Matthias Grabitz, Sprecher Hammer Kaufleute zieht Bilanz

Hammer Handel nicht nur unglücklich: „Corona hat zusammengeschweißt“

Matthias Grabitz, Sprecher der Kaufleute in Hamm
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Keine Mühen gescheut: Matthias Grabitz mit neuer Acrylscheibe im Kassenbereich.

Einzelhandel in Zeiten von Corona ist für Geschäftsleute Herausforderung und Chance zugleich. „Das war ein Schockerlebnis für alle“, sagt Matthias Grabitz, Inhaber des gleichnamigen Modefachgeschäftes und Sprecher der Hammer Kaufmannschaft, über die Zeit des ersten Lockdowns.

Hamm – Was auf den Schock folgte, rührt den Hammer Geschäftsmann noch immer: Kunden griffen zum Telefon oder schickten Mails und versicherten dem Traditionskaufhaus die Treue. „In diesen Momenten spürt man: Man ist nicht vergessen“, sagt er.

Grabitz’ Rückblick enthält auch Selbstkritik: Man sei in der Unternehmensführung zunächst so sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen, dass man um Haaresbreite versäumt habe, das Team mitzunehmen, die Situation transparent zu kommunizieren und so Existenzängsten entgegenzuwirken. Grabitz reagierte sofort: „Wir sind rumgefahren und haben alle Mitarbeiter zuhause besucht und mit ihnen gesprochen.“

Kündigungen standen nicht zur Debatte, die Entscheidung pro Kurzarbeit haben alle mitgetragen, ebenso wie die sofortige Rückkehr zu „normalen“ Öffnungszeiten, als das möglich wurde.

Corona und der Handel in Hamm: Es gibt keinen Masterplan

„Wir haben Mut gefasst, dass es weitergeht.“ Mehr noch – unter den Mitarbeitern ist die Solidarität gewachsen. Man nimmt Rücksicht auf die Lebensumstände der anderen, sodass die Arbeitsbedingungen für alle stimmen. „Corona hat uns zusammengeschweißt“, sagt Grabitz. Er ist stolz auf sein Team. Innerhalb der Kaufmannschaft habe es Krisengespräche, aber keine gemeinsame Lösung gegeben, resümiert Grabitz: „Jeder hat seine Sorgen, aber es gibt keinen Masterplan.“

Bei Grabitz hat man die Zeit genutzt, den Online-Bereich auszubauen. Anja Grabitz hat Facetime-Beratungen angeboten, ist mit der Kamera durch den Laden gestreift und hat Kundinnen so das Sortiment übers Internet nach Hause gebracht. Rund 20 Kundinnen orderten auf diesem Wege und bekamen eine Auswahl frei Haus geliefert. „Viele unserer Kundinnen kennen wir und wissen, was ihnen gefallen könnte“, beschreibt Anja Grabitz das Band, das zu vielen Kunden besteht und an dem kontinuierlich gewoben wird.

Corona und der Handel in Hamm: Keine Mühen für Sicherheit gescheut

Ob Erdbeer-Fest, zu dem jede Mitarbeiterin ihren liebsten Erdbeer-Kuchen mitbrachte und verkostete, Modenschau oder italienisches Buffet, das von Anja Grabitz höchstpersönlich zubereitet wurde – im Hause Grabitz haben kreative wie kulinarische Events Tradition und zur Kundenbindung beigetragen. „Solche Veranstaltungen können natürlich aktuell nicht stattfinden. Und das ist auch in Ordnung. Für uns ist wichtig, dass sich unsere Kunden bei uns sicher fühlen“, betont Matthias Grabitz. Für Kunden aus der Risikogruppe werden beispielsweise Absprachen getroffen, damit diese im Laden keinem anderen Kunden begegnen. Eine Krebspatientin traute sich so erstmals seit Corona wieder in ein Geschäft.

Am ersten Samstag im Monat wollte die Weststraßengemeinschaft mit Degustationen und Musik Menschen locken. Nun sind Menschenansammlungen ein Risiko und leisere Töne sind gefragt. Gemeinsam mit Ehefrau Anja sucht Matthias Grabitz immer wieder nach neuen Möglichkeiten, den Draht zum Kunden auch in diesen Zeiten nicht zu verlieren. Anja Grabitz stattete beispielsweise Schaufensterpuppen mit wechselnden Outfits aus, nummerierte sie und stellte die Fotos online, sodass Kundinnen nur noch Puppennummer und eigene Kleidergröße nennen mussten, um sich das Outfit zur Anprobe nach Hause bringen zu lassen. Derzeit bietet das Ehepaar spezielle „Mädels-Abende“ für vier bis sechs Frauen an, die sich nach Ladenschluss ungestört im Laden umsehen können.

Corona und der Handel in Hamm: Der Schnutenpulli als Geschenk

Wie andere Einzelhändler hofft auch Grabitz auf einen Hammer Weihnachtsmarkt in eingeschränkter Form und überlegt bereits, wie sich auch im Laden Weihnachtsstimmung erzeugen lässt. Geplant werde „mit Vorsicht und Augenmaß“. Es ist viel Fingerspitzengefühl gefragt in diesen Tagen. Schon die Idee, als Give-Away zu gekaufter Ware einen passenden Mund-Nase-Schutz beizulegen, polarisierte.

Aus dem lästigen Übel ein Präsent zu machen – das war für einige Zeitgenossen einfach undenkbar. Mittlerweile ist die Gesichtsbedeckung auf dem Weg zum modischen Accessoire. Vor allem Frauen achten mittlerweile darauf, ob der Schnutenpulli zum Outfit passt und Grabitz ist im Gespräch mit Herstellern, die eben dieses Extra möglicherweise künftig anbieten.

Nach der schrittweisen Wiederöffnung der Geschäfte in der Corona-Krise leidet der Einzelhandel in Hamm weiter massiv unter Umsatzeinbrüchen. Hinzu kommt, dass nach der von NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) angekündigten Initiative keine zusätzlichen verkaufsoffene Sonntage in Hamm geben wird.

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