sie sich einen Termin: Nach dem Desinfizieren, einem Fragebogen und dem Messen ihrer Temperatur wurde dann ihr Vater geholt und ihr gegenüber hinter eine Glasscheibe gesetzt. „Mein Vater meinte, er käme sich vor wie bei einer Besuchszeit im Gefängnis“, sagt Junkermann schmunzelnd. Aber nun gehe sie jede Woche hin, und sie gewöhnten sich daran.

Eine Alternative hat sich dagegen Anne Böse gesucht, deren Mutter mit 91 Jahren in einer Einrichtung in Hamm-Osten lebt. „Im Haus selbst ist alles gut, aber der Besuch hinter Glas ohne einen Händedruck und mit Maske gefiel meiner Mutter gar nicht“, so Böse. Seitdem spreche sie mit ihrer Mutter per Telefon und stelle sich dazu in Sichtweite vor das Gebäude.

92. Geburtstag auf dem Balkon 

Für den 92. Geburtstag ihrer Mutter hat sie sich daher auch etwas Besonderes Einfallen lassen: Ihre Mutter und ihre Mitbewohner setzen sich auf ihren Balkon, während eine kleine Band darunter ein „Wunschkonzert“ spielt. „Dann gebe ich vorher Blumen bei den Mitarbeiterinnen ab und stelle mich mit meinem Mann zur Band. Derzeit müssten ja alle einige Einschränkungen ertragen, aber so werde dieser Geburtstag auch ein ganz besonderes Ereignis.

Coronavirus in Hamm - weitere Infos:

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare