Kinder dürfen auch mit kleinem Schnupfen nicht in die Kita - für Eltern ist das ein Problem 

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Kinder mit Schnupfen dürfen aktuell nicht in die Kitas. Eltern befürchten ein Betreuungsproblem.

Aufgrund einer Vorgabe des Landes schicken Erzieher Kinder auch bei banalen Infekten nach Hause. Elternvertreter fürchten im Herbst und Winter ein massives Betreuungsproblem, wenn es bei den aktuellen Regeln bleibt.

Hamm – Die Kitas sind geöffnet, aber viele Kinder dürfen nicht hin: Sobald ein Kind Krankheitssymptome hat, schicken Erzieher es nach Hause. Das gibt das Land vor. Oppositionspolitiker protestieren dagegen ebenso wie Kinder- und Jugendärzte. Kinder würden schon bei kleinen und banalen Infekten von den Einrichtungen ausgeschlossen. „Kinder werden völlig sinnlos laufend aus der Betreuung herausgenommen“, sagte etwa ein Vertreter des Verbands der Kinder- und Jugendärzte. Elternvertreter etwa der Initiative „Familien in der Krise“ warnen NRW-Familienminister Joachim Stamp, Eltern stünden spätestens im Herbst vor einem unüberwindbaren Betreuungshindernis. Wie ist die Lage in Hamm?

Das sagt eine Mutter

Als Xenia Langer ihre Tochter Ende Mai in die Kita schicken durfte, hatte sie eine anstrengende Zeit hinter sich. Mehr als zwei Monate lang hatten ihr Mann und sie, beide berufstätig, jongliert: zwischen der Arbeit zu Hause und Kinderbetreuung. Die Großeltern halfen mit, doch Langer hatte ein schlechtes Gewissen, da man die Omas eigentlich nicht einspannen sollte. Dazu kam das Gefühl, weder Kind, noch Job, noch sich selbst gerecht zu werden. „Das war eine sehr schwierige Zeit“, sagt sie.

Dann durfte ihre Tochter, bald drei Jahre alt, wieder zurück in ihre Kita, die Kindertagesstätte St. Josef in Herringen. Sie durfte andere Kinder sehen, mit ihnen spielen.

Mitte Juni dann der Anruf: Langer müsse ihr Kind sofort abholen. „Die Kleine hatte einen kleinen Schnupfen. Sie war sonst fit, hatte weder Fieber noch sonst irgendwas“, erzählt die Mutter. Eineinhalb Wochen musste das Mädchen zu Hause bleiben. Ihr Mann nahm Urlaub, um sie zu betreuen.

Spätestens im Herbst hat die Kleine wieder einen Infekt, da ist Langer sicher. Was dann? „Kinderkrankentage haben wir fast nicht mehr, weil die Kleine im Januar lange krank war“, sagt die Mutter. „Und Urlaubstage für den nächsten Schnupfen haben wir auch nicht mehr.“ Sie ist ratlos. Sie hofft auf Unterstützung der Omas – auch wenn diese selbst nicht mehr die Jüngsten sind und das schlechte Gewissen bleibt. Es ärgert sie, dass die Kinder auch dann nicht in die Kita dürfen, wenn sie kaum krank sind.

Das sagen Elternvertreter

Die aktuelle Regelung stelle „vor allem berufstätige Eltern vor große Probleme, Kinderkrankentage sind ganz schnell aufgebraucht“, heißt es von Ricarda Müller vom Jugendamtselternbeirat (JAEB). „Die Sorgen wachsen, vor allem, weil die übliche Schnupfnasen-Saison erst noch kommt in diesem Jahr“, erklärt sie. Es ärgert sie, dass auch Geschwisterkinder von der Regelung betroffen sind. Es müssen alle Kinder einer Familie zu Hause bleiben, wenn einer Husten hat.

Die Initiatoren von „Familien in der Krise“ fürchten, dass gerade Mütter im Herbst und Winter ihre Jobs verlieren oder selbst kündigten, sollte es bei der aktuellen Regelung bleiben. Kitas böten so keine verlässliche Betreuung mehr. Eltern würden bald nicht mehr als verlässliche Mitarbeiter eingeschätzt und hätten Probleme, ihre Jobs zu behalten oder neue zu finden.

Ausdrücklich geht es der Mutter und den Elternvertretern nicht darum, dass ernstlich kranke Kinder in die Kita gehen sollen. Es geht darum, dass Kinder sehr häufig einen ein kleinen Husten und ein Schnupfen haben, der sie kaum beeinträchtigt. Vor der Coronakrise durften die Kinder dann in die Kita, derzeit dürfen sie es nicht.

Das sagt der Kita-Träger

Die Tochter von Xenia Langer besucht die Kita St. Josef in Herringen. Sie ist in Trägerschaft der Katholischen Kindertageseinrichtungen Hellweg gGmbH. Für Regionalleiterin Nina Bönning ist klar: „Kinder dürfen generell nicht betreut werden, wenn sie Krankheitssymptome aufweisen. Die Art und Ausprägung der Krankheitssymptome sind dabei unerheblich.“

Eltern dürfen nach einem Infekt bescheinigen, dass ihr Kind seit 48 Stunden frei von Krankheitssymptomen ist. Das Personal in den Kitas dürfe die Betreuung zurückweisen, wenn die Voraussetzungen nicht erfüllt sind.

Einen Ermessensspielraum sieht Bönning nicht. „So sehr wir in Einzelfällen Kritik an den Regelungen nachvollziehen können, so sind diese für uns als Träger und Einrichtungen verpflichtend. Bei allem Verständnis für den Einzelfall liegt es nicht in unserem Ermessen, die Regelungen infrage zu stellen, aufzuweichen oder gar auszusetzen“, erklärt Bönning.

Das sagt der Kinderarzt

Mindestens zehn bis elf so genannte „banale Infekte“ sind bei Kita-Kindern im Jahr normal, erklärt der Kinderarzt Dr. Johannes Jeßberger. Er hat in den vergangenen Wochen zudem viele Kinder behandelt, die Heuschnupfen oder Asthma hatten. Er sieht kein Problem damit, diese Kinder in die Kita oder Schule zu schicken. Andere Kinderärzte sehen das ähnlich.

Allerdings sei eine Infektion mit Sars-CoV-2 ohne Test bei keinem Kind mit Schnupfen oder Husten auszuschließen, sagt Jeßberger. Selbst ein negatives Testergebnis sage wenig aus: Es könne schon am Morgen nach dem Abstrich überholt sein. „Die Symptome von Covid-19 sind vollkommen unspezifisch.“

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Jeßberger hofft, dass Studien bis zum Herbst zeigen, wie ansteckend Kinder mit Covid-19 wirklich sind. Bisherige Untersuchungen deuteten darauf hin, dass Kinder für Erwachsene wenig ansteckend seien. Sollte sich das bestätigen, könne man die aktuellen Regeln ändern.

Bis dahin sieht Jeßberger eine Grauzone: Sei beispielsweise bekannt, dass ein Kind Asthma oder Heuschnupfen habe, könne man es auch bei einer laufenden Nase oder Husten wieder in die Kita schicken. „Es gibt Kitas, die praxisnäher sind als andere“, sagt er.

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