Hammer LWL-Klinik hat großen Zulauf

Immer mehr Kinder psychisch krank: Experte will schnelle Schulöffnung für alle Kinder

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Während der Pandemie wächst offenbar die Zahl der Kinder und Jugendlichen mit psychischen Problemen. (Symbolbild)

Die Pandemie und die Maßnahmen dagegen machen viele Kinder psychisch krank. Der Ärztliche Chefarzt der LWL-Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Hamm erklärt, was Kinder jetzt brauchen.

Hamm – In der LWL-Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie im Hammer Osten häufen sich die Anfragen: Das Coronavirus und die Maßnahmen dagegen sorgen dafür, dass immer mehr Kinder krank werden, sagt Prof. Martin Holtmann, Ärztlicher Direktor der Klinik. Im Interview erklärt er, wieso Schulen jetzt wieder für alle Kinder öffnen sollten (geplant ist bisher nur eine Öffnung für einige Altersgruppen), was Kinder nun brauchen und wie Eltern helfen können.

Wie steht es um die psychische Gesundheit der Kinder und Jugendlichen?
Die Krise hält schon fast ein Jahr an, viele sind erschöpft. Da geht es den Kindern und Jugendlichen so wie den Erwachsenen auch – mit dem Unterschied, dass ein Jahr für Kinder in ihrer Entwicklung eine richtig lange Zeit ist. Grundschulkinder können in Kategorien wie einem Jahr nicht denken. Ich denke aber, die größere Gruppe kommt im Prinzip bei aller Erschöpfung gut zurecht. Manche sind sogar an den Herausforderungen gewachsen. Darüber dürfen wir den kleineren Teil aber nicht vergessen.
Lassen Sie uns über diesen kleineren Teil reden.
Es gibt eben auch viele Kinder und Jugendliche, die über der Krise krank werden. Deutlich mehr Kinder und Jugendliche als vor der Pandemie suchen bei uns Hilfe. Sie melden sich vor allem wegen Depressionen, Ängsten und Essstörungen.
Wieso treten die Störungen gehäuft auf?
Es ist viel weggefallen, was sonst gut tut. Die Tagesstruktur, das Treffen mit Freunden, Aktivitäten in Sportvereinen und natürlich Schule. Schule ist ja nicht nur ein Lernort, sondern da begegnet man sich. Jemand, der eh zu einer Depression neigt, der braucht eine Tagesstruktur, Aktivitäten. Er muss sich bewegen können. Wenn das fehlt, verstärkt das eine Neigung, die diejenigen möglicherweise schon haben. Das ist insbesondere bei den Depressionen so, aber auch bei den Essstörungen.

Coronavirus in Hamm: Immer mehr Mädchen haben Essstörungen

Inwiefern?
Kinder und Jugendliche, die eine Essstörung entwickeln, sind oft sehr ehrgeizige Mädchen. Ihnen ist es wichtig, in der Schule gut zu sein, im Sport gut zu sein, vielleicht in der Musikschule ein Instrument zu spielen. Wenn das wegfällt, bleibt ihnen manchmal nur noch ihre Erkrankung, in der sie vermeintlich positive Erlebnisse haben. Über eine Gewichtsreduktion, Kontrolle übers Essen – darüber beziehen sie ihren Selbstwert, weil alles andere weggebrochen ist.
Magersucht ist wieder ein wichtiges Thema.
Ja. Die Fallzahl ist stark angestiegen. Wir haben dafür eine Spezialsprechstunde, dort haben wir viel mehr zu tun als in den vergangenen Jahren.
Werden jetzt Kinder krank, die sonst gesund geblieben wären?
Das wissen wir nicht. Wir merken nur, dass wir gerade jetzt mehr angefragt werden.

Wenn es dem Kind nicht gut geht: Wann zum Arzt?

Dass Kinder und Jugendliche traurig sind, die Nase voll haben von der Pandemie, ist sicher normal. Wann sollten Eltern bei Ihnen anrufen?
Besser früher als später. Es ist wie bei körperlichen Erkrankungen auch, je früher man eine psychische Erkrankung behandelt, desto besser. Eltern sollten ihrem Bauchgefühl vertrauen. Aber eine Erkrankung festzustellen, ist in der Tat durch die aktuelle Situation erschwert.
Wieso?
Vor Corona zeigten sich Erkrankungen etwa, wenn ein Kind nicht mehr in die Schule gehen wollte oder keinen Spaß hatte an dem, was es sonst gerne macht – aber jetzt gibt’s diese Sachen sowieso nicht mehr. Jetzt könnte man also sagen: Wenn die Tagesstruktur ganz verloren geht, das Kind sich nicht mehr aufraffen kann zum Homeschooling, wenn Eltern das Gefühl haben, dass das Kind antriebslos wirkt oder wenn es Schlafstörungen hat. Die meisten Eltern bekommen aber gut mit, ob ihr Kind nur den normalen Corona-Blues hat wie wir alle, oder ob das mehr ist. Und das können sie mit ihren Kindern besprechen, hören, wie ihre Innensicht ist. Gerade mit Jugendlichen geht das.
Mit kleineren Kindern könnte es schwierig sein.
Da kann man sich wirklich einen Termin geben lassen, bei uns oder niedergelassenen Kollegen. Wir können ja immer noch sagen, dass alles okay ist. Lieber einmal zu viel kommen als einmal zu wenig.

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Spielt die Perspektive von Kindern und Jugendlichen in der Pandemiebekämpfung eine ausreichend große Rolle?
Nein. Ich finde es okay und richtig, dass man lange Zeit auf die Alten und besonders Verletzlichen geschaut hat. Aber jetzt ist es an der Zeit, Kinder und Jugendlichen mehr in den Blick zu nehmen. Je länger die Pandemie andauert, umso mehr zahlen sie einen Preis. Man muss überlegen: Kann man die Schulen und Kitas unter strengen Bedingungen wieder öffnen? Man sollte da alles prüfen: Ob Lehrer und Erzieher besonders früh geimpft werden können, man häufiger Schnelltests nutzt, ob Wechselmodelle möglich sind ...
... also Präsenz- und Distanzunterricht abwechselnd.
Ja. Das Homeschooling kann die Schule nicht ersetzen, da passiert so viel – zwischen Kindern untereinander, zwischen Lehrern und Kindern. Das kriegt man digital nicht hin. Also: Bevor etwas anderes gelockert wird, müssen unsere Kinder wieder in die Kitas und Schulen kommen.
Im ersten Lockdown fürchteten viele, dass mehr Kinder Opfer häuslicher Gewalt werden könnten. Haben sich die Befürchtungen bewahrheitet?
Hier sind aber einzelne Fälle aufgefallen, die gravierend waren. Von einem großen Anstieg der Fallzahlen kann ich aber nicht sprechen – wir wissen aber nicht, wie hoch die Dunkelziffer ist. Häusliche Gewalt fällt sonst unter anderem in den Schulen auf, dort werden die Kinder gesehen, Lehrer kriegen mit, wenn was ist. Das fällt weg. Die beste Prävention wäre es, wenn es Schulen und Kitas öffnen.

Positive Folge der Pandemie: Sie gibt Raum für Kreativität

Hat die Krise etwas Positives für Kinder und Jugendliche, Familien?
Mir hat vor Jahren ein älterer Kollege gesagt, er wünscht den Kindern mehr Langeweile. Jetzt verstehe ich das. Wenn alles Äußere wegfällt, muss man selbst etwas organisieren und sich etwas überlegen. Ich kenne Kinder, die online eine Sprache gelernt haben oder einen Yogakurs gemacht. Sie haben virtuell mit Freunden Spiele gespielt. Sie wurden fantasievoller, kreativer, haben gemerkt: ich schaffe etwas. Wer eine schwierige Erfahrung meistert, kann stolz sein und denken: Das habe ich hinbekommen. Das stärkt die Persönlichkeit. Und viele Familien haben mehr Zeit miteinander verbracht, allein, weil Eltern im Homeoffice waren – so schwierig das ist. Familien haben miteinander gekocht und gegessen, etwas unternommen. Das hat den Zusammenhalt gestärkt.
Haben Sie noch Tipps? Wie können Eltern, Kinder, Jugendliche das Beste aus der Situation machen?
Man muss schauen: Hat jeder Rückzugsmöglichkeiten für sich, dass man auch mal seine Ruhe hat? Das wird nicht in allen Wohnungen möglich sein, dann hilft vielleicht ein Spaziergang alleine. Man braucht weiter eine Tagesstruktur. Und man sollte offen sein, auch über Ängste und Unsicherheiten miteinander sprechen. Soziale Medien sind ein Segen, trotzdem sollten Familien Zeiten ohne die sozialen Medien planen, in denen man nur in der echten Welt unterwegs ist. Und: Familien sollten gnädig miteinander sein. Man darf jetzt nicht alles auf die Goldwaage legen. Humor hilft ebenso wie Nachsicht miteinander.

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