Viele Bevölkerungsgruppen betroffen

Folge der Corona-Pandemie: Immer mehr Hammer psychisch krank

Wenn dunkle Wolken in der Psyche aufziehen: Auch eine Krise wie die Corona-Pandemie kann zum Auslöser für Depression werden. Wege aus ihr sind schwer und eine lebenslange Aufgabe, erzählt ein Betroffener.
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Wenn dunkle Wolken in der Psyche aufziehen: Eine Krise wie die Corona-Pandemie kann zum Auslöser für Depression werden.

Viele Psychotherapeuten in Hamm führen keine Wartelisten mehr: Ihre Praxen sind so überlaufen, dass sie keine Therapieplätze vergeben. Die Coronakrise verschärft die Situation.

Hamm – Kinder, Jugendliche, Eltern, Menschen im Homeoffice, Ältere und Einsame: Diese Menschen leiden laut Prof. Marcel Sieberer psychisch besonders häufig und besonders stark unter der Coronakrise. „Jetzt können Sie fragen, wer dann noch übrig bleibt“, sagt der Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am St.-Marienhospital. Kaum jemand, antwortet Sieberer selbst. Das Coronavirus und die Maßnahmen dagegen belasten fast alle und machen viele psychisch krank. „Es gibt ja kaum einen Lebensbereich, der von den Maßnahmen ausgespart wird.“

Wer dieser Tage mit Psychologen, Psychiatern und anderen Fachleuten für die Seele spricht, gewinnt den Eindruck: Es brodelt bei all den Daheimbleibenden. Die Therapeuten bezeichnen Corona als Brennglas, das aus Problemen Krisen schafft und bestehende Krisen verschärft. „Der Suchtpatient wird süchtiger, der Depressive depressiver, der Ängstliche ängstlicher“, sagt etwa der niedergelassene Psychotherapeut Burkhard Jakisch.

Coronavirus in Hamm: Immer mehr Menschen sind psychisch krank

Da sind die Kinder und Jugendlichen: „Der soziale Austausch mit Gleichaltrigen und in Gruppen gehört zu einem gesunden Aufwachsen“, sagt Sieberer. Fehlt das durch geschlossene Kitas und Schulen, ist die Entwicklung gestört. Begünstigt wird die Störung durch die weggefallenen Tagesstrukturen.

Wer über einen langen Zeitraum immer 110 Prozent gibt, kann irgendwann nicht mehr.

Esther Einbrodt-Sterthoff, Psychologische Psychotherapeutin

Da sind die Eltern. Die niedergelassene Psychologische Psychotherapeutin Esther Einbrodt-Sterthoff beschreibt, dass sie mit vielen Eltern zu tun hat, die sich aufreiben zwischen Homeschooling und Homeoffice. Tagesstrukturen fehlten, Grenzen, bisher geltende Regeln. Viele Eltern arbeiteten ständig. „Wer über einen langen Zeitraum immer 110 Prozent gibt, kann irgendwann nicht mehr.“

Prof. Dr. Marcel Sieberer sagt, die Coronakrise erfasse alle Lebensbereiche - und könne deshalb auch für Menschen in allen Bevölkerungsgruppen psychische Folgen haben.

Da sind die Menschen im Homeoffice: „Bei uns haben sich schon etliche gemeldet, die über das Homeoffice krank geworden sind“, sagt Sieberer. Es fehlten die Kontakte, selbst die soziale Kontrolle: Im Büro merken es Kollegen, wenn man nicht geduscht ist, schon vormittags Alkohol trinkt oder einfach ständig erreichbar ist, ständig arbeitet. „Die soziale Kontrolle schafft viel Positives, das nun entfällt“, sagt Sieberer.

Hinzu kommt die Einsamkeit, ohnehin ein unterschätztes Problem, wie ein niedergelassener Therapeut schildert. Menschen sind soziale Wesen. Fehlen ihnen Kontakte, kann die Seele erkranken.

Und die Älteren? Müssen mit der berechtigten Angst vor dem Coronavirus leben. Diese Angst selbst könne zur Krankheit werden, in eine völlige Isolation führen.

Psychisch krank durch Corona? Datenlage noch schwach

Die Zunahme der psychischen Erkrankungen lässt sich kaum an Zahlen messen. So verzeichnet etwa die Techniker Krankenkasse zwar eine Zunahme an Krankschreibungen wegen psychischer Erkrankungen in NRW, allerdings nur um 3,5 Prozent. Die AOK vermeldet sogar einen Rückgang, mahnt aber selbst zur Vorsicht im Umgang mit der Zahl: „Es ist zu vermuten, dass viele psychisch erkrankte Beschäftigte in der Lockdown-Phase aus Angst vor Ansteckung auf einen Arztbesuch verzichtet haben“, erklärt ein Sprecher.

Gestiegen ist die durchschnittliche Länge von Krankschreibungen wegen psychischer Erkrankungen, sprunghaft um 3,5 Tage auf 29,3 Tage in Westfalen-Lippe. „Damit bekam der Trend der letzten Jahre zu immer längeren Krankschreibungen wegen psychischer Erkrankungen im Pandemie-Jahr 2020 einen weiteren Schub“, erklärt der AOK-Sprecher.

Therapeuten: Anstieg der Anfragen um etwa 30 Prozent

Bei den Hammer Therapeuten klingelt aktuell jedenfalls häufiger als sonst das Telefon. Einbrodt-Sterthoff sagt, dass sich etwa 30 Prozent mehr Menschen meldeten als noch vor einem Jahr.

Die zusätzliche Nachfrage lenkt den Blick auf ein weiteres Problem: In Hamm fehlen Therapeuten, seit Jahren schon. Mehrere Psychiater und Psychotherapeuten führen seit Jahren keine Warteliste mehr. „Wenn Sie eine Liste haben mit 50 Namen und wissen, die brauchen alle Hilfe, Sie können aber nicht helfen, weil Sie schon alles geben, dann setzt das sehr unter Druck“, sagt ein Therapeut, der seinen Namen nicht veröffentlicht wissen möchte. Er selbst führe keine Warteliste mehr, das sage er auch den Anrufern. Wird doch mal ein Platz frei und er nimmt jemanden auf, habe der in der Regel mehr als ein Jahr darauf gewartet.

Einen Therapeutenmangel gibt es auch andernorts. In Hamm tritt er aufgrund von zwei Effekten besonders stark auf: Zum einen hielten viele junge Therapeuten die Stadt nicht für attraktiv, wollten beispielsweise lieber in Münster arbeiten, sagt der Therapeut. Hinzu kommt, dass arme Menschen tendenziell häufiger psychisch krank werden – und in Hamm sind die Einkommen niedriger als im Durchschnitt in NRW.

Berücksichtigt die Bundesregierung die psychischen Folgen bei der Pandemiebekämpfung zu wenig? So einfach machen es sich die Psychiater und Therapeuten dann auch nicht. „Das Einzige, was die Infektionszahlen runterbringt, sind Kontaktbeschränkungen“, sagt Sieberer. Die Politik müsse die Infektionszahlen minimieren, also führe an der Kontaktbeschränkung trotz der Folgen wenig vorbei.

Psychische Erkrankungen verhindern: So können Sie vorsorgen

Die Therapeuten raten daher zur Vorsorge. „Wir haben uns früher das Telefon geschnappt, uns in eine Ecke der Wohnung verzogen, wo wir ungestört waren, und dann erst mal zwei Stunden mit der Freundin gequatscht“, sagt Einbrodt-Sterthoff. Das tue auch jetzt gut.

Weitere Tipps: sich eine Struktur schaffen, Rücksicht aufeinander nehmen, Sport machen, gesund essen, genug schlafen.

„Und seien Sie achtsam im Alltag“, sagt Einbrodt-Sterthoff. Wer die Kassiererin im Supermarkt unter der Maske freundlich anlächelt und ihr einen schönen Tag wünscht, hebt ihre Laune – und die eigene gleich mit.

Psychologen: Bei diesen Warnzeichen zum Arzt

Ist man wirklich krank, hilft allerdings auch das freundlichste Hallo nicht weiter. Ob man Hilfe braucht, fühle man oft selbst. „Man weiß meist, wenn man jemand Externen braucht, um die Dinge zu sortieren“, sagt Einbrodt-Sterthoff. Sie nennt einige Warnzeichen: Hat man Panikattacken, schläft schlecht, isst auffällig viel oder auffällig wenig? Fehlt die Freude an Dingen, die sonst Spaß machen? Dann kann ein Besuch beim Therapeuten Sinn ergeben.

Aber was, wenn keiner Zeit hat? Dann solle man sich an Hausarzt wenden oder gleich ans Marienhospital. „Und man kann es in einer Praxis versuchen. Vielleicht hat man ja Glück“, sagt Einbrodt-Sterthoff.

Kontakt: Wichtige Telefonnummern für den Notfall

Neben dem Hausarzt gibt es folgende Ansprechpartner bei psychischen Problemen: die Telefonseelsorge 0800/1110111, online unter online.telefonseelsorge.de. Ansprechpartner ist außerdem die Ambulanz der Psychiatrie am St.-Marien-Hospital: Rufnummer 02381/182546, für Kinder und Jugendliche ist es die LWL-Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, zu erreichen unter der Rufnummer 02381/8930.

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