Schwankende Auftragslage

Große Verunsicherung im Handwerk: Arbeit in vielen Unternehmen geht unter verschärften Bedingungen weiter

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Peter und Sohn Noah Gerken von Haustechnik Schnittker müssen ihre Arbeiter und Arbeitsabläufe besonders sorgfältig koordinieren.

Hamm – Der goldene Boden, den das Handwerk im Sprichwort hat, wird in diesen Tagen mehr und mehr vom Coronavirus zerfressen. 1254 Handwerksbetriebe gibt es in Hamm, alle blicken besorgt in die Zukunft.

Am schlimmsten sind Friseure und Kosmetiker betroffen, denn sie haben nun gar nichts mehr zu tun. Aber selbst im Baugewerbe, der Boombranche der letzten Jahre schlechthin, brechen Aufträge weg. Ähnlich ist es um die Automobilzulieferer bestellt. Auch hier werden bereits erteilte Aufträge zurückgezogen. Das berichtet Berthold Schröder, Präsident der Handwerkskammer Dortmund und selbst Geschäftsführer der Fa. Georg Schröder Schreinerei und Holzbau in Hamm, gegenüber unserer Zeitung.

Zwei Großaufträge mit einem Volumen von 40 Prozent seines Jahresumsatzes sind dem Unternehmen MS Bau in den vergangenen eineinhalb Wochen weggebrochen. Das berichtet Marek Szczepaniak, Geschäftsführer des Rohbauunternehmens. Es zählt mit knapp 40 Mitarbeitern zu den größten in Hamm. „Die Investoren sind sehr verunsichert“, sagt er. Eins der Großprojekte wurde auf den Herbst verschoben, das andere abgesagt. Jetzt in der Krise mit dem Bau neuer Häuser anfangen? Das überlegen sich Investoren zweimal.

Schröder lobt Rettungsschirm

MS Bau geht es wie so vielen anderen Handwerksbetrieben im Bezirk der Handwerkskammer – insgesamt sind es gut 18.000 Betriebe, in denen 125.000 Menschen arbeiten. Die Krise habe das Handwerk mit voller Wucht erfasst, berichtet Kammerpräsident Schröder. Umso mehr begrüßt er den von der Landesregierung beschlossenen Rettungsschirm. „Die beschlossenen Maßnahmen sind ein wichtiger Schritt zur Unterstützung unserer Betriebe und deren Mitarbeiter“, sagt er.

Corona-Krise hat Handwerk mit voller Wucht erfasst

Doch zumindest ein Teil der Arbeit der Handwerksunternehmen läuft weiter, insbesondere die Baustellen stehen nicht still. Peter Gerken leitet das Unternehmen Schnittker am Caldenhofer Weg, einen Traditionsbetrieb für Sanitär- und Heizungstechnik mit rund 20 Mitarbeitern. Sein oberstes Ziel ist es, den Betrieb aufrechtzuerhalten – um weiter Umsätze zu erzielen und seine Belegschaft so weiter beschäftigen zu können, um Stammkunden zu halten, die Wartungsverträge bei ihm abgeschlossen haben.

Zwangsurlaub und Maloche

Er hat seine Belegschaft gesplittet: Sowohl im Büro als auch im Kundendienst arbeitet derzeit immer nur ein Teil der Mitarbeiter. „Einige habe ich in Zwangsurlaub geschickt, die anderen halten den Betrieb am Laufen“, erklärt er – und das abwechselnd, damit zumindest ein paar Mitarbeiter weiterarbeiten können, falls ein anderer Teil in Quarantäne muss.

So verfährt auch Szczepaniak vom Unternehmen MS Bau. Die Firma errichtet von der Kita bis zum Eigenheim zahlreiche Rohbauten in Hamm. Szczepaniak hat seine Kolonnen aufgeteilt und weitere Maßnahmen ergriffen, damit die Mitarbeiter untereinander möglichst wenig Kontakt haben. Er sieht sein Unternehmen dabei in der Verantwortung, auch für andere Firmen und seine Kunden: „Wenn wir nicht mit dem Rohbau anfangen, steht auch alles andere still“, sagt er. Er wolle weiterarbeiten, so lange es geht.

Kurzarbeit trotz florierender Firma

Szczepaniak hat die Firma vor 14 Jahren gegründet. Eine Situation wie die aktuelle hat er noch nie erlebt, auch die Finanzkrise vor einem Jahrzehnt habe seine Firma nicht so heftig getroffen. „Die war hier vor Ort nicht so spürbar wie das jetzt“, sagt er. Eigentlich floriert seine Firma, MS Bau war vor der Coronakrise bis in den nächsten Sommer hinein ausgebucht. Nun hat Szczepaniak vorsorglich Kurzarbeit beantragt.

Unsichere Auftrags- und Gefühlslage: Handwerker spüren vielfach „großes Vertrauen“ ihrer Kunden

„Das Wort Kurzarbeit ist bei uns auch schon gefallen“, sagt Marco Tillmann, Sachbearbeiter bei der Firma Akti Trockenbau. Das Hammer Unternehmen hat sieben eigene Mitarbeiter und beschäftigt oft Subunternehmer, um seine Projekte umzusetzen. Viele davon sind Großprojekte nicht nur in Hamm, sondern auch im weiteren Umkreis.

Mindestabstand einhalten? Schwierig

Das Unternehmen erledigt den Trockenbau für Rathäuser, Hochschulen, Kitas, Einkaufszentren und vieles mehr. Es sei nicht immer leicht, alle Regularien einzuhalten. „Wenn man eine Trockenbauplatte hat, die zwei Meter groß ist, muss man die zu zweit anheben“, sagt Tillmann. Es gelinge seinen Kollegen zwar, dabei den Mindestabstand zueinander einzuhalten – einfach sei das aber nicht.

„Wir machen jetzt so viel es geht elektronisch“, berichtet er. Baudurchsprachen hätte man sonst immer persönlich durchgeführt, jetzt laufe das am Computer. „Wir sind zum Glück in einer Branche, in der wir noch weiterarbeiten können“, sagt Tillmann. Dennoch merke man schon, dass das Geschäft ruhiger wird.

Der Präsident der Handwerkskammer Schröder appelliert an die öffentliche Hand, dass die eingeleitete und beschlossene (Bau-)Maßnahmen trotz der Corona-Krise umgesetzt werden. Sonst würde sich die Problemlage noch einmal deutlich verschärfen, fürchtet er.

Betriebe helfen sich gegenseitig

Gerken von der Firma Schnittker hat sich vorgenommen, dass sein Unternehmen die Krise aus eigener Kraft bewältigen will – und hofft, dass das möglich sein wird, wenn Dank der Aufteilung der Belegschaft immer ein Teil der Mitarbeiter weiterarbeitet. Noch kommen Aufträge rein. Außerdem hat er mit zwei Mitbewerbern vereinbart, dass man sich gegenseitig aushilft, wenn es in einem Betrieb personell knapp wird.

Die Arbeitsabläufe haben sich allerdings geändert. Die Mitarbeiter sehen sich kaum noch. Trafen sie sich ansonsten zunächst auf einen Kaffee in der Firma, so fährt aktuell jeder direkt zu seiner Baustelle. Und beim Kunden werde abgefragt, ob sie sich in Quarantäne befinden. „Wenn das so ist, fahren wir natürlich gar nicht erst dort hin“, sagt Gerken. Dafür hätten die Kunden viel Verständnis.

Handwerker stimmen sich ab

Außerdem nehmen die Handwerker untereinander Rücksicht. „Das klappt ganz gut. Unsere Arbeiter sind zum Beispiel im Keller, während der Elektriker in oberen Geschossen weitermachen kann. Die können sich recht gut aus dem Weg gehen“, erklärt Gerken.

Die Arbeit im Betrieb aufsplitten kann Elektromeister Thomas Reers aus Rhynern nicht. Dazu hat er nicht genug Mitarbeiter. Derzeit laufe die Arbeit normal weiter, berichtet er – natürlich unter Berücksichtigung vieler Vorsichtsmaßnahmen. Die meisten Aufträge erledige er derzeit in privaten Haushalten, da könne mit den nötigen Sicherheitsabständen gearbeitet werden. Mehr als zwei Mitarbeiter seiner Firma seien ohnehin nie vor Ort.

Plötzlich bleiben die Familienväter zuhause

Neu für ihn ist es, dass die Familienväter unter seinen Mitarbeitern zu Hause bleiben, um Kinder zu betreuen. Das gehe vor und seine Kunden hätten Verständnis. Insgesamt sei er mit seinem Betrieb von der Krise nicht so stark betroffen – und hofft, dass es dabei bleibt.

Der Elektrikermeister schaut mit Mitgefühl auf die kleinen Ladenbesitzer, die nun keine Einnahmen mehr haben. „Die merken die Krise ja viel stärker“, sagt Reers und fügt hinzu: „Das A und O ist, dass wir alle gesund bleiben.“

Land will Betrieben Soforthilfe zahlen

Einige Betriebe führen Arbeiten nur noch gegen Vorkasse aus, entsprechende Meldungen gibt es aus dem Kfz-Reparaturbereich. Das fuße aber nicht auf einer Empfehlung der Handwerkskammer, sagt Kammerpräsident Berthold Schröder: „Aber natürlich muss jedes Unternehmen zusehen, dass es seine Liquidität sichert.“ Damit Unternehmen liquide bleiben und auch über den Monatswechsel Gehälter zahlen können, hatte der Bund Soforthilfen für Betriebe beschlossen, die das Land NRW aufstocken will: Ab heute Mittag soll es auf der Internetseite www.wirtschaft.nrw/corona ein Online-Formular geben, mit dem man unbürokratisch finanzielle Unterstützung beantragen kann.

Coronavirus in Hamm - weitere Infos hier:

Wir behalten die Coronavirus-Lage in ganz NRW in unserem fortlaufenden Newsticker im Blick. 

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