Unmut wächst

Viele Familien sind wegen Corona am Limit: Wird das Schicksal der Kinder vergessen?

Symbolbild

Die Hammer Kitas sind seit sieben Wochen geschlossen und bleiben es auf unbestimmte Zeit. Nur ein Bruchteil der Kinder darf in die Notbetreuung. Die Kritik der Eltern wächst: An die Kinder werde als letzte gedacht.

Hamm – In den vergangenen sieben Wochen haben die Hammer Familien weitgehend isoliert gelebt: keine Kita, keine Freunde, keine Großeltern, keine Spielplätze. Die Sehnsucht der Kinder nach Spielkameraden und Erziehern ist in manchen Familien so groß, dass sie ihre Eltern fragen, warum sie keine Ärzte oder Verkäufer sind. Oder ob sich die Eltern nicht trennen könnten. „Dann wären sie alleinerziehend, und die Kinder könnten in die Kita“, erzählt Ricarda Müller von einer Bekannten. Sie ist die Vorsitzende des Jugendamtselternbeirats der Stadt Hamm. Das Gremium vertritt die Interessen der Familien mit Kita-Kindern.

Familien bleiben in der Schwebe

Der Unmut der Eltern in der aktuellen Situation wächst. „Familien haben zunehmend das Gefühl, dass an die Kinder als letzte gedacht wird“, sagt Müller. Viele Eltern belastet es, dass eine klare Perspektive fehlt. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey hat zwar gesagt, dass Kitas in Stufen und unter Berücksichtigung des Infektionsgeschehens öffnen sollen. Sie nennt aber weder ein Datum noch klare Kriterien, an die die Öffnung gekoppelt ist. „Familien bleiben in der Schwebe“, sagt Müller. Auch bei der Hammer Stadtverwaltung kann man letztlich nur auf die Vorgaben aus Düsseldorf warten. Dort wünscht man sich, dass eine Entscheidung frühzeitig bekannt gegeben wird.

Schreiben Briefe für die Kinder: Nicole Schreckenberg (links) und Petra Hegemann, Leiterin der Kita St. Martin.

Nicole Schreckenberg beobachtet, dass die Situation sich in einigen Familien zuspitzt. „Viele Familien sind am Limit“, sagt die Leiterin des Kita-Verbunds in der Hammer Kirchengemeinde Clemens August Graf von Galen. Drei Kitas mit normalerweise 210 Kindern gehören dazu. „Vier Kinder kommen derzeit zu uns, weil ihr Wohl zu Hause gefährdet ist“, sagt sie Ende der vergangenen Woche. Ab dem heutigen Montag sollen es einige mehr sein. Die van-Galen-Kitas sind damit nicht allein: Auch in anderen Hammer Kindertageseinrichtungen und Schulen werden inzwischen Kinder betreut, deren Wohl zu Hause als gefährdet gilt, sagt ein Sprecher der Stadt.

Im Zweifel in Schutzkleidung in die Familien

Der Anstoß dazu kommt zum Teil von den Eltern selbst, die Hilfe suchen. Er kommt aber auch vom Jugendamt: Der allgemeine soziale Dienst der Stadt Hamm hält Kontakt zu Familien, die das Jugendamt auch sonst unterstützt. „Hinweisen gehen wir nach“, sagt ein Stadtsprecher. Behaupten die Familien, mit dem Coronavirus infiziert zu sein oder seien sie es tatsächlich, kämen die Mitarbeiter eben in Schutzkleidung. „Das erschwert ihre Arbeit natürlich. Aber wenn eine Gefährdung vorliegen könnte, prüfen wir das.“

Neben den Kindern, deren Wohl zu Hause gefährdet sein könnte, besuchen Kinder die Kitas, deren Eltern erwerbstätig und alleinerziehend sind oder in systemrelevanten Berufen arbeiten. Um die 500 Kinder in etwa 80 Gruppen waren das in der vergangenen Woche, dazu kamen etwa 50 bei Tageseltern. Das entspricht etwa 7 Prozent derer, die normalerweise einen Platz haben.

Schwierig, Schutzmaßnahmen einzuhalten

In den Kitas selbst zeigt sich, dass es schwierig ist, Maßnahmen zum Infektionsschutz durchzuhalten. „Natürlich arbeiten wir nach einem strikten Hygieneplan“, sagt Schreckenberg. Doch Distanz zu halten, Masken zu tragen: Das sei nicht immer einzuhalten. „Wenn ein Kind hinfällt, können Sie keine Distanz halten. Dann sitzt es ruck-zuck auf Ihrem Schoß und möchte getröstet werden“, sagt Schreckenberg. Es sei auch diese Nähe, die die Arbeit als Erzieher ausmache.

Ricarda Müller wünscht sich, dass diese Nähe auch zu nicht betreuten Kindern und ihren Familien aufrechterhalten wird, sei es über Briefe, telefonisch oder digital. Es gibt einige Kitas, die hier als Beispiele vorangehen, unter anderem die Kita Uphof und die Kita Am Eichenwäldchen. Das erleichtere es Kindern später, sich wieder in die Kitas einzufügen, wenn sie wieder öffnen.

Die aktuelle öffentliche Diskussion ärgert Müller in Teilen. „Eltern werden häufig so wahrgenommen, als wollten sie nur schnell ihre Kinder wieder loswerden“, sagt sie. Doch das sei es nicht, was die Familien umtreibe. „Stattdessen geht es doch um Bildung und um ein gesundes Aufwachsen. Und dazu gehören auch andere Kinder, Erzieher und der Rest der Familie wie Großeltern, Tanten oder Onkel.“

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