Lüftungsgeräte, Maske und Co.

Corona-Schulregeln lockern? Chefarzt aus Hamm stellt Sinnhaftigkeit infrage

Masken, Abstand, regelmäßige Tests: Schüler werden derzeit in vielen Bereichen eingeschränkt. Gut so?
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Masken, Abstand, regelmäßige Tests: Schüler werden derzeit in vielen Bereichen eingeschränkt. Gut so?

Mediziner - und unter ihnen ein Chefarzt aus Hamm - sind für Lockerungen der Corona-Regeln an Schulen. Die meisten Kinder würden sich ohnehin infizieren.

Hamm – Schule und Corona: Keine andere Konstellation hat im Lauf der Pandemie so viel Sprengstoff in sich geborgen wie eben diese. Zwar wurden die Bildungsstätten nie als große Infektionsorte oder gar Hotspots ausgemacht, gleichwohl wurden dort ein Regelapparat und ein Regelwirrwarr eingesetzt, die auch in Hamm ihresgleichen suchen. (News zum Coronavirus in Hamm)

Corona in Hamm: Großteil der Kinder ohnehin schon immunisiert?

Vielleicht sollte NRW-Bildungsministerin Yvonne Gebauer bei der aller Wahrscheinlichkeit schon in Bälde aufkommenden erneuten Debatte ums leidige Thema „Distanzlernen“ nun mal neue Wege gehen und am Ende gar nichts verordnen. Die Kleinen und Kleinsten an Schulen und in Kitas aus dem Fokus nehmen und einfach machen lassen. Fürsprecher für einen nicht so stark regulierten Weg finden sich auch unter Medizinern – etwa in Dr. Markus Unnewehr, dem Chefarzt der Pneumologie und Infektiologie an der St.-Barbara-Klinik Hamm.

„Es muss davon ausgegangen werden, dass ein Großteil der Kinder über den nun immerhin schon eineinhalbjährigen Pandemieverlauf ohnehin bereits Kontakt mit dem Virus hatte und immunisiert ist. Leider fehlen hier belastbare Daten. Es besteht die hohe Wahrscheinlichkeit, dass sich auch nicht immunisierte Kinder früher oder später infizieren“, sagt der Mediziner. Kinder unter zwölf Jahren würden in absehbarer Zeit nicht geimpft werden können.

Chefarzt Unnewehr: „Je jünger, desto weniger schwere Verläufe“

Da die nun grassierende Delta-Variante aber noch einmal doppelt so ansteckend sei wie ihr Vorgänger, werde dieser Prozess dann auch schnell in Gang gesetzt sein und den Herbst und Winter prägen. „Wirklich schlimm erscheint das nach aktueller Studienlage aber weiter nicht“, sagt der Chefarzt und Vater dreier Kleinkinder im gleichen Atemzug.

Es gelte nach wie vor das Prinzip „Je jünger, desto weniger schwere Verläufe“. Die gegenwärtig oft dargestellte Gefahrenlage für Kinder sei durch Studien und Erfahrungen nicht belegt. Auch für die Gefahr von Corona-Spätfolgen – Long- oder Post-Covid-Syndrom – gebe es keine wissenschaftlichen Beweise und klinischen Beobachtungen.

Sind Millionen für Lüftungsgeräte, Distanzunterricht und Selbst- oder Lollytests da überhaupt noch nötig? „Selbstverständlich müssen Kinder geschützt werden. Doch wovor eigentlich? Covid-19 ist für Kinder keine unkalkulierbare Gefahr, sondern in der Regel ungefährlich.“ Weil Kinder das Virus aber übertragen könnten, sei es entscheidend, dass Eltern, Großeltern und Lehrer geimpft seien. „Die Impfquote muss sich erhöhen“, so Unnewehr.

Und weiter: „Die Pandemie ist leider keine Idealwelt, sondern verlangt Abwägungen. Auch die negativen Folgen von beispielsweise Distanzunterricht, ausgefallenen Schulstunden und den emotionalen Folgen von Angst vor dem Virus und unterschwelligen Schuldzuweisungen gegenüber Kindern gilt es zu berücksichtigen.“

Quarantäne mit tiefgreifenden Folgen für Situation im Krankenhaus

Werde die Marschroute in den Schulen nicht geändert, werde sich darüber hinaus ein höchst unliebsamer Sekundäreffekt einstellen: „Die vielen zu erwartenden Quarantäne-Anordnungen für infizierte Kinder werden ein Problem werden. In den Krankenhäusern zum Beispiel ist die Personalsituation schon jetzt angespannt. Fallen nun Pflegekräfte und Ärzte wegen der Betreuung ihrer positiv getesteten Kinder aus, wird es aus diesem Grund eng mit der Krankenversorgung werden“, befürchtet Unnewehr. Das Gleiche gelte für andere systemrelevante Berufe.

Es sei sehr zu begrüßen, dass sich die Politik von der alleinigen Sicht auf die Inzidenzen verabschiedet habe und inzwischen auch nachgewiesen sei, dass eine Impfung schwere Infektionsverläufe fast immer verhindere. Bei Lockerungen müssten aber auch Schulen und Kitas berücksichtigt werden.

„Noch einmal: Die Kinder werden sich so oder so infizieren. Viele werden das bereits unbemerkt hinter sich haben. Aber die Übertragungen fanden im Zweifel nicht in der Schule statt, sondern anschließend, wenn sich die Mädchen und Jungen in ihrer Freizeit getroffen haben, um etwa an der Playstation zu spielen. Und da helfen die Lüfter in den Schulen nicht weiter“, so Unnewehr.

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