Trotz sinkender Fallzahlen

Forscherin warnt: "Sind noch in der Akutphase" - Warten auf zweite Corona-Welle?

Wer auf die aktuellen Fallzahlen schaut, könnte meinen, dass Hamm bald coronafrei ist. Die Zahl der akut Infizierten sinkt stetig, Neuinfektionen gibt es offiziell seit Tagen keine. Nach Einschätzung einer Expertin ist es für eine Entwarnung aber noch zu früh.

  • Eine Hammer Forscherin warnt vor einem neuen Anstieg der Coronavirus-Fälle.
  • Agnes Bryniok erwartet einen erneuten Anstieg der Covid-19-Erkrankungen.
  • Die Wissenschaftlerin glaubt, dass schnell ein neues Cluster entstehen kann.

Hamm - Agnes Bryniok hat drei Jahre lang für das Robert-Koch-Institut (RKI)geforscht (siehe unten). Die 36-Jährige hat daher viel Erfahrung, wenn es um die Verbreitung von Viren geht. Sie glaubt, dass die Infektionszahlen wieder steigen werden – zumindest moderat. „Wir sind nach wie vor in der Akutphase der Infektion, sagt Bryniok.

„Ich hatte eigentlich für diese Woche in Hamm einen neuen Anstieg erwartet, nachdem ich gesehen habe, wie sich die Menschen auf den Straßen bewegen, eng zusammenstehen, keine Masken tragen und sich ins Gesicht fassen. Viele Leute haben das Gefühl, dass wir es überstanden haben.“ Durch diejenige, die sich besonders unvorsichtig verhalten, könne schnell ein neues Cluster entstehen, das dann wieder eingedämmt werden müsse.

Es sei zudem noch nicht wissenschaftlich belegt, wie lange die Immunität anhält und wie schnell der Erreger mutiert.

Coronavirus in Hamm: Schwierige Suche nach Kontaktpersonen

Am RKI hat Bryniok selbst Infektionsclustern nachgeforscht. Das typische Vorgehen: Alle Betroffenen werden ausführlich interviewt, um sämtliche Kontaktpersonen zu identifizieren. Etwa den Sitznachbarn im Bus oder den Vordermann in der Schlange an der Supermarktkasse.

Agnes Bryniok forscht an der Hochschule Hamm/Lippstadt.

In Hamm läuft die Suche nach Kontaktpersonen Infizierter größtenteils telefonisch. Wer positiv auf Corona getestet wurde, muss angeben, mit wem er seit dem vermuteten Infektionsbeginn Kontakt hatte. Die Personen werden vom Gesundheitsamt überprüft, wer engen Kontakt hatte und damit zur Risikokategorie 1 gehört, muss in häusliche Quarantäne. Ein Test erfolgt allerdings erst dann, wenn eine solche Kontaktperson auch selbst Symptome zeigt. Das ist Vorgabe vom RKI, an die sich die Stadt hält. Für Bryniok ist das trotzdem die falsche Vorgehensweise.

Coronavirus noch akut: Jeden Verdachtsfall testen

„Das halte ich für absolut sinnlos. Diese Vorgabe lag einzig und allein an der zu geringen Testkapazität, die jetzt ja wieder vorhanden ist“, sagt die Wissenschaftlerin. Nach Angaben von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn werden derzeit tatsächlich weniger als die Hälfte der zur Verfügung stehenden Testkapazitäten genutzt. Deshalb sollte – so Bryniok – jeder, bei dem ein Verdacht besteht, sich mit dem Coronavirus infiziert zu haben, konsequent getestet werden, um das Virus effizient zu bremsen.

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Tückisch für die zweifelsfreie Nachverfolgung der Infektionsketten sei die lange Inkubationszeit von bis zu 14 Tagen. „Die war bei anderen Viren noch nie so lange“, sagt die 36-Jährige. „Das ist wirklich neu.“ 

Covid-19: Gesund und trotzdem infektiös?

Teilweise ließen sich zudem Bestandteile noch 28 Tage nach den ersten Symptomen im Speichel – dem Hauptüberträger – nachweisen. „Menschen können schon Antikörper gebildet haben und augenscheinlich gesund sein. Trotzdem können sie auch zu diesem Zeitpunkt noch infektiös sein“, erklärt die Expertin. Daher sei der Fokus auf die Infektionsketten so wichtig.

In Hamm klappt das nur teilweise. Die Mitarbeiter der sogenannten Kontaktpersonenverfolgung seien bemüht, Infektionsketten soweit es möglich ist zu identifizieren und nachzuzeichnen, erklärte ein Stadtsprecher auf WA-Anfrage. Das sei auch teilweise gelungen. So hätten sich Kontakte im familiären oder beruflichen Umfeld von Infizierten in manchen Fällen nachzeichnen lassen, aber natürlich nicht immer.

Coronavirus in Hamm: Verwaltung leitet Daten nur weiter

Freiwerdende Kapazitäten für eine intensivere Nachverfolgung von Infektionsketten zu nutzen, steht für die Stadt nicht auf der Tagesordnung. Auch eigene Erkenntnisse zieht die Stadt nicht aus den Kontaktdaten. Man leite alles an das Landeszentrum Gesundheit (LZG) in Bochum und an das RKI in Berlin weiter, so der Stadtsprecher. Hier werden die Meldungen der Städte und Kreise gesammelt und entsprechende Erkenntnisse gezogen.

Bryniok stellt den Mitarbeitern der Stadt trotzdem ein gutes Zeugnis aus. „Wenn sie ihre Arbeit nicht gut machen würden, lägen die Fallzahlen in einer Stadt wie Hamm noch höher, sagt sie. Mehr könne ein kommunales Gesundheitsamt auch gar nicht leisten.

Kompetenzen ans RKI abgegeben

Vieles sei in der Vergangenheit beim RKI zentralisiert worden. Die Schlagkraft fehle deshalb. „Irgendwann geht es auch nicht mehr darum, den Ursprung zu finden. Das frisst zu viel Zeit. Ziel ist dann, die Ausbreitung zu begrenzen. Und das hat gut geklappt. Den Luxus, die Entstehung aufzuarbeiten, kann sich eine Kommune kaum leisten, so Bryniok.

Fast hätten sie und ihr Team an der HSHL übrigens selbst dazu beigetragen, dass Tests schneller ausgewertet werden können. Die Einrichtung hatte Ende Februar angeboten, das für die Auswertung ausgestattete Labor an der Hochschule zur Verfügung zu stellen.„Material und Fachkenntnisse sind da. Vom Land wurde uns aber eine Absage erteilt. Kein Bedarf.“

Forscherin aus Hamm: Das ist Agnes Bryniok

Agnes Bryniok ist 36 Jahre alt und seit September 2019 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule Hamm/Lippstadt (HSHL). Dort forscht sie in der Stammzell- und Neurobiologie. Sie arbeitet derzeit an einem Projekt, bei dem herausgefunden werden soll, ob es Anlagen für Parkinson bereits im Ebryonalstadium gibt. Bryniok arbeitete von 2010 bis 2013 am Robert-Koch-Institut (RKI). Dort gehörte sie zur Fachgruppe 15, der molekularen Epidemiologie viraler Erreger. Ihr Team suchte nach diagnostischen Verfahren, um Viren zu finden und nachzuweisen.

Coronavirus in Hamm - weitere Infos:

Rubriklistenbild: © dpa

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