Zwischen Spuckschutz und Kundenservice

Superheldinnen im Supermarkt: Hammer Kassiererinnen berichten von ihrem neuen Alltag

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Waren einräumen wird mit Mundschutz schnell zu einer schweißtreibenden Aufgabe. Louisa Orzberg muss zwischendurch Pausen machen

Mitarbeiter in Supermärkten sind wichtig. Was allen eigentlich schon immer hätte klar sein sollen, ist uns erst in den vergangenen Wochen richtig bewusst geworden. Louisa Orzberg und Tatjana Gleske berichten im WA-Gespräch von ihrem neuen Arbeitsalltag.

Hamm – Seit dem 30. März stehen Verkäufer in der Liste der systemrelevanten Berufe des Bundesministeriums für Arbeit. „Es ist unfassbar traurig, dass man erst jetzt bemerkt hat, wie wichtig unser Beruf ist. Da merkt man wieder, wie Dinge unterschätzt werden, die für uns alltäglich sind“, sagt Louisa Orzberg. Die 20-Jährige arbeitet seit drei Jahren bei Rewe Räker in Bockum-Hövel.

Zum Schichtwechsel am Mittag ist es ruhig in der Filiale an der Römerstraße. Vereinzelt betreten Kunden das Geschäft, mit Mundschutz und Einkaufswagen, so ist es vorgeschrieben.

„Es passiert schon, dass wir Kunden daran erinnern müssen. Ich habe den Eingang gut im Blick und stehe sonst auch schon mal auf, um den Kunden zu sagen, dass sie die Maske über Mund UND Nase ziehen müssen“, sagt Kollegin Tatjana Gleske. Sie sitzt seit neun Jahren vier Mal in der Woche an der Kasse des Supermarktes.

"Die Menschen waren aggressiv"

Während die Kunden sich mit den Einkaufswagen einen Weg durch die Gänge bahnen, sind die Mitarbeiter damit beschäftigt, die Ware einzuräumen. Mittwochs und freitags kommt Nachschub, vor Feiertagen auch schon mal dienstags, erklärt Orzberg.

Die ersten Wochen mit dem Coronavirus waren für die Mitarbeiter besonders hart. „Es war sehr belastend. Die Menschen waren aggressiv und haben ihren Unmut darüber, dass es keine Mehl und Klopapier gab, an uns ausgelassen, und dann war da die eigene Angst, nicht richtig geschützt zu sein und sich anzustecken“, berichtet Gleske. „Man hat gemerkt, dass die Leute nur auf sich fokussiert sind, nach dem Motto: ,Hauptsache ich kriege Klopapier!’ Die anderen waren egal“, ergänzt Orzberg. „Sie sind unfähig!“ war noch einer der freundlichen Sätze, die sich die Verkäuferinnen anhören mussten.

Mittlerweile habe sich die Situation deutlich entspannt. Angst zur Arbeit zu gehen, haben die beiden nicht. „Nach zwei bis drei Wochen, war ich sogar froh, dass ich zur Arbeit gehen konnte und nicht im Homeoffice sitzen musste“, sagt Gleske.

"Nach langer Schicht oft Kopfschmerzen"

Bevor sie sich an die Kasse setzt, wird alles gründlich desinfiziert. „Meine Hände, dann die Handschuhe, meinen Kassenbereich, die Waage, der Zigarettenautomat..“, zählt sie auf. Die Maske bekommt sie vom Arbeitgeber gestellt. „Ich habe einige ausprobiert, bis ich eine gute gefunden habe“, erklärt sie. Denn den ganzen Tag Mund und Nase mit dem Stoff zu bedecken, ist nicht nur ungewohnt, sondern macht die Arbeit auch anstrengender: „Meine Tochter arbeitet auch in einem Markt. Nach einer langen Schicht hat sie oft Kopfschmerzen.“

Tatjana Gleske hat an der Kasse einiges erlebt.

Auch Louisa Orzberg kennt die Probleme: „Wenn wir die Waren verräumen, wird es schnell warm, es fängt an zu zwicken und jucken. Dann machen wir eine kurze Pause, gehen nach hinten und ziehen die Masken ab. Zwischendurch braucht man einfach Sauerstoff.“

"Den Spaß lassen wir uns trotzdem nicht nehmen"

Doch neben all den negativen Aspekten des neuen Arbeitens unter Corona gibt es auch schöne Momente. „Eine ältere Dame, sie ist eine unserer Stammkundinnen, hat mir eine Tafel Schokolade geschenkt. Normalerweise nehme ich so etwas ungerne an, aber sie hat darauf bestanden. Sie wollte sich bedanken und hat sich gefreut, dass es endlich wieder Klopapier gibt“, erzählt Orzberg.

„Ich habe auch schon jede Menge Pralinen geschenkt bekommen und das Trinkgeld wird mehr. So etwa jeder Zweite bedankt sich bei mir. Das tut schon sehr gut zuhören“, sagt Gleske.

Beide vermissen in ihrem Job gerade vor allem eines: „Die Umarmungen zur Begrüßung. Wir sind ein super Team und wir Mädels begrüßen uns normalerweise auch mit einem Küsschen auf die Wange. Das fällt jetzt leider Weg“, sagt Gleske und Orzberg ergänzt: „Den Spaß lassen wir uns aber trotzdem nicht nehmen.“

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