Szenetreffs waren dicht

Schon mindestens vier Drogentote in Hamm: Corona-Pandemie erschwert Arbeit der Sozialarbeiter

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Während der ersten Corona-Welle wurden die Szenetreffs - hier am Nordringpark - mit Bauzäunen abgesperrt.

Hamm - „Sucht macht keinen Lockdown“, sagt Denis Schinner. Das belegt auch eine aktuelle Zahl. „In diesem Jahr haben wir schon von vier Drogentodesfällen Kenntnis“, berichtet der Geschäftsführer des Arbeitskreises für Jugendhilfe.

Der eingetragene Verein kümmert sich seit nunmehr 50 Jahren um Süchtige und Angehörige in Hamm und Umgebung. Dabei hat das Coronavirus dem Arbeitskreis nicht nur das Jubiläum verdorben – eine Fachtagung im September wurde abgesagt – auch die Arbeit in der ambulanten und stationären Betreuung der Klienten wurde massiv beeinflusst. Kontaktverbote, Abstandsregeln und Hygienemaßnahmen prägten und prägen die Arbeit der rund 80 hauptamtlichen Kräfte.

Rückzug auch in private Wohnungen

So war es für die größte Gruppe – die Sozialarbeiter – eine Herausforderung den Kontakt zu den Betreuten zu halten und auch für neue Hilfesuchende ansprechbar zu sein. So wurde bekanntlich der offene Szene-Treff am Nordring gesperrt. Es entstanden dezentrale Treffpunkte, ein Teil der Klientel zog sich auch in private Wohnungen zurück. „Wir haben viel mehr telefoniert und auf digitale Lösungen gesetzt“, so Schinner. Dabei wurde in einigen Fällen auch auf Telemedizin zurückgegriffen.

In den drei stationären Einrichtungen des Arbeitskreises wie der Entwöhnungs-Fachklinik „Release“ in Herbern entstanden Situationen wie man sie auch aus anderen Pflegeeinrichtungen sehen konnte, Kontaktsperren sorgten für Isolation. Auch das KESH, die Einrichtung für Betreutes Wohnen, war entsprechend betroffen. Die Fachklinik in Herbern durchlaufen im Jahr durchschnittlich 130 Personen. Das KESH im Hammer Süden bietet 13 Plätze, in einer Außenstelle gibt es drei weitere.

Süchtige illegaler Drogen im Fokus

Schon frühzeitig stellte der Arbeitskreis, der kooperatives Mitglied im DRK ist, mithilfe dieser Organisation einen Pandemieplan auf. Auch auf der eigenen Internetseite wurde das Thema Corona dargestellt – auch mit Blick auf Hilfs- und Kontaktmöglichkeiten. Dabei betreut der Arbeitskreis in Abgrenzung zur Caritas, die sich um „legale“ Süchte wie Alkoholabhängige kümmert, alle Süchtigen, die mit illegalen Drogen zu tun haben.

Die Schließung von Schulen und Jugendeinrichtungen sorgte dafür, dass gefährdete Jugendliche – eben auch im Bereich der Sucht – unter das Radar gerieten. Wo sonst Lehrer, Jugendgruppenleiter oder Mitschüler auf Probleme aufmerksam werden können, war durch die Isolation eine Grauzone entstanden.

Auch das Aussetzen von Arztbesuchen im Rahmen der Kontaktsperren schränkte die Möglichkeit ein, Betroffene auf Hilfsangebote aufmerksam zu machen. Schinner fürchtet nun, dass die Dunkelziffer durch die Krisensituation gewachsen sein könne und dass die Isolation auch dazu führen könnte, noch mehr Menschen in eine Sucht zu treiben.

Michael Imberg

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