Ausbildung auf Distanz

Referendariat in Coronazeiten: Allein im Klassenraum

Ein Mann zeigt auf eine Schultafel Lehrer Referendare
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Wie lernt man das Lehren ohne Schüler? Vor dieser Frage stehen seit Wochen Referendare.

Wie lernt man das Lehren ohne Schüler? Vor dieser Frage stehen in der Coronakrise viele Referendare. Gewerkschaften berichten von großer Unsicherheit.

Hamm – Viele Wochen schon waren und sind die Schüler zuhause, auch die Lehrer stehen vor der heimischen Tapete – Distanzunterricht. Doch wie sollen angehende Lehrkräfte unter Coronabedingungen ihren Beruf erlernen? Mit digitalen Hilfsmitteln gehe das ganz gut, meint Karin Egyptien, die Leiterin des Zentrums für schulpraktische Lehrerausbildung (ZfsL) in Hamm. Die Lehrergewerkschaften sehen die Lage kritischer.

Die Seminarräume im 2020 bezogenen Neubau am Hochschul-Campus im Hammer Osten sind in diesen Tagen so leer wie die Schulen. Gut 350 Referendare lernen hier sonst die fachlichen Grundlagen des Unterrichts, 73 Ausbilder sind für sie zuständig. Aktuell ist der Unterricht auf Lernplattformen verlegt, für Schüler wie für Referendare.

Referendariat während Coronakrise in Hamm: Ausbildung im digitalen Raum

Dabei, sagt Egyptien, finde die Seminararbeit ganz normal statt. Nur eben digital. Natürlich, die Abstandsregeln machten die Ausbildung im Seminargebäude schwierig, der übliche persönliche Austausch sei hier praktisch nicht möglich, im digitalen Raum aber schon. Eine Evaluation habe gezeigt, dass die Referendare da kaum einen Unterschied wahrnähmen.

Die Ausbilder hätten sich umfangreich auf die neue Situation vorbereitet, sagt Egyptien. Die zentrale Frage „wie plane ich guten Unterricht?“ bleibe ja auch im neuen Format erhalten, das Besprechen von Unterrichtsentwürfen und Unterrichtsgeschehen auch – die Ausbilder könnten sich mit Erlaubnis der Beteiligten in den Distanz-Unterricht zwischen Referendaren und Schülern einschalten. Da gebe es positive Rückmeldungen.

Ausbildung auf Distanz: Momentan kann man nicht an Schulen gehen

Die ZfsL-Leiterin machte deutlich, dass sie es gerne anders hätte: „Wir gehen nicht an die Schulen, weil es in der momentanen Situation nicht möglich ist.“ Aber mit unterschiedlichen Ausbildungssituationen müsse man eben leben. Und: Es sei wichtig, dass Referendare alles kennenlernen und ausprobieren könnten.

Ungewöhnlich sind derzeit auch die Prüfungen. Die beiden im normalen Prüfungsverfahren durchzuführenden unterrichtspraktischen Prüfungen werden durch ein Fachgespräch mit Simulationsanteilen ersetzt: Die Prüfer sind da, die Schüler nicht. Trotzdem müsse jeder Schritt so vorbereitet und erläutert werden, als ob der Klassenraum besetzt sei, sagt Egyptien. Und das sei gar nicht so einfach. Die Referendare müssten viel vorwegnehmen. Ein „billiger Freifahrtschein“ sei das keinesfalls, sondern ein gleichwertiges Verfahren – wie es unter Pandemiebedingungen möglich sei.

Lehrergewerkschaften: Referendare berichten von großer Unsicherheit

Die Lehrergewerkschaften sehen vieles kritischer als die ZfsL-Leiterin. Sowohl der Verband Bildung und Erziehung (VBE) als auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) berichten von großer Unsicherheit und entsprechendem Beratungsbedarf bei den angehenden Lehrkräften.

Besonders die zweite Ausbildungsphase, die zur Prüfung führe, werde als theorielastig empfunden, sagte GEW-Sprecher Marcel Teiner. Viele Referendare fühlten sich mit den Simulationsanteilen überfordert, das neue Prüfungsformat sei im Vorfeld nicht ausreichend geübt worden. Anfragen, ob Prüflinge in diesem Jahr durch eine Reduzierung der Unterrichtsbesuche entlastet werden können, habe die Bezirksregierung abschlägig beschieden.

Die VBE-Vorsitzende Martina Klöcker verwies auf Unterschiede zwischen den Schulformen: „Ausbildung mit Distanzunterricht an einem gut ausgestatteten Gymnasium, welches schon lange digital arbeitet, ist etwas anderes als der Distanzunterricht, der für ein erstes Schuljahr organisiert werden muss.“

Klöcker zufolge gab es jedoch auch positive Rückmeldungen von Referendaren, demzufolge sich Fachleiter professionell und flexibel gezeigt hätten, um für sie eine gute Ausbildung sicherzustellen.

Schulen wurden zwar für Grundschüler und Abschlussklassen Ende Februar wieder geöffnet. Doch ein großer Teil der Schüler bleibt auf Distanz. Das sorgt für immer mehr Kritik.

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