Der Blick über den Gartenzaun

"Ohne geht es nicht": Heute ist Tag des Nachbarn - trotz Corona-Krise

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Ein Wunschbaum für die Nachbarn: Gisela Propf-Paar (von links), Heike Breitling und Elisa Ellerhold hängen erste Wünsche in die Zweige.

Ein Pläuschchen am Gartenzaun, gemeinsam grillen, den Heckenschnitt koordinieren – Nachbarn treffen immer irgendwie aufeinander. In der Corona-Krise wurde Nachbarschaft plötzlich noch viel mehr, ein Ort des Zusammenhalts und neuer Wege. Eine Geschichte zum heutigen „Tag der Nachbarn“.

Hamm – Ein sonniger Vormittag im Generationengarten an der Feidikstraße: In normalen Zeiten gärtnern hier Nachbarn verschiedener Generationen gemeinsam. Aufgrund von Corona ist das aktuell nicht möglich. Stattdessen pflanzen und pflegen die Hobbygärtner in Etappen. Kommunikation in Netzwerken, statt persönlicher Begegnung, aber zum Erliegen kommt nichts. Vor Ort ist Elisa Ellerhold (35), die sich im Garten engagiert. „Das ist ein Ort, an dem Nachbarschaft und Freundschaft gelebt wird“, sagt sie. „Deshalb ist er so wertvoll.“

Übers Gärtnern ins Gespräch gekommen

Mit ihr zwischen Salat, Tomaten und Paprika steht Gisela Propf-Paar. Im Generationengarten ist die 83-Jährige bisher noch nicht aktiv gewesen und begegnet in der gemeinsamen Nachbarschaft sind sich die beiden Frauen auch noch nicht. Übers Gärtnern kommen die beiden ins Gespräch. Dass sich die Seniorin eine gute Stunde später selbst zum Gärtnern anmeldet, ahnt zu diesem Zeitpunkt noch niemand. Aber so kann Nachbarschaft funktionieren, über Generationsgrenzen hinaus.

1970 sei sie mit der Horten-Eröffnung nach Hamm gekommen, erzählt die Seniorin. Früher beruflich engagiert und mit vielen Kontakte, lebt sie heute eher zurückgezogen. In ihrem Haus habe es zuletzt mehrere Mieterwechsel gegeben, ihre jungen Nachbarn bekomme sie kaum zu Gesicht. „Die arbeiten alle oder sind Studenten“, sagt sie. Was sie sich von einer guten Nachbarschaft wünsche? „Mehr Kontakt“, sagt die 83-Jährige spontan. „Bei mir ist es sehr anonym.“

Nachbarschaft ist "Hilfe bei Kleinigkeiten"

Nachbarschaft bedeute für sie die „Hilfe bei Kleinigkeiten“: beim Einkaufen, sich eine Zeitung zu teilen, wenn sie für einen allein nicht erschwinglich ist, ein Paket anzunehmen, wenn der Empfänger nicht zuhause ist, die Blumen zu versorgen. „Nachbarschaft hat viel mit Vertrauen zu tun“, sagt Propf-Paar. „Es braucht Zeit, bis man jemandem seinen Wohnungsschlüssel überlässt.“

Im Generationengarten wird Nachbarschaft gelebt.

Elisa Ellerhold glaubt zwar grundsätzlich, dass für jüngere Menschen aufgrund beruflicher Einbindung, Pendelei oder anderer Faktoren Nachbarschaft weniger im Fokus steht. Aber sie sagt auch: „Nachbarschaft lässt sich fördern. Manche Menschen sind vielleicht etwas schüchtern. Man muss sich überwinden, dann ist vieles möglich – auch in Zeiten von Corona.“ Sie selbst baue zusehends mehr Kontakte nach rechts und links auf.

Stadtteilzentrum als Schnittstelle

Gemeinsame Schnittstelle von Elisa Ellerhold und Gisela Propf-Paar und vielen anderen Nachbarn in der südlichen Innenstadt ist das Stadtteilzentrum und Mehrgenerationenhaus Feidikforum, zu dem auch der Generationengarten gehört. „Diese Begegnungsstätte ist wunderbar“, sagt Ellerhold. Gisela Propf-Paar ist traurig, dass wegen Corona kein Senioren-Frühstück stattfindet. „Das Zentrum fehlt sehr, es ist ein sehr wichtiger Ort.“

Das Forum mit seinen Angeboten ist eine wichtige Basis für Begegnung und Nachbarschaft. Umso schmerzlicher ist es für Mitarbeiterin Heike Breitling, das Sommerfest absagen und auch das jährliche Nachbarschaftsessen im Herbst zumindest mit einem dicken Fragezeichen versehen zu müssen. „Hier ergeben sich immer wieder Kontakte“, sagt sie.

Ersatzschlüssel im Kiosk

Ein Ort der Kontakte und ein zentraler Baustein in der Nachbarschaft ist auch der Kioskbetrieb von Ute und Martin Plückebaum. Als sie vor 24 Jahren ihr Lädchen eröffneten, hätten sie sich nie ausgemalt, dass sie einmal die Ersatzschlüssel von mehreren Nachbarn hüten würden. „Falls sich mal wer ausschließt“, sagt Ute Plückebaum. Auch so etwas sei ein Zeichen für Vertrauen und gute Nachbarschaft.

Ihre Wünsche können Nachbarn ab heute aufhängen.

"Ohne geht es nicht. Aufeinander achten, helfen, zusammenhalten, das Persönliche – das ist für mich Nachbarschaft“, sagt sie. Alle fünf Jahre veranstalten die Plückebaums ein Straßenfest. Nächstes Jahr – zum 25-Jährigen – ist es wieder soweit. Kein Wunder, dass der Kiosk an der Ecke Feidikstraße/Borbergstraße eine Institution in Sachen Nachbarschaft ist.

Den Kiosk besucht auch Gisela Propf-Paar. „Die Croissants sind lecker. Die wissen schon, was ich möchte, wenn ich komme“, sagt die Seniorin. So wie Nachbarn vieles voneinander wissen, wenn sie aufeinander achten.

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