Gefühlt die Ruhe vor dem Sturm

Hammer Arzt Vincenzo Saponaro warnt vor Lockerung der Corona-Maßnahmen

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Vincenzo Saponaro, Arzt in der Barabarklink, spricht in Zeiten von Corona über die Behandlung hier und in Italien.

Hamm - Der Hammer Arzt Vincenzo Saponaro blickt sorgenvoll auf Italien, wo ein Teil seiner Familie lebt. Mit dem Wissen unter anderem um die dramatische Entwicklung im Süden Europas warnt er in Deutschland vor einer Lockerung der Corona-Maßnahmen.

In Italien sind nach Angaben der amerikanischen Johns Hopkins University inzwischen mehr als 128.000 Menschen an Covid-19 erkrankt, mehr als 15.800 sind an dem Virus gestorben. Für Vincenzo Saponaro sind das mehr als nur erschütternde Zahlen aus einem anderen EU-Staat. Der 30-jährige Hammer hat enge Bindungen nach Italien: Seine Eltern leben in Venedig, seine Schwester in Padua und seine Freundin Alice auf Sardinien. 

Saponaro selber kämpft in Hamm gegen Covid-19. Er ist Anästhesist in der Barbaraklinik und wird seit Januar auf der Intensivstation eingearbeitet – hier, wo genau wie im EVK schwer kranke Corona-Patienten behandelt werden sollen. „Wir haben hier gefühlt die Ruhe vor dem Sturm. Noch ist die große Welle nicht in bei uns angekommen“, sagt Saponaro. Aber die Vorbereitungen laufen.

Coronavirus in Hamm: Mehr Kapazitäten auf Intensivstation

„Alle nicht lebensnotwendigen Operation sind abgesetzt worden, damit genügend OP-Betten frei sind für Corona-Patienten, die beatmet werden müssen“, schildert der junge Anästhesist. Die Kapazitäten auf der Intensivstation seien stark heraufgefahren worden. Alles, um bestmöglich vorbereitet zu sein. 

Wer hat die höheren Überlebenschancen?

Die Vorbereitung soll besser sein als in Italien: „Dort herrschen unvorstellbare Zustände“, sagt Saponaro, dessen Vater in Rom geboren wurde, während seine Mutter aus Hamm stammt. Das Gesundheitssystem in Italien sei völlig überlastet. Ärzte müssten entscheiden, welcher Corona-Patient eine höhere Überlebenschance habe und deshalb in einem Intensivbett behandelt werde und welcher Patient nicht therapiert werde. Saponaro: „Viele Todesfälle wären aus medizinischer Sicht nicht notwendig gewesen, wenn es nur genügend Ressourcen gäbe.“ Zum Vergleich: In Italien gibt es 5.000 Intensivbetten für 60 Millionen Menschen, in Deutschland 28.000 Intensivbetten für 82 Millionen Menschen.

Doch das sei eine trügerische Sicherheit, warnt der 30-jährige Mediziner. „Man kann noch so viele Intensivbetten haben, wenn sich das Virus zu schnell verbreitet, knickt jedes Land ein.“ 

"Keine Waffen gegen das Coronavirus"

Deshalb hält er überhaupt nichts davon, dass jetzt Stimmen aufkommen, die Kontaktsperre baldmöglichst wieder aufzuheben, damit die Wirtschaft nicht zu sehr leide. Der oft genannte Vergleich zur Influenza sei aus seiner Sicht irreführend. Und im Gegensatz zum Corona-Virus könne man sich gegen eine Influenza mit einer Impfung zur Wehr setzen. „Gegen das Coronavirus haben wir keine Waffen“, macht der Mediziner klar. 

Deshalb sei es ja so wichtig, dass die Menschen so wenig Kontakt zu anderen haben, wie nur irgend möglich, damit sich möglichst wenige anstecken. „Wir brauchen die Zeit, um die Corona-Kranken, die es schon gibt, gut versorgen zu können“, so Saponaro. Und: „Wir brauchen die Zeit für die Forscher, um Medikamente und Impfstoffe gegen das Virus herstellen zu können.“ 

Strikte Ausgangssperren

Während viele Virologen davon sprechen, durch die Kontaktsperre müsse die Kurve der Neuansteckungen abgeflacht werden, um Zeit zu gewinnen, wählt der 30-jährige Anästhesist das Bild eines schützenden Damms: „Wenn nur ein paar Tropfen herüberschwappen, können wir das beherrschen, wenn aber der Damm bricht, gerät alles außer Kontrolle.“ So wie in Italien mit seinen über lange Zeit täglich mehr als 800 Toten. 

Deshalb sei es so wichtig, sich hier in Deutschland an die Vorgaben der Regierung und des Robert-Koch-Instituts zu halten und nicht in Gruppen raus zu gehen. Saponaro: „Wenn selbst die Italiener, die sich normalerweise morgens in der Cafébar und abends auf der Piazza treffen, sich an die strikten Ausgangssperren halten, müssten die Deutschen das doch auch können.“

Ausgangssperre verlängert

Es gebe ja einen ersten Hoffnungsschimmer: In Italien flacht die Kurve der Neuansteckungen seit einigen Tagen langsam ab. Und trotzdem wurde die Ausgangssperre in Italien gerade erst einmal bis Ostern verlängert. 

Dort in Italien wird wahrscheinlich Saponaros Freundin Alice helfen müssen, die Ärzte im Kampf gegen Covid-19 zu entlasten. „Eigentlich sollte auch sie im März an der Barbaraklinik als Ärztin anfangen, erzählt der 30-Jährige. Doch sie darf nicht nach Deutschland. Denn in Italien gebe es Überlegungen, Studenten, die wie Alice gerade ihr Medizinstudium abgeschlossen haben, direkt als Hausärzte einzusetzen, um dem Ärztemangel in Italien entgegenzusteuern. Die Krankenhausärzte könne man schließlich nicht abziehen.

Saponaro: „Alice und ich hatten uns gefreut, nach langer räumlicher Trennung endlich zusammenziehen zu können. Und jetzt kommt uns das Coronavirus dazwischen.“

Coronavirus in Hamm - weitere Infos:

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