Corona machts möglich

Fast insolvent – und plötzlich relevant: Die Firma Advansa stellt Fasern für Gesichtsmasken her

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Advansa produziert Fasern, die in Schutzmasken verarbeitet werden.

Ohne Advansa hätte das Corona-Virus wohl freie Bahn. Das Hammer Unternehmen stellt Polyesterfasern für Gesichtsmasken, OP-Kleidung und Laborkittel her.

Hamm – Der Mittelständler, der einst aus dem DuPont-Konzern hervorging, versorgt den europäischen und amerikanischen Markt praktisch allein und hat die Produktion in diesem Bereich deutlich ausgeweitet. Die Firma hat gerade erst ein Insolvenzverfahren hinter sich, spielt jetzt aber eine systemrelevante Rolle.

Lebensversicherung für Ärzte

Die Persönliche Schutzausrüstung (PSA) ist die Lebensversicherung für Ärzte und Pfleger, die Corona-Patienten betreuen. Masken, Kittel und antibakterielle Tücher werden aus einem Vlies gefertigt, das aus Zellulose und Kunststofffasern besteht. Und diese Fasern entstehen bei Advansa. Geschäftsführer Dr. Heinz Meierkord spricht von Kurzschnitt- und Stapelfasern, die dem Vliesstoff Stabilität geben. Man produziere im Uentroper Werk bereits seit Langem für den medizinischen Bereich, die Qualitätsanforderungen seien hoch.

Um diese Fasern geht es.

Die weltweite Nachfrage nach Filtern, Masken und Schutzkleidung macht sich in der Auftragslage für Advansa deutlich bemerkbar. Der Bedarf der Vlieshersteller sei extrem hoch, sagt Meierkord. Man habe die Produktion hier deutlich ausgeweitet, stelle aktuell „40 bis 50 Prozent“ mehr Fasern als in den Vormonaten her. 110 Mitarbeiter seien üblicherweise in der Produktion im Uentroper Werk tätig, derzeit habe man durch Leiharbeiter noch aufgestockt. Das Unternehmen suche auch noch qualifizierte Mitarbeiter, beispielsweise Elektriker.

In Europa fast alleine

Dass sich in der Welt der Vliesproduzenten alle Augen auf Advansa richten, liegt nicht nur an der corona-bedingt generell gestiegenen Faser-Nachfrage – Advansa ist nach eigener Darstellung das einzige Unternehmen der westlichen Welt, das überhaupt in größerem Stil liefern kann. Weltweit gebe es nur wenige Hersteller in dem Segment, sagt Meierkord. In Europa habe man nur kleinere Mitbewerber, in Amerika gar keine. Weil asiatische Faserproduzenten derzeit ihre regionalen Märkte versorgten, beliefere Advansa Europa und Amerika praktisch allein. Die größten Kunden befänden sich in Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und den USA.

Geschäftsführer Dr. Heinz Meierkord sucht noch qualifizierte Mitarbeiter, beispielsweise Elektriker.

Die Preise sollen dabei Meierkord zufolge im Rahmen bleiben. Man wolle sich an langjährigen Kunden nicht bereichern und die Geschäftsbeziehungen auch nach der Corona-Krise noch pflegen. Erhöhte Nachfrage registriere man auch bei Fasern, die für die Tapetenproduktion benötigt werden, merkt der Geschäftsführer an. Das sei möglicherweise eine Folge des Heimwerker-Booms in Corona-Zeiten. Der medizinische Bedarf habe aber Vorrang.

Insolvenzverfahren erst im Februar abgeschlossen

Advansa hatte erst im Februar ein Insolvenzverfahren abgeschlossen und gehört seitdem einer niederländischen Holding. Für die Unternehmensführung hat das Nachwirkungen, wie Meierkord sagt. Als Teil einer Holding erhalte man im Ernstfall keine staatlichen Hilfen für klein- und mittelständische Betriebe. Dem Auftragsboom im Medizinbereich steht nach Unternehmensangaben ein deutlicher Rückgang bei Fasern für Heimtextilien gegenüber.

Lösung für "Advansa" in Uentrop: Zitterpartie beendet, Jobs gesichert

Bei Lieferanten, so Meierkord, bekomme man kurz nach einer Insolvenz keinen Kredit, Advansa müsse Rohstoffe sofort bezahlen und auf die Liquidität achten. Der Nachschub mit Polyester-Chips funktioniere aber, langjährige Partner wie die indonesische APF-Gruppe und der Uentroper Nachbar Reiling hätten sich als verlässlich erwiesen. Die Entwicklung der letzten Monate sei bei Advansa erstaunlich gewesen, sagt Meierkord: vor zwei Monaten noch insolvent und plötzlich systemrelevant.

Das ist Advansa

Advansa entstand 2000 als Joint Venture des US-Konzerns DuPont Nemours und der türkischen Sabanci Holding, die 2004 die DuPont-Anteile übernahm. 2011 verkaufte Sabanci die Tochterfirma an eine Investorengruppe. Pensionslasten aus der DuPont-Zeit brachten das Unternehmen 2019 in Schieflage. Ein Insolvenzverfahren in Eigenverantwortung endete im Februar 2020 mit der Übernahme durch die niederländische Investmentgruppe Sverige Netherlands.

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