Corona im Knast?

Keine Besuche, kein Ausgang, weniger Häftlinge: So wirkt sich das Coronavirus auf die JVA in Hamm aus

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Martin Wulfert leitet die JVA in Hamm.

Hamm - Besondere Schutzmaßnahmen gelten derzeit auch dort, wo ohnehin Sicherheit oberstes Gebot ist. In der JVA sollen die Gefangenen mit einem dicken Maßnahmenkatalog vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus geschützt werden.

Unter den Gefangenen in der JVA Hamm gab es bislang drei Corona-Verdachtsfälle, die dann getestet wurden und nicht infiziert waren. Auch unter den Bediensteten gab es sieben Verdachtsfälle, die Tests waren ebenfalls negativ. Ein Auszubildender allerdings wurde positiv auf Covid-19 getestet, so Anstaltsleiter Martin Wulfert. Der Azubi sei aber aufgrund von Schulungen seit mehreren Wochen nicht in der JVA Hamm gewesen, habe also niemanden anstecken können.

"Die größte Gefahrenquelle sind wir“, sagt Martin Wulfert, der Leiter der Justizvollzugsanstalt (JVA) Hamm. Und damit meint er die Vollzugsbeamten und die Bediensteten. Sie nämlich dürfen anders als die Gefangenen die Anstalt abends wieder verlassen. Und nur wer von außen in die JVA hereinkommt, kann in Corona-Zeiten das Virus hereinschleppen.

Risikogruppe

Sollte sich ein Gefangener mit dem Virus anstecken, sei dies – ähnlich wie bei den Seniorenheimbewohnern – sehr ernst zu nehmen. Denn auch die Gefangenen gehören für Wulfert zu den Risikogruppen: „Viele haben eine jahrelange Drogenkarriere und sind damit auch vorerkrankt und körperlich geschwächt.“

Viele Maßnahmen

Bisher konnte ein Ausbruch von Covid-19 in der JVA Hamm verhindert werden. Und die Anstaltsleitung setzt alles daran, dass das auch so bleibt. Dafür haben Wulfert und sein Team eine Vielzahl von Maßnahmen getroffen.

Strafunterbrechung

Wie in allen Haftanstalten in ganz Nordrhein-Westfalen haben im Rahmen der Strafunterbrechung auch in Hamm insgesamt elf Häftlinge die JVA vorzeitig verlassen. Anders als bei der Weihnachtsamnestie sei diese Maßnahme tatsächlich nur eine Unterbrechung, die Häftlinge würden zu einem späteren Zeitpunkt wieder zum Strafantritt geladen, versichert Wulfert. Und: Die Haftunterbrechung sei an bestimmte Kriterien geknüpft, Sexualstraftäter etwa seien davon ausgeschlossen.

Weniger neue Häftlinge

„Das hat uns etwas Luft verschafft“, sagt Wulfert. Tatsächlich ist die Anstalt mit ihren 168 Plätzen derzeit nicht voll belegt; 150 Gefangene sitzen momentan hier ein. Es haben übrigens nicht nur einige Häftlinge – vorübergehend – die Anstalt verlassen, es kommen auch weniger hinein: „Diejenigen, deren Haftstrafe zwölf Monaten und weniger beträgt, werden derzeit nicht zum Haftantritt geladen“, erläutert der JVA-Leiter in schönstem Beamtendeutsch.

Zugangsabteilung

Diejenigen, die jetzt in Corona-Zeiten neu in die JVA Hamm eingewiesen oder verlegt werden, werden für 14 Tage zunächst isoliert untergebracht. Alles, damit auch sie als potenzielle Träger das Virus nicht in die Haftanstalt hinschleppen. Die sogenannte Zugangsabteilung besteht seit dem 27. März. Die neuen Häftlinge sind räumlich getrennt von den Altinsassen, sie haben keinerlei Kontakt – auch nicht bei der täglichen Freistunde auf dem Hof. „Die findet für sie zu einem anderen Zeitpunkt statt“, so Wulfert. Anders als die sonstigen Gefangenen dürfen die Neuen für die Zeit ihrer Isolierung auch nicht am Sportangebot teilnehmen. Dafür, so Wulfert, bekommen sie einen Fernseher gestellt, damit die Zeit nicht zu lang wird.

Mundschutz

Bei den Gefangenen aus der Zugangsabteilung wird verstärkt auf mögliche Covid-19-Symptome wie Husten, Fieber und Gliederschmerzen geachtet. Und sie müssen beim Verlassen ihrer Hafträume einen Mundschutz tragen. Erst nach 14 Tagen dürfen sie die Zugangsabteilung verlassen. „Das System hat sich bewährt“, sagt der JVA-Leiter. Derzeit seien von den 16 Plätzen der Zugangsabteilung zwölf belegt, die ersten seien in den normalen Bereich gewechselt. Anfängliche Befürchtungen, die Isolierabteilung könne volllaufen, hätten sich nicht bestätigt.

Gefangenentransporte

Bereits seit dem 23. März sind die Gefangenentransporte in großen Bussen in ganz NRW ausgesetzt, so dass Gefangene aus verschiedenen Anstalten möglichst nicht in Kontakt kommen. „Auch die Gerichte haben die Zahl ihrer Verhandlungen deutlich heruntergefahren“, so Wulfert. Zu den wenigen Terminen, die es noch gibt, werden die Gefangenen einzeln gefahren.

Kein Ausgang

Nicht nur die Gefangenen aus der Zugangsabteilung müssen mit Einschränkungen leben, auch für die alteingesessenen Häftlinge hat Corona vieles verändert. Kein Gefangener darf die JVA verlassen. Die sogenannten vollzugsoffenen Maßnahmen – der stundenweise Ausgang oder der Ausgang über Nacht – sind auf Null herunter gefahren.

Keine Besuche

Die Gefangenen dürfen keinen Besuch mehr empfangen – weder die Verwandten noch die Partner. „Diese Maßnahme ist für die Gefangenen –ähnlich wie die Bewohner in den Seniorenheimen – besonders einschneidend“, weiß Wulfert. Schließlich seien die Besuche der einzige Außenkontakt für die Gefangenen. Um das abzufangen, erhielten die Gefangenen, die natürlich keine Handys nutzen dürfen, jetzt vermehrt die Möglichkeit, aus den Büros der einzelnen Abteilungen mit ihren Familien zu telefonieren. Inzwischen können sie auch auf „Besuche über Skype zurückgreifen.

Gesprächsbedarf

Der einzige Besucher, den die Gefangenen derzeit empfangen dürfen, ist ihr Verteidiger. Und auch hier trennt die beiden nun eine Acrylglasscheibe. „Die fehlenden Außenkontakte machen den Gefangenen zu schaffen“, sagt Wulfert. Diese Rückmeldung hätten ihm auch die Sozialarbeiter der Anstalt gegeben. „Die Gefangenen haben einen erhöhten Gesprächsbedarf.“

Keine Konzerte

Gemeinschaftsveranstaltungen wie Konzerte, Lesungen und Gesprächskreise finden in Corona-Zeiten ebenfalls nicht statt – auch keine Gottesdienste. Einzige Ausnahme: Ostern wurde ein Gottesdienst mit verringerter Teilnehmerzahl und entsprechendem Abstand gefeiert.

Sport läuft weiter

„Das Einzige, was wir auch in Corona-Zeiten nicht angerührt haben, sind unsere Sportangebote“, sagt Wulfert. So sind wahrscheinlich die Gefangenen aus Hamm und die Kicker aus der Ersten und Zweiten Bundesliga die einzigen, die noch oder wieder Fußball spielen. Anders als die Profis spielen die Gefangenen allerdings auch nur in Kleingruppen – nämlich zu sechst. Auch andere Sportangebote wie Tischtennis, Volleyball und Fitnesstraining laufen weiter.

Fernseher als Infoquelle

Auch die tägliche Arbeit, der die Gefangenen in der JVA nachgehen, läuft weiter. Schließlich biete sie den Gefangenen eine gewisse Tagesstruktur und ermögliche ihnen durch den kleinen Verdienst Einkäufe wie Zigaretten. Und: Von dem Geld begleichen viele Gefangenen die Miete für einen Fernseher auf ihrer Zelle. Der helfe gegen Langeweile und sei eine wichtige Informationsquelle in Corona-Zeiten.

Eingangskontrolle

Auch die Essensausgabe läuft weitgehend normal. „Anders als man es aus Kinofilmen kennt, gibt es in Hamm keinen riesigen Speisesaal, in dem die Gefangenen eng an eng sitzen“, erläutert Wulfert und schmunzelt. Die Insassen nehmen sämtliche Mahlzeiten in ihren Zellen ein. Und diejenigen, die Lebensmittel und Ähnliches bei der JVA anliefern, müssen jetzt einen detaillierten Fragebogen ausfüllen, ehe sie das Gebäude betreten dürfen.

Abstandsregeln

Die Vollzugsbeamten und Bediensteten tun alles, um die Abstandsregeln einzuhalten. „Die Zahl der Besprechungen haben wir reduziert und – wo möglich – den Teilnehmerkreis verkleinert“, nennt der Anstaltsleiter ein Beispiel. Einige Mitarbeiter aus der Verwaltung arbeiten im Homeoffice. Wer in der JVA Dienst tut, muss sich an die Hygieneregeln halten. An den Eingängen sind Desinfektionsspender aufgestellt. Und in einigen Bereichen wird auch Mundschutz getragen: in der medizinischen Abteilung, in der Zugangsabteilung und beim Fahrdienst, der Neuzugänge abholt.

Coronavirus in Hamm - weitere Infos:

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