"Wie soll ich einem Einjährigen sagen, dass er nichts in den Mund nehmen soll?"

Eltern und Erzieher fordern klaren Plan für den Weg zurück in die Kita-Normalität

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Erzieher wollen zurück zum Vor-Corona-Alltag. Doch unter welchen Bedingungen soll das klappen, ohne dass sich das Virus stark ausbreitet?

Viele Eltern rotieren, um ihre Kinder zu Hause zu betreuen und zugleich zu arbeiten. Wenn die Kitas wieder öffnen, könnte ihnen das Erleichterung bringen. Doch Erzieher und Eltern in Hamm sehen Hürden auf dem Weg zurück in die Normalität.

Hamm – Zwölf von 16 Kindern aus der Gruppe von Miriam Vogt könnten theoretisch in die Kita kommen – ihre Eltern haben einen Betreuungsanspruch, weil sie ins systemrelevanten Berufen arbeiten. „Aktuell kommt kein einziges“, sagt Vogt, stellvertretende Leiterin der Kita Grashüpfer in Berge. Stattdessen rotieren die Eltern, erzählt sie. Wie lange das noch anhalten soll, darüber berieten gestern Politiker in Berlin und Düsseldorf.

Vogt berichtet zum Beispiel von einem Feuerwehrmann und einer Krankenschwester, die ihre Schichten immer gegenläufig legen, so dass sie neben der Arbeit die Kinderbetreuung selbst gewährleisten. Zeit zum Durchatmen bleibt ihnen wohl nicht. „Diese Zeit ist ein Kraftakt für viele Eltern“, sagt die Erzieherin.

Sie findet, dass ein Weg zurück zur Normalität gefunden werden muss – ist aber unsicher, wie der aussehen könnte. Damit ist sie nicht allein. Beispiel Hygieneregeln: Einigen Fünf- und Sechsjährigen kann man vermitteln, dass sie Abstand halten und sich die Hände waschen sollen. „Aber wie soll ich einem Einjährigen sagen, dass er nichts in den Mund nehmen soll?“, fragt Vogt.

Es fehlt auch Ausrüstung, etwa Mundschutz für die Erzieher. „Ich habe versucht, welchen zu kaufen. Aber die Preise sind astronomisch“, sagt Mechthild Jereshof. Sie leitet die Kita Spatzennest im Hammer Süden. Die Wissenschaftliche Akademie Leopoldina hatte vorgeschlagen, dass angehende Schulkinder zuerst zurück in die Kitas kommen sollten. Zugleich sollten höchstens fünf Kinder eine Gruppe besuchen. In der Kita Spatzennest gibt es nur Platz und Personal für zwei Gruppen, also zehn Kinder – aber in diesem Jahr besuchen zwölf angehende Schulkinder die Einrichtung. Dazu kommen ein bis zwei Kinder in der Notbetreuung. „Welchen Eltern soll ich sagen, dass sie ihre Kinder nicht bringen können?“, fragt Jereshof.

Corona-Krise in Hamm: Bedarf für Notbetreuung steigt

Dazu kommt das Alter des Personals. Jereshof zählt wie viele ihrer Kolleginnen zur Risikogruppe. Soll sie arbeiten? Das von ihren Kolleginnen verlangen? Für eine Entscheidung fehlen ihr verbindliche Regeln.

Auch der Jugendamtselternbeirat der Stadt Hamm fordert einen klaren Plan für die Kita-Öffnung. Das Gremium vertritt die Eltern der 7.300 Kita-Kinder in Hamm. Es fordert Regeln zu Datum, Gruppengröße, Alter und den geplanten Umgangsformen. „Wir wollen schließlich verhindern, dass die Kinder sich anstecken und das Virus am Ende weiter verbreiten“, sagt die Vorsitzende Ricarda Müller.

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