Unmut über Gesundheitsamt

Quarantäne oder nicht? Familien warten tagelang auf Auskunft - Schüler in der Warteschleife

Mit Freude in den Unterricht: An der Matthias-Claudius Schule herrschen derzeit eher Corona-Sorgen.
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Mit Freude in den Unterricht: An der Matthias-Claudius Schule herrschen derzeit eher Corona-Sorgen.

An mehreren Hammer Schulen gibt es Unmut über den Umgang des Gesundheitsamts mit positiven Fällen unter Schülern - und eine schlechte Informationspolitik bei Quarantäne-Anordnungen.

Hamm – Sabrina Plath hat Angst um ihren Job und die Gesundheit ihrer Tochter. Die Zehnjährige besucht die vierte Klasse der Matthias-Claudius-Schule im Hammer Süden. Am Montag erhielt die Klasse die Info, dass ein Kind sich mit dem Coronavirus angesteckt hat. Das hatte der Pool-Lollitest gezeigt. Am Dienstag folgten Einzeltests der Kinder, Dienstagabend wussten Gesundheitsamt Hamm und Schulleitung, welches Kind betroffen war. (News zum Coronavirus in Hamm)

Zahl der Corona-Fälle an Hammer Schulen steigt - Stadt: „Alles im Griff“

Doch welche der Klassenkameraden müssen nun in Quarantäne, welche nicht? „Wir sind noch immer in Wartestellung“, sagte Schulleiter Bernhard Egermann am Freitag. Er hat Kontaktlisten an das Gesundheitsamt übermittelt, Dutzende Male angerufen. Die Antwort steht aus. Also müssen alle Kinder der Klasse zu Hause bleiben.

Die Matthias-Claudius-Schule ist kein Einzelfall. Am Mittwoch waren an 30 der 52 Hammer Schulen Coronafälle bekannt, 166 Schüler galten als infiziert, fast 500 waren in Quarantäne. „Wir haben jetzt einen rapiden Anstieg an Fallzahlen, aber die Situation ist auf jeden Fall handhabbar“, sagte Stadtsprecher Lukas Huster dem WA. In der Kontaktverfolgung seien wie vor zwei Wochen 45 Personen eingesetzt. Sie hätten viel zu tun, die Situation aber im Griff.

Corona: Weitere Quarantäne-Probleme an Schulen in Hamm bekannt

Doch stimmt das? Neben der Matthias-Claudius-Schule sind dem WA zwei weitere Schulen bekannt, in denen es nach den Einzeltests sechs beziehungsweise acht Tage gedauert hat, bis das Gesundheitsamt eine Quarantäne verhängt hatte oder klar war, dass der Unterricht weitergehen kann. Auch an anderen Schulen haben Mitarbeiter des Gesundheitsamtes Eltern gesagt, dass sie zu viel zu tun hätten, um die Fälle schnell zu bearbeiten.

„Ich warte jeden Tag auf eine Auskunft vom Gesundheitsamt“, sagt Sabrina Plath. Sie ist 33 Jahre alt, arbeitet als Hauswirtschafterin in der ambulanten Altenpflege. Ihre Tochter erzieht sie allein. Aktuell muss sie ihre Chefin Tag für Tag vertrösten: Sie kann nicht zur Arbeit gehen, weil sie ihr Kind betreuen muss – dabei ist unklar, ob für das Mädchen überhaupt eine Quarantäne verhängt wird. „Ich weiß nicht, wer das infizierte Kind ist, das darf uns die Schule nicht sagen“, sagt Plath. Neben ihrem Job macht sie sich auch Sorgen darum, dass ihre Tochter sich angesteckt haben könnte. Plath selbst ist geimpft, bei ihrer Tochter ist das noch nicht möglich.

„Vor den Ferien wussten wir nach einem, höchstens zwei Tagen Bescheid“, sagt Schulleiter Egermann. Bekommt er bis Sonntag keine Info, will er ab Montag alle Kinder aus der betroffenen vierten Klasse im Unterricht begrüßen. „Die Kinder können ja nicht ewig in Wartestellung bleiben.“

Gesundheitsamt muss Schulleitung nicht über Quarantäne-Fälle informieren

Doch darf er das? Laut Schulministerium müssen nach einem positiven Pool-Test zwei Voraussetzungen erfüllt sein, damit Kinder wieder in den Präsenzunterricht dürfen: Sie müssen ein negatives PCR-Testergebnis haben. Das ist bei Sabrina Plaths Tochter der Fall, das Ergebnis des Einzeltests liegt wie beschrieben seit Dienstagabend vor. Als zweite Voraussetzung muss das Gesundheitsamt prüfen, wer als Kontaktperson in Quarantäne muss. Das sind in aller Regel Sitznachbarn, können aber auch Kinder sein, die in der OGS Kontakt hatten.

Von Stadtsprecher Huster hieß es am Freitag, dass das Gesundheitsamt die Schulleitungen nicht darüber informieren müsse, welche Schüler in Quarantäne müssten. Normalerweise mache man das zwar. Aber derzeit sei das Fallaufkommen so hoch, dass andere Aufgaben Priorität hätten. Wie die Schulen dann erfahren, welche Kinder sie wieder in die Klassen lassen dürfen, ließ sich am Freitag nicht mehr klären.

Mutter hat Angst um Job - und vor dem Verdienstausfall

Sabrina Plath fürchtet, dass die unklare Situation sie den Job kosten könnte. „Ich bin eigentlich zuverlässig, aber nun kann meine Chefin wegen der Situation an der Schule nicht verlässlich mit mir planen“, sagt Plath. Ihre Stelle hat sie seit einem knappen halben Jahr, nächste Woche endet ihre Probezeit.

Unklar ist auch, wer Plath den Verdienstausfall ersetzt, wenn ihre Tochter nicht in Quarantäne versetzt wird. Kommt die Tochter in Quarantäne, erstattet man der Mutter den kompletten Verdienstausfall. Ist das nicht der Fall, könnte Plath Kinderkrankentage nehmen – und erhält nur einen Teil des Lohns ersetzt. Plath nimmt an, dass ihr dann 100 oder 200 Euro fehlen könnten. „Das tut schon weh“, sagt sie.

Schon vor dem Schulstart gingen Schulleiter, Lehrer und Elternvertreter von einem unrunden Schulstart in Hamm aus. Mediziner - und unter ihnen ein Chefarzt aus Hamm - sind für Lockerungen der Corona-Regeln an Schulen. Die meisten Kinder würden sich ohnehin infizieren.

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