Vorstand im Interview

"Die Saison ist komplett abgesagt": So geht es jetzt für die Schützen und ihre Majestäten weiter

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Kein Adler in Sicht: Der Kugelfang wird wohl in diesem Jahr auf jedem Schützenplatz verwaist bleiben.

Hamm – Keine Vogelschießen, keine neuen Majestäten, kein Bier an der Theke, keine Blasmusik, keine Party: In Hamm wird es wegen des Coronavirus in diesem Jahr mit großer Wahrscheinlich keine Schützenfeste geben. Das war zuletzt während des Zweiten Weltkrieges der Fall.

WA-Redakteur Cedric Sporkert hat mit Thomas Jägermann, Vorsitzender des Stadtverbands der Schützen, über die Auswirkungen für die Vereine gesprochen.

Ist die Schützensaison nun komplett abgesagt oder finden nach Ende der Beschränkungen – etwa im September – noch Schützenfeste statt?

Jägermann: Die ganze Saison ist abgesagt. In diesem Jahr wären es 28 Vereine, die ihr Schützenfest gefeiert hätten. Durch die Entscheidung der Landesregierung sind unsere Feste jetzt nicht mehr möglich. Die Stadt schickt allen Vorständen auch noch eine Ordnungsverfügung zu, damit sie Rechtssicherheit haben und Versicherungen mögliche finanzielle Schäden durch Vertragsbrüche – etwa mit Bands – zahlen. Das war unser ausdrücklicher Wunsch. Ob der eine oder andere Verein dann im September in welcher Form auch immer etwas feiert – vielleicht ein Herbstfest – muss man abwarten. Wir wissen aber alle nicht, was es bis dahin für Fortschritte gibt. Das Virus wird uns wohl auch im vierten Quartal 2020 noch beschäftigen. Wir kämpfen so schon mit immer mehr Auflagen. Jeder Vorstand dürfte jetzt davor zurückschrecken, für die Einhaltung der weitaus schärferen Regularien wegen des Coronavirus die Verantwortung zu übernehmen.

Wie viele Vereine hatten zwischenzeitlich überlegt, ihre Feste innerhalb des Jahres zu verschieben. Wäre eine Saison im Schnelldurchlauf überhaupt möglich gewesen?

Jägermann: Überlegt haben sicher viele, einige haben auch schon versucht Musikkapellen und Bands zu kontaktieren. Aber wie uns bekannt ist ohne nennenswerte Erfolge. Eine Saison im Schnelldurchlauf wäre sehr schwierig geworden, zumal viele Avantgarden ihre Feste für September terminiert haben. Dann beginnen irgendwann auch die Oktoberfeste und durch viele Feiern würden sich alle gegenseitig das Publikum nehmen.

Thomas Jägermann ist der Vorsitzende des Stadtverbandes der Schützenvereine von Hamm.

Wie wurde begründet, dass pauschal alle Feste nicht stattfinden dürfen und es keine Ausnahmen für kleine Vereine gibt?

Jägermann: Die Abstandsregeln lassen sich auf einem Schützenfest nie und nimmer einhalten. Da macht es keinen Unterschied ob 300 oder 1000 Besucher kommen. Gerade abends im Zelt oder an der Theke stehen die Schützen eng an eng. Die Gläser werden nur mit kaltem Wasser gespült. Da lässt sich nicht drüber diskutieren, dass sich das Virus unter diesen Bedingungen schnell weiter verbreiten könnte.

Wie hoch ist der finanzielle Schaden bei den Vereinen in Hamm?

Jägermann: Das ist je nach Verein unterschiedlich. Am meisten trifft es die Vereine mit einem Vereinsheim, das oft für Feiern vermietet wird. Hier prüfen die Vorstände auch, ob sie eventuell finanzielle Hilfe bekommen. Dennis Grimm vom Schützenverein Westtünnen ist da einer unserer Experten, den andere Vereine kontaktieren können. Wir hoffen sehr, dass die Vereine das stemmen können.

Was tun die Vereine, um bei ihren Mitgliedern nicht in Vergessenheit zu geraten, wie sieht das Vereinsleben im Moment aus?

Jägermann: Wie bei allen anderen Vereinen auch ruht das Vereinsleben. Viele kontaktieren ihre Mitglieder digital, analog und telefonisch. Das ist gerade bei der älteren Generation wichtig. Wir wollen sie nicht alleine lassen.

Große Parade zum Stadtkaiserschießen in Hamm 2019 Teil 1

Viele Schützen gehören altersbedingt der Risikogruppe an. Wie kann man diese Mitglieder unterstützen?

Jägermann: Hier gibt es bereits seid Längerem viele Avantgarden die Hilfe anbieten. Ein Beispiel dafür sind Einkaufsdienste. Und das alles nicht nur für die Mitglieder sondern für alle Menschen in ihrem Bezirk.

Was passiert mit Majestäten, die eigentlich abdanken sollten?

Jägermann: Diese werden wohl nach einem Gespräch mit den Vorständen dann im nächsten Jahr abgelöst und bleiben somit in Amt und Würden. Und wir können dann doch noch mit den Königspaaren den ausgefallenen Frühlingsball in 2021 nachholen.

Frühlingsball der Schützenvereine wegen Corona-Welle abgesagt

Schützenvereine waren in der Vergangenheit in Krisenzeiten auch immer ein Anker der Gesellschaft. Zuletzt haben sie sich mehr zu Event-Vereinen entwickelt. Kann die aktuelle Situation zu einer Veränderung des Bildes der Schützen und neuen Aufgaben führen?

Jägermann: An einer anderen Sichtweise und Akzeptanz in der Gesellschaft arbeiten wir schon lange – nicht ohne Erfolg. Viele wussten nicht, wie sehr sich die Vereine sozial engagieren. Und für die Mitglieder in den Vereinen ist ihr Verein ein Anker und eine Heimat. Viele Freundschaften entstehen und bleiben erhalten.

Vieles läuft derzeit digital. Gibt es auch Überlegungen für „digitale Schützenfeste“?

Jägermann: Bisher ist uns hier nichts bekannt, aber die Vereine zeigen immer wieder, welche Kreativität in ihren Reihen ist. Also lassen wir uns mal überraschen. Die Spielmannszüge und Kapellen haben es ja schon mit ihren Videos im Netz bewiesen, dass da was geht. Trotzdem geht nichts über die persönlichen Gespräche, die – nicht nur – auf einem Schützenfest geführt werden. Erfreulicherweise ist zu hören, dass viele Vorstände, die sonst vielleicht sechs Wochen nicht miteinander sprechen, beinahe täglich telefonieren. Die Corona-Krise schweißt zusammen. Die Schützen haben schon vieles geschafft und schaffen jetzt auch das.

Coronavirus in Hamm - weitere Infos:

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