Anbieter „vertrauenswürdig“

Schnelltests für 2,5 Millionen Euro in Hamm - aber keine Anzeichen für Betrug

Hamm: Corona Schnelltest im Gustav-Lübcke-Museum vom DRK
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Test, Test, Test: Mehr 140 000 Mal ließen sich die Hammer in den Teststellen Stäbchen in Nase oder Rachen schieben.

Hammer Schnelltestzentren-Betreiber wundern sich nicht über die Betrugsvorwürfe gegen Anbieter. In Hamm gibt es bisher aber keine Anhaltspunkte für falsch abgerechnete Tests.

Hamm – Dass an Teststellen betrogen worden sein soll, wundert Hendrik Wilms-Schulze Kump nicht. „Bund und Land brauchten Teststellen, und sie brauchten sie schnell und unkompliziert“, sagt er. Schnell und unkompliziert sollte auch die Abrechnung sein.
(News zum Coronavirus in Hamm)

StadtHamm
BundeslandNordrhein-Westfalen
Einwohner180.793 (Stand: 31.12.2020)

Wilms-Schulze Kump führt das Hotel und Restaurant Gut Kump in Hamm, es ist seit Monaten geschlossen. Inzwischen betreibt er zwei Teststellen. Er erinnert an die Situation im Frühjahr: Zahlreiche Teststellen wurden eingerichtet, um asymptomatisch mit dem Coronavirus Infizierte zu finden und zu verhindern, dass sie die Krankheit unwissentlich verbreiten. „An der Stelle ist der Gesundheitsschutz vielleicht wichtiger, als einen Abrechnungsbetrug von vornherein zu verhindern“, sagt er.

33 Teststellen in Hamm - laut Stadt alle „vertrauenswürdig“

In der vergangenen Woche hatten Recherchen von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung aufgedeckt, dass in Testzentren Tausende Tests abgerechnet worden sein sollen, die nie gemacht wurden. Inzwischen ermittelt die Justiz.

Polizei und Stadtverwaltung haben aktuell keine Anhaltspunkte dafür, dass in Hammer Teststellen betrogen worden ist. Beschwerden über die Abrechnungspraxis der inzwischen 33 Teststellen gibt es nicht. Zwei Drittel der Teststellen sind in Arztpraxen oder Apotheken, die übrigen privat. „Wir stufen die Anbieter als vertrauenswürdig ein“, sagt Stadtsprecher Tom Herberg.

18 Euro pro Schnelltest von der KV

Die Recherchen von SZ und Co. offenbarten, dass der Abrechnungsbetrug einfach ist. Die Betreiber der Teststellen melden der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Zahl und Ort der Tests, die KV überweist 18 Euro pro Test an Testzentren. Der Bund erstattet der KV dieses Geld aus Steuermitteln. „Dieses unkomplizierte System ist auf Vertrauen aufgebaut. Wenn einer das Vertrauen missbraucht, wird er vermutlich später erwischt“, sagt Wilms-Schulze Kump.

Seit dem 8. März müssen die Bürger nichts mehr für Schnelltests zahlen. 141.550 Schnelltests haben die Hammer seitdem in den örtlichen Teststellen gemacht. Das geht aus den wöchentlichen Coronastatistiken der Stadt hervor. Es konnten demnach mehr als 2,5 Millionen Euro für die schnellen Tests abgerechnet werden.

Stadt überprüft nur Räumlichkeiten und Hygienekonzept

Die Stadt hat die Teststellen überprüft: Man sah sich die Hygienekonzepte und Räume an, prüfte, ob die Mitarbeiter die Tests richtig durchführen, sagt Herberg. Die Abrechnung hingegen schaute sich niemand an.

Es ist bisher auch nicht klar, wer dafür zuständig ist. Thomas Johannpeter betreibt vier Testzentren in Hamm. Die Daten der Getesteten bewahrt er auf. „Wir haben alles hier und könnten heute überprüft werden“, sagt er. „Wir wissen aber nicht, wem wir die Daten zeigen dürfen.“ Er verweist auf den Datenschutz.

Wilms-Schulze Kump: „Es ist klar, dass das irgendwann herauskommt“

Am Montag gab es nun eine Konferenz von Bund und Land: Man einigte sich auf strengere Kontrollen. Innerhalb weniger Tage soll die Coronatestverordnung angepasst und eine stärkere Kontrolle verankert werden.

Johannpeter und Wilms-Schulze Kump rechnen jedenfalls damit, dass man sich ihre Daten irgendwann ansehen wird. „Klar kann man jetzt betrügen“, sagt Wilms-Schulze Kump. „Aber es ist auch klar, dass das irgendwann herauskommt.“

Übrigens waren 1.048 der 141.550 Schnelltests seit März positiv, 0,74 Prozent der Tests. Wie viele positive Ergebnisse anschließend per PCR-Test bestätigt wurden, ist bei der Stadt Hamm nicht bekannt.

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