Pleitewelle bleibt noch aus

Gastronomen und Händler frustriert über stockende Hilfszahlungen und fehlende Perspektive

Hoffen auf Ostern: Lukas Erfurth (links) und Michael Fischer wollen in der Küche wieder für ihre Gäste kochen in den Wielandstuben in Hamm.
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Hoffen auf Ostern: Lukas Erfurth (links) und Michael Fischer wollen in der Küche wieder für ihre Gäste kochen.

Wann können die Geschäfte und Restaurants wieder öffnen? Viele Inhaber von Geschäften und Unternehmen frustriert die fehlende Perspektive. Zusätzlich haben sie Ärger mit den Überbrückungshilfen.

Hamm – Durchhalten müssen die Betreiber von Restaurants, Bars, dem Einzelhandel sowie deren Gäste und Kunden mindestens noch bis zum 7. März. So lange soll der aktuelle Lockdown aufgrund der Corona-Krise noch dauern, vielleicht sogar nicht länger.

Wirtschaftsverbände kritisieren die bisherigen Hilfen und mahnen eine Öffnungsstrategie an. Bei einem „Frustgipfel“ im Bundeswirtschaftsministerium hatten viele Wirtschaftsverbände ihrem Unmut über die Corona-Politik Luft verschafft. Minister Altmaier versprach Nachbesserungen.

Es ist wichtig, dass der Wirtschaft schnell und unbürokratisch geholfen wird. 

Hamms Wirtschaftsförderer Prof. Dr. Karl-Georg Steffens 

Signale, die den Wirtschaftsförderer Prof. Dr. Karl-Georg Steffens in Hamm (NRW) froh stimmen. „Es ist wichtig, dass der Wirtschaft schnell und unbürokratisch geholfen wird. Dafür kann das Überbrückungspaket III ein geeignetes Mittel sein. Ich habe den Eindruck, dass aus den Erfahrungen der letzten Wochen und Monate die richtigen Lehren gezogen wurden“, so der Wirtschaftsförderer.

Steffens bewertet es als besonders wichtig, dass versprochen wurde, die Überbrückungshilfen des dritten Pakets nicht zurückzahlen zu müssen. Steffens: „Die Rückmeldungen in der Task Force zeigen, dass die Unternehmen diese Gewissheit brauchen, um die vorhandenen Mittel abzurufen. Auch im Bereich der Wirtschaft ist Vertrauen aktuell das höchste Gut, sodass man die geweckten Erwartungen nicht enttäuschen darf“, erklärt der Wirtschaftsförderer.

Branchenexperten: Besonders inhabergeführte Geschäfte werden Krise überstehen

Branchenexperten in Hamm gehen davon aus, dass das gelingen kann und dass es nicht zu vielen Geschäftsaufgaben in der Innenstadt kommen wird. Sowohl aus den Reihen der Einzelhändler als auch aus denen der Gastronomen ist zu hören, dass bislang noch keine Gerüchte die Runde machen, dass der Pleitegeier schon gelandet ist.

Vor allem die inhabergeführten Geschäfte in der Innenstadt würden die Krise überstehen, meinen zahlreiche Insider. Davon geht auch Torsten Cremer aus. Der Vorstandsvorsitzende der Sparkasse Hamm sieht diese Geschäfte recht gut aufgestellt – auch weil sie mit viel privatem Engagement versuchen, die Krise zu überstehen. „In Hamm haben wir viele inhabergeführte Unternehmen. Diese Struktur hilft den Betrieben selbst und uns jetzt auch in Corona-Krisenzeiten, denn die Inhaber fühlen sich nicht nur ihren Mitarbeitern, sondern auch unserem Standort Hamm verpflichtet.“

Chef der Sparkasse: Unternehmer frustriert über stockende Hilfszahlungen

Gleichzeitig hat die Sparkasse aber auch aus den Gesprächen mit den Firmenkunden der Bank einen zunehmenden Unmut über stockende staatliche Hilfszahlungen und hohe bürokratische Hürden bei den Überbrückungshilfen wahrgenommen. „Gerade unsere Kunden im Einzelhandel und Gastgewerbe wünschen sich konkrete Öffnungsperspektiven. Insbesondere in diesen Branchen ist die Lage angespannt, teilweise geht es um die wirtschaftliche Existenz“, heißt es von der Sparkasse.

Das bestätigt auch Matthias Grabitz vom gleichnamigen Modehaus. Er selber habe in der Krise inzwischen Erspartes in sein Geschäft investiert und warte darauf, dass es wieder losgeht. So schlimm die Krise auch sei, auch er hat noch nicht von Geschäften gehört, die in der Innenstadt wegen der Corona-Krise schließen müssten. Allerdings kritisiert er schleppende Hilfe und schwierige Anträge für die verschiedenen staatlichen Hilfen. Da hätten die Steuerberater derzeit viel zu tun.

Steuerberater: Anträge zu Überbrückungshilfen sind sehr komplex

Haben sie auch. Um Missbrauch zu vermeiden, können Corona-Hilfen nur von „prüfenden Dritten“ beantragt werden – etwa von Steuerberatern. Bei ihnen geben sich derzeit die Kunden die Klinke in die Hand. Überbrückungsgeld, Soforthilfen, November- und Dezemberhilfe. Es ist nicht leicht, im Förderdschungel den Überblick zu behalten – auch darum suchen viele Betroffene Hilfe bei einem Fachmann. Die Hilfen sollen eigentlich unbürokratisch und schnell fließen. Fabian Steghaus ist Steuerberater bei „Flottmeyer, Steghaus + Partner mbB“, er beschäftigt sich derzeit täglich mit den Anträgen für seine Mandanten.

Steghaus bezeichnet die Anträge als komplex und vielschichtig und in der Terminologie überwiegend nicht eindeutig. Da würden oftmals Erwartungen bei den Betroffenen geweckt, die nicht wirklich erfüllt werden könnten. Steghaus beschreibt, dass Fixkosten erstattet werden könnten, und in den Anträgen beispielsweise auch Tilgungsleistungen genannt würden. Nun sei aber klar, dass Tilgungen betriebswirtschaftlich gar nicht zu den Fixkosten gezählt werden könnten. „Das schafft eine große Rechtsunsicherheit“, so der Steuerberater.

„Vollständiges Chaos herrscht bei der Frage der Sonderabschreibungen auf Saisonware im Einzelhandel. Hier lässt die Bundesregierung die Betroffenen und die Berater vollkommen im Ungewissen. Weder der Berechnungszeitraum noch die genaue Berechnungsmethode sind nachvollziehbar definiert.“

Chef der Wielandstufen hofft, dass er die Hilfen nicht zurückzahlen muss

Bei vielen Hammer Gastronomen sind inzwischen die November- und Dezemberhilfen angekommen. Lukas Erfurth, Inhaber der Wielandstuben, hat 75 Prozent der Umsätze aus den betroffenen Monaten erhalten und kann damit arbeiten. „Das verschafft uns allen Luft zum Atmen“ sagt er. Nun hofft er darauf, dass er die Summen auch behalten darf und nicht zurückzahlen muss.

Denn die Hilfen im ersten Lockdown musste er zurückzahlen. Wichtig sei ihm eine Perspektive, wann es wieder losgehen kann. Er hofft, dass er zu Ostern wieder hinter dem Herd steht und seine Gäste bekochen kann. Erfurth: „Ich möchte wieder arbeiten und mich nicht um Hilfe und staatliche Subventionen kümmern müssen.“

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