Coronavirus

Kinderärzte aus Hamm kritisieren Impf-Empfehlung für Kinder - und widersprechen Impfzentrum-Chef

Das Hammer Kinderarzt-Netzwerk „päd regio“ widerspricht dem Leiter des Impfzentrums, Prof. Dr. Lothar Reinken (ebenfalls Kinderarzt).
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Das Hammer Kinderarzt-Netzwerk „päd regio“ widerspricht dem Leiter des Impfzentrums, Prof. Dr. Lothar Reinken (ebenfalls Kinderarzt).

Es gibt Kritik an den Äußerungen zu Corona-Impfungen für Kinder und Jugendliche von Oberbürgermeister Marc Herter und Prof. Dr. Lothar Reinken, dem Leiter des Impfzentrums.

Hamm - Kinderarzt Dr. Johannes Jeßberger und der Verein „päd regio“, in dem die Hammer Kinderärzte organisiert sind, stimmen Herter und Reinken in wesentlichen Punkten nicht zu. (News zum Coronavirus in Hamm)

Corona-Impfung für Kinder: „Gab keine Absprache mit Kinderärzten“

„Es gab es weder von Prof. Dr. Reinken noch von Oberbürgermeister Marc Herter irgendeine Absprache mit den Kinderärzten in der Stadt Hamm, die für die Betreuung der Kinder und Jugendlichen in ihren Praxen zuständig sind. Herr Reinken spricht für sich und nicht für die Kinder- und Jugendärzte in Hamm“, heißt es von Jeßberger und dem Vorstand des Vereins.

Reinken hatte auf WA-Nachfrage dafür plädiert, dass sich auch Kinder ab 12 Jahren gegen das Coronavirus impfen lassen sollten, weil diese die Impfung nach seiner Erfahrung ausgezeichnet vertragen würden. Er nannte das seltene Multiorgan-Syndrom PIMS als Folge einer Infektion als weiteres Argument für eine Impfung, weil Betroffene darunter teilweise ein Leben lang litten.

„PIMS ist sehr viel seltener als Long-Covid. Und es ist bekannt, dass es recht gut behandelbar ist. Über mögliche Langzeitfolgen einer Covid-Erkrankung bei Jugendlichen ist kaum etwas bekannt. Genauso wie über etwas seltenere Nebenwirkungen des Impfstoffes“, sagt Jeßberger dazu. „Und die Kinder und Jugendliche, die nach der Impfung Probleme haben, landen in unseren Praxen und nicht bei Herrn Reinken.“

Impfkommission empfiehlt nur Impfung von vorerkrankten Kindern

Mit Blick auf eine generelle Empfehlung verweist Jeßberger auf die Zurückhaltung der Ständigen Impfkommission (Stiko). Die aktuelle Empfehlung der Stiko gilt nur für Kinder zwischen 12 und 17 Jahren mit einer Vorerkrankung wie beispielsweise schweres Übergewicht, angeborene oder erworbene Immunschwäche, bestimmte angeborene Herzfehler, schwere Herzerkrankungen, chronische Lungenerkrankungen, chronische Niereninsuffizienz, chronische neurologische oder neuromuskuläre Erkrankungen, Krebserkrankungen, Trisomie 21 oder Diabetes mellitus.

Auch die Stiko in England sei zurückhaltend und empfehle zurzeit nur eine Impfung von 16- bis 17-Jährigen. „Und das bei höheren Infektionszahlen als in Deutschland.“

Herzmuskelentzündung als seltene Nebenwirkung

Jeßberger teilt die Ansicht von Stiko-Mitglied Prof. Dr. Fred Zepp von der Uni-Klinik Mainz, dass noch mehr Daten zu Nebenwirkungen vorliegen müssen, um über eine generelle Empfehlung zu entscheiden. Auch, weil der Körper von Kindern, die etwa in der Pubertät massive hormonelle Veränderungen durchmachten, anders mit dem Impfstoff umgehen könne als der von Erwachsenen. Zepp sprach in der Vorwoche von rund zwei bis drei Wochen, die es zuzuwarten gelte.

Die mittlerweile auch vom zuständigen Paul-Ehrlich-Institut anerkannte und in seltenen Fällen mögliche Nebenwirkung einer Herzmuskelentzündung trete nach Jeßbergers Informationen in einer nennenswerten Häufigkeit auf. „Dies konnte bei der Zulassung gar nicht bekannt sein, weil nur etwa 2000 Kinder und Jugendliche in der Zulassungsstudie untersucht worden waren“, sagt der Kinderarzt. „Die Erkrankung ist ernst, heilt aber, soweit es bekannt ist, meist folgenlos aus. Ein stationärer Aufenthalt kann erforderlich sein.“

Jeßberger: „Problem nicht auf nächste Generation abschieben“

Jeßberger und „päd regio“ sehen einen geplanten Brief von Herter an Eltern kritisch. „Wenn der Oberbürgermeister alle Eltern anschreibt, sich über eine Impfung für die Kinder und Jugendlichen zu informieren, zieht er sich elegant aus der Affäre, bezieht keine klare Stellung und überlässt – ohne Absprache – den niedergelassenen Kinder- und Jugendärzten den schwarzen Peter“, sagt der Mediziner.

Und weiter: „Hoffentlich fordert er in diesem Schreiben die Eltern auch auf, sich zu allererst zum Schutz ihrer Kinder selber impfen zu lassen. Es kann nicht sein, dass wir dieses Problem auf die nächste Generation abschieben.“

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