Was passiert auf Intensivstation?

„Das ist kein Todesurteil“: Hammer Chefärzte äußern sich zur Corona-Gefahr und geben interessante Einblicke

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Symbolbild.

Zwei Chefärzte aus Hamm, die in den zurückliegenden Wochen viele Corona-Patienten auf der Intensivstation behandelt haben, geben Einblicke in die Therapie und äußern sich zur Infektionsgefahr.

Hamm – Die Nulllinie kommt allmählich wieder in Sichtweite. Nach neun Wochen Corona in Hamm sind die Fallzahlen wieder so wie zum Ende der ersten Krisenwoche. Die Wahrscheinlichkeit, sich bei einer Zufallsbegegnung im öffentlichen Raum mit dem Virus zu infizieren, ist auch nach Einschätzung der Chefärzte Prof. Dr. Dirk Böcker (Marienhospital) und Dr. Markus Unnewehr (Barbaraklinik) mittlerweile äußerst gering. Vorausgesetzt, dass man die Hygiene- und Abstandsregeln beachte und eine Schutzmaske trage, gebe es keinen Grund mehr, sich von der Umwelt zu isolieren, sagen die beiden Mediziner. Auch ältere Menschen könnten sich in Hamm wieder sorgenfrei bewegen.

Corona-Erkrankung Hauptgrund für Klinikaufenthalt

Böcker und Unnewehr zählen zur Gruppe derjenigen Ärzte, die in Hamm die schweren und schwersten Fälle behandelt haben. 36 Menschen sind im Lauf der Pandemie gestorben. Fast alle hatten mehrere Vorerkrankungen und waren hochbetagt. Der Grund für die Behandlung im Krankenhaus war dann aber mehrheitlich die Virusinfektion, sagen die beiden Chefärzte. Wegen ihrer übrigen Gebrechen hätten diese Patienten nicht zwangsläufig in die Klinik gemusst.

Dr. Markus Unnewehr (Barbaraklinik)

Bei 15 Patienten sei die Lungenkrankheit Covid-19 besonders stark ausgebrochen. Der Verlauf sei so gewesen, wie er auch von Ärzten aus anderen Teilen Deutschlands und des Auslands geschildert wird: „Zunächst treten Atembeschwerden auf. Die Patienten werden in dieser Phase beatmet. Schwierig wird es dann jedoch insbesondere für ältere Patienten, wenn sie zusätzlich Erkrankungen des Herz-/Kreislaufsystems vorweisen“, sagt Unnewehr. „Der Kreislauf wird dann von dem Virus gezwungen, einen Marathon zu laufen. Und das kann der Körper vielfach nicht mehr. Daraus resultiert die hohe Sterblichkeit. Die Menschen sterben an Herz-/Kreislaufversagen.“

Patientin nach mehreren Wochen von Intensivstation entlassen

Die Behandlung auf der Intensivstation sei aber vielfach auch erfolgreich verlaufen. Erst gestern wurde eine Patientin, die seit März im Marienhospital behandelt und über mehr als vier Wochen beatmet worden war, von der Intensivstation entlassen. Für diese Frau werde nun eine Art Reha-Behandlung folgen. Bis sie wieder komplett gesundet sei, würden noch viele Wochen ins Land gehen, sagt Böcker.

Prof. Dr. Dirk Böcker

Auch in der Barbaraklinik habe es zwei solcher absoluten Extremfälle gegeben, ergänzt Unnewehr. Überhaupt: „85 Prozent der Klinikpatienten in Hamm sind genesen worden“, sagen die beiden Mediziner. Auch demjenigen, der sich mit 85 Jahren infiziere, könne geholfen werden. „Ein positiver Befund ist auch in diesem Alter kein Todesurteil.“

Sterblichkeit bei Menschen unter 40 bei 0,2 Prozent

Dass die Todesrate in Hamm relativ hoch sei, liege in erster Linie daran, dass das Virus zu einem relativ frühen Zeitpunkt in zwei Altenheimen kursierte. „Es hängt davon ab, wen man testet und wer sich infiziert hat“, sagt Böcker. Bei gesunden Menschen unter 40 – dazu dürften etwa die Urlaubsrückkehrer aus den Skigebieten gehören – liege die Sterblichkeit bei 0,2 Prozent, bei über 85-Jährigen aber ist der Wert immerhin bei 15 Prozent angesiedelt.

Die Tücken des Coronavirus haben sich auch in Hamm gezeigt. Die höchste Übertragungsrate ist gegeben, noch ehe ein Infizierter Symptome zeigt. Trifft es nun Altenheim- oder Krankenhauspersonal, so verbreitet dieses den Erreger unbemerkt auf den Stationen. Das war auch in Hamm der Fall, bestätigen die beiden Ärzte.

Auch eine Klinik hätte gereicht

Ist hingegen das Virus bei einem Patienten nachgewiesen, gebe es kaum eine Gefahr, dass sich das Personal bei ihm ansteckt – allein schon wegen der umfangreichen Schutzkleidung. Das werde durch Studien belegt. Auch an der Barbaraklinik läuft zurzeit ein solcher Test.

Fazit der beiden Mediziner: „Es gab nie eine wirklich große Zahl von Covid-19-Patienten in Hamm. Wir hätten sie auch alle problemlos in einer Klinik behandeln können.“

Coronavirus in Hamm - weitere Infos:

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