Interview mit Fridays-for-future-Aktivist Jannis Arndt

Fridays for Future kritisiert: "Milliarden für Corona, aber fürs Klima war das nicht drin..."

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Seit über einem Jahr ist die Fridays-for-future-Bewegung in Hamm aktiv.

Hamm – Seit einigen Wochen ist es freitags still auf den Straßen. Im Zuge der Corona-Maßnahmen sind auch die regelmäßigen Demonstrationen von Fridays for Future (FFF) ausgefallen. Seit der vergangenen Woche haben die Klima-Aktivisten ihren Streik wieder aufgenommen.

WA-Redakteurin Svenja Jesse hat mit Jannis Arndt von Fridays for Future über die aktuelle Situation gesprochen.

Wie ist bei Ihnen die aktuelle Situation? 

Jannis Arndt: Wir sind zuerst einmal verunsichert von der ganzen Corona-Angelegenheit, weil das natürlich ein wichtiges Thema ist. Aber wir machen uns natürlich auch Sorgen um unsere Organisationsform. Es hat sich ja schon einiges geändert. Wir machen keine Treffen mehr. Das meiste findet digital statt und das ist schon anders, als wenn man sich in einem Raum trifft. Auch mit den Demos haben wir lange aussetzen müssen, wir hatten am vergangenen Freitag die erste. Natürlich hatten wir den digitalen Netzstreik, das war gut.

Waren Sie da auch dabei? 

Jannis Arndt:  Ich war tatsächlich nicht dabei. Aber viele meiner Mitstreiter haben Plakate gebastelt und an die Fenster gehangen. Das war natürlich eine gute Aktion, da digital ein Zeichen zu setzen und das Thema Corona mal für ein paar Stunden zu verdrängen. Beim nächsten bin ich auf jeden Fall dabei.

Jannis Arndt ist ein Hammer Gesicht von Fridays for future.

Haben Sie das Gefühl, dass durch die Krise der Umweltschutz in den Hintergrund gerückt ist?

Jannis Arndt: Ja, auf jeden Fall. Das kann man auch super sehen. In den Nachrichten zum Beispiel. Bei der Tagesschau oder bei den Suchanfragen bei Suchmaschinen oder den Gesprächen auf der Straße. Das Thema Corona hat den Klimawandel da schon verdrängt. Ich glaube, dass wir es nur schaffen uns auf ein Thema gleichzeitig zu konzentrieren. Auch die Politik. Das ist schade. Wenn ich mal die Corona- und die Umweltpolitik vergleiche, fällt mir auf, dass die Themen unterschiedlich gewichtet werden.

Ewig wurde uns erzählt, es ist kein Geld da, jedes Klimapaket soll sich an die schwarze Null halten. Und jetzt hauen wir Milliarden raus und machen neue Schulden. Und dann wird uns erklärt, wir können das machen, weil wir in den vergangenen Jahren so gut gewirtschaftet haben. Da frage ich mich, warum ist denn das fürs Klima nicht drin gewesen? Für so ein wichtiges Thema. Da kann ich mir nur an den Kopf fassen. Die Probleme, die mit der Klimakatastrophe irgendwann auf uns zukommen werden, werden krass. Das übersteigt Corona bei Weitem. Und trotzdem schiebt man es da ewig hinaus.

Ich bin mir fast sicher, wenn Corona gedämmt ist, wird uns wieder gesagt, wir müssen sparen. Es gibt Länder, die sind viel ärmer als wir, dann sagen wir hier in Deutschland, wir haben kein Geld für den Klimaschutz. Das macht mich sauer und auch traurig. Wenn diese Politik sich weiter durchzieht, sehe ich schwarz. Natürlich ist Corona ein wichtiges Thema, aber der Klimawandel ist auf Dauer ein so super wichtiges Thema, dass wir es uns nicht leisten können, die Chance, die wir jetzt haben, so zu verspielen und uns nur auf Corona zu konzentrieren.

Sie waren bei der ersten Demo in der vergangenen Woche trotzdem nicht mit dabei, warum? 

Jannis Arndt: Ich habe mich entschieden nicht teilzunehmen, weil ich bei mir im Haushalt eine Person habe, die zur Risikogruppe gehört und ein schlechtes Gefühl hatte. Da habe ich mich entschlossen, Rücksicht zu nehmen und nicht hinzugehen. Wobei ich schon hin und hergerissen bin, denn ich finde es wichtig. Ich überlege, ob ich nicht zum nächsten Streik gehen soll und mich nur an den Rand stelle und Präsenz zeige.

Wie engagieren Sie sich momentan für den Klimaschutz, wenn nicht bei Demos? 

Jannis Arndt: Was ich momentan mache, ist hauptsächlich selbst tätig werden. Ich lerne gerade wie man Hochbeete baut. Ich habe auch Brotbacken gelernt. Alles, wo man sich regionaler ernähren kann ohne weite Anfahrtswege und Co. Des Weiteren haben wir eine Kooperation mit einem Theater, das wir unterstützen. Wir stellen unsere Informationen und Ideen zur Verfügung, wie die Stadt aber auch das Land die Klimaziele erreichen können. Daraus soll ein Theaterstück werden. Dass der Klimaschutz so verdrängt wurde auch aus den Medien, das macht mir wirklich Sorgen.

Die Bewegung in Hamm

Im März 2019 gab es die erste Klima-Demo in Hamm. Rund 350 Schüler gingen damals für den Klimaschutz auf die Straße. Die Zahl wuchs in den kommenden Monaten. Den Höhepunkt erreichte die Demonstration im September 2019. Bei der Großdemo, bei der auch Kapelle Petra ein Konzert gab, zogen rund 2000 Demonstranten durch die Innenstadt. Die letzte Großdemo, die im März 2020 geplant war, musste Aufgrund der Corona-Pandemie abgesagt werden. Sie fand aber digital im Livestream auf YouTube statt.

Coronavirus in Hamm - weitere Infos:

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