Andreas Beiske

Dankbar für das Leben: Ein Risikopatient erzählt, wie sich Corona auf seinen Alltag auswirkt

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Rauhaardackel Filou begleitet Andre Beiske bei jedem Spaziergang.

Mehr als 31 Jahre lang lebt Andre Beiske mit einer Spenderniere – ein so langes Leben wagte ihm 1988 nach der Operation niemand vorherzusagen. Die Coronazeit verbringt er weitgehend zuhause, wo ihm immer bewusster wird, wie wertvoll und schützenswert das Leben und die Umwelt sind.

Hamm – Positiv zu denken, ist Andre Beiske nicht immer gelungen. Mehrere Male stand sein Leben auf der Kippe, dennoch ist der Uentroper ein fast unerschütterlicher Optimist. Vor allem aber ist er dankbar – für die medizinischen Möglichkeiten, durch die er überhaupt noch lebt. Dankbar auch den Menschen, die hinter der Medizin stecken und sich um ihn gekümmert haben.

„Für mich ist das Leben perfekt gelaufen“, sagt Andre Beiske. Ironie liegt ihm fern, auch wenn die vergangenen 30 Jahre seines Lebens geprägt waren von Dialyse und Nierentransplantation sowie später unter anderem von zwei Herzinfarkten und einem Aneurysma. Perfekt nennt der Uentroper sein Leben schon deshalb, „weil ich eigentlich gar nicht mehr da wäre, wenn es die Medizin nicht gäbe“.

Letztes Heimspiel muss ausfallen

Mit seinen Vorerkrankungen gehört der 54-Jährige zur Risikogruppe, er ist schon zu Hause geblieben, da war der Shutdown noch nicht ganz ausgesprochen. Auf Drängen seiner Frau und Anraten seiner Ärztin. „Eigentlich wollte ich noch zum letzten Heimspiel nach Dortmund“, erzählt der leidenschaftliche BVB-Fan. Seit 35 Jahren ist er als Dauerkarten-Besitzer seinem Verein treu. „Die Kumpels allein zum Spiel gehen zu lassen, tat schon weh. Das ist immer ein schönes Ritual. Aber rückblickend bin ich natürlich heilfroh, dass ich nicht dort war.“

Mit seiner Krankheitsgeschichte hat Andre Beiske mehrmals leidvoll erfahren, was es bedeutet, mitten aus dem Leben gerissen zu werden. Als junger Mann und Leistungssportler ging er zur Musterung – und von dort aus direkt ins Krankenhaus. Zwei Jahre lang versuchten Ärzte, seine entzündeten Nieren zu heilen, es wurde nicht besser. „Mein Leben sackte innerhalb eines Tages von 100 auf Null“, erinnert sich Beiske, alles drehte sich um die Krankheit. Er wurde Dialyse-Patient und kam auf die Spenderliste. „Heute warten Patienten traurigerweise viel länger, ich bekam 1988 eine Spenderniere – nach zwei Jahren Wartezeit.“

Wenige Monate nach der OP zum Skifahren

Er wusste, dass das Leben mit einem Spenderorgan hätte kurz werden können. „Vielleicht hätte mich das runtergerissen, aber ich hatte einen tollen Arzt“, schwärmt er noch heute. „Er hat mich nach der Transplantation mit seiner positiven Art mitten ins Leben zurück katapultiert.“ So schickte der Arzt ihn wenige Monate nach der Operation zum Skifahren. Und zur Arbeit. Er lernte seine Frau kennen, mit der er bis heute glücklich zusammenlebt und die ihm eine große Unterstützung ist. Andre Beiske war zurück.

Der Uentroper lebte so normal, wie es mit einer Spenderniere eben ging. Und zwar für lange Zeit. Vor 14 Jahren dann ein Schock: Er brach zusammen, erlitt eine autoimmunhämolytische Anämie, die ihn lahmlegte. Drei Monate verbrachte er im Krankenhaus. Auch das steckte er weg. Ein Aneurysma an der Niere bescherte ihm die nächste OP, doch Beiske ließ sich nicht unterkriegen. „Erst als ich 2017 einen Herzinfarkt hatte, war ich körperlich und mental sehr angeschlagen“, sagt der 54-Jährige mit Blick zurück. „Da brauchte ich richtig Kraft, um aus dem Loch wieder rauszukommen.“ Er kennt die Angst, die einen ins Krankenhaus begleitet, die Fragen: Was wütet da in mir? Kann ich es besiegen? Überlebe ich das?

Das ganze Leben neu überdacht

Nach einem zweiten Herzinfarkt im vergangenen Jahr ist seine Dankbarkeit gegenüber der Medizin noch weiter gestiegen. Auch hier wurde er in der darauffolgenden ambulanten Reha in Hamm von Ärzten, Psychotherapeuten, Physiotherapeuten und Pflegekräften gut versorgt. Er befürwortet schon deshalb sehr, dass die Hilfe im medizinischen und sozialen Bereich zukünftig besser vergütet werden muss.

Nach diesem zweiten Infarkt hat sich das Leben des Uentropers noch mal verändert: „Mit Stent und Bypässen habe ich mein Leben neu überdacht.“ Da er seit dem zweiten Herzinfarkt krank geschrieben ist, hat Andre Beiske schon vor dem Ausbruch der Pandemie und dem Shutdown viel Zeit im Haus und im Garten verbracht.

Umweltschutz für Beiske ein großes Thema

Er nimmt sich viel Zeit zum Lesen und zum Nachdenken. „Durch die vielen Informationen aus Büchern, aus Fernsehen und Internet, aber auch von meinen Reisen an manch schönen Ort dieser Welt weiß ich, wie schützenswert unser Planet ist“, beschreibt der Uentroper seine Erkenntnis.

Und er bewundert die vielen jungen Menschen, die sich sozial engagieren. „Meine Neffen sind zwischen 25 und 30 Jahre alt“, sagt er. Sie haben ihn und seine Frau in den selbst auferlegten Quarantäne-Wochen sehr unterstützt. „Diesen nächsten Generationen sollten wir unbedingt einen Planeten hinterlassen, der die Lebensgrundlagen bietet, die wir selbst genießen durften und dürfen.“

Zeit für Erholung und Dackel Filou

Im Moment nutzt Beiske den „Zwangsstillstand“, um sich zu erholen. Seine Frau hat dankbar die Möglichkeit angenommen, Homeoffice zu machen, sodass er keinem Risiko ausgesetzt war. Rauhaardackel Filou sorgt für ein gesundes Maß an Bewegung. „Unser Leben und unsere Lebensbedingungen sind wirklich erhaltenswert.“

Deshalb sagt er heute auch: „Ich war immer schnell online, nun kaufe ich bewusst nur noch im Einzelhandel vor Ort.“ Er möchte mehr Nachhaltigkeit in sein Leben einbauen – und spätestens, wenn Corona Geschichte ist, von seinem Glück etwas zurückgeben. „Ich habe mir vorgenommen, mit Filou ältere Menschen zu besuchen und vielleicht gemeinsame Spaziergänge zu machen.“ Als Optimist weiß er: Das Leben hält noch einiges für ihn bereit.

Zur Person

Andre Beiske hat vor 31 Jahren eine Spenderniere bekommen. Seine Prognosen auf ein langes Leben waren eher verhalten, deshalb fühlt er sich heute, mit 54 Jahren, „ziemlich alt“ beziehungsweise schaut er glücklich auf ein langes Leben. Beiske ist gebürtiger Hammer, hat zwischendurch ein paar Jahre in Münster gewohnt und studiert, bevor 1991 er in seine Heimat Uentrop zurückkehrte, wo er bis heute mit seiner Frau wohnt. Er arbeitet als Buchhalter in Dortmund. Nach Corona möchte er sich ehrenamtlich stärker engagieren.

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