Versorgung auf Dauer schwierig

Drei weitere Arztpraxen in Hamm schließen - kaum Patienten durch Corona

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Dr Matthias Bohle hatte in seiner Praxis zuletzt zwischen den wenigen Terminen auch mal Zeit für Liegengebliebenes.

Hamm - Zahlreiche Patienten gingen während des Lockdowns nicht zum Arzt, sie fürchteten eine Ansteckung. Die Zahl der Behandlungen sank deutlich, teils auf ein Drittel des Normalen. Nun kehren die Patienten zurück – doch bald werden sich die nächsten Hammer neue Ärzte suchen suchen müssen.

Drei weitere Hausarztpraxen in Hamm stehen vor dem Aus. Das sagt Dr. Matthias Bohle, Sprecher des Hammer Ärztevereins. Um welche Praxen es geht, wollte er noch nicht sagen. Die Zahl der Hausärzte wird in Hamm damit wohl noch im Sommer auf 89 sinken.

Bereits Ende Dezember hatten zwei Hausarztpraxen geschlossen, bis März drei weitere. Offenbar wurde für keine der Praxen ein Nachfolger gefunden. Auch die Ärzte, die ihre Praxen nun abgeben wollen, haben wohl keine Nachfolger, wie Bohle sagt.

Corona: Deutlich weniger Patienten als üblich

Und doch: Wer in diesen Tagen zum Arzt musste, sitzt oftmals in leeren statt in vollen Praxen. „Wenn man den finanziellen Aspekt außen vor lässt, hätte ich ruhig so weiterarbeiten können“, sagt Bohle. Er ist selbst Allgemeinmediziner und Diabetologe. Mitte März bis Anfang April lag die Zahl der Patienten, die seine Praxis aufsuchten, bei einem Drittel des Normalen. „Ich konnte Arbeit aufholen, für die mir sonst immer die Zeit fehlt“, sagt er.

Noch eine Hausarzt-Praxis weniger - So geht es jetzt weiter

Denn mit dem Lockdown gingen nicht nur die Zahlen der Coronainfektionen zurück. Die Hammer hatten auch weniger Erkältungen, Magen-Darm-Infekte, waren seltener in Unfälle verwickelt. Das haben neben Bohle auch weitere Ärzte beobachtet. Außerdem suchten weniger Menschen die Praxen auf, weil sie sich dort nicht anstecken wollten.

Zahnärzte besonders hart getroffen

Diese Zurückhaltung traf insbesondere die Zahnärzte hart – und indirekt auch die Patienten. Dr. Josef Sobek, Zahnarzt in Bockum-Hövel, warnt, dass gerade Probleme an den Zähnen größer würden, wenn man sie nicht angeht. „Dabei sind die Hygienevorschriften in den Zahnarztpraxen ohnehin so hoch wie in keiner anderen Fachrichtung“, sagt Sobek, der auch Bezirksstellenvorsitzender der Zahnärzteschaft in Hamm ist. 110 bis 120 Zahnarztpraxen gebe es in Hamm, nicht eine habe wegen Corona schließen müssen, es habe dort keine Infektionen gegeben.

Hausarztmangel in Hamm akut: Jetzt packt die Politik das Thema an

Dafür wurde die Zurückhaltung der Patienten zum handfesten wirtschaftlichen Problem. Sobek zufolge arbeiten allein in Hamm etwa 1.000 Menschen direkt oder indirekt in den Zahnarztpraxen. Diese seien heutzutage aber längst nicht mehr so profitabel wie einst. Das Gehalt sei in etwa so hoch wie das eines Gymnasiallehrers – bei einem deutlich höheren wirtschaftlichen Risiko.

Einige Praxen stehen vor dem Aus

Während der Pandemie hatten einige Zahnärzte lediglich nur noch 20 bis 30 Prozent des normalen Patientenaufkommens. „Ich gehe davon aus, dass dem ein oder anderen im Laufe dieses Jahres die Puste ausgeht“, sagt Sobek. Genau zeigt sich das im Herbst, wenn die Abrechnung abgeschlossen ist. Immerhin: Die zahnärztliche Versorgung in Hamm ist gut, es gibt genug Zahnärzte. Und die Patientenzahlen steigen wieder.

Besonders stark hat die Corona-Pandemie auch die Hammer Kinderärzte getroffen. Gerade in den Kitas und Schulen breiten sich Viren und Bakterien sonst stark aus. Als sie geschlossen wurden, sank auch die Zahl der Patienten auf etwa die Hälfte des normalen Niveaus. „Jetzt kommen die Ersten wieder. Wir hatten in dieser Woche erstmals wieder einen Schulunfall“, sagt etwa Dr. Hendrik Staender, Kinder- und Jugendarzt.

Während der Pandemie wurde Neues ausprobiert

Die Pandemie war für ihn auch die Zeit, Neues auszuprobieren. So testete er eine Videosprechstunde, Fotos beispielsweise zu Erkrankungen schickten Patienten per Mail. „Wir müssen jetzt prüfen, ob wir das fortführen“, sagt er.

Wie sich die Pandemie wirtschaftlich auf diese Praxen auswirkt, ist ebenso unklar wie bei den anderen Fachrichtungen. Auch hier erfolgt die Abrechnung erst im Herbst. „Für eine kurze Zeit können wir das schon verschmerzen“, sagt Dr. Staender.

Ähnliches berichtet der Frauenarzt Dr. Martin Linka: „Ich mache mir mehr Sorgen darum, wie es am Ende des Sommers in derHammer Innenstadt aussieht und um den Einzelhandel steht, als um meine finanzielle Situation.“ Auch seine Praxis lief weiter, wenn auch mit weniger Patienten. Doch inzwischen normalisiere sich die Lage auch hier.

Coronavirus in Hamm - weitere Infos:

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