Allein in den Tod

"Wo bleibt die Menschlichkeit": Mutter darf sterbenden Sohn nicht mehr sehen

Wegen Corona-Regeln: Mutter aus Hamm darf nicht zu sterbendem Sohn ins Krankenhaus
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Wegen Corona-Regeln: Mutter aus Hamm darf nicht zu sterbendem Sohn ins Krankenhaus (Symbolbild)

Eine Mutter aus Hamm darf ihren sterbenden Sohn, der nicht an Covid-19 leidet, vor seinem Tod wegen des Besuchsverbots im Krankenhaus nicht mehr sehen. Sie fragt sich, wo die Menschlichkeit bleibt.

  • Eine Mutter aus Hamm darf ihren sterbenden Sohn im Krankenhaus nicht sehen
  • Der Grund sind die Besuchseinschränkungen wegen des Coronavirus
  • Die Hammerin richtet einen Appell an die Ärzte

Hamm – Wenige Stunden vor seinem Tod gelingt es Marianne Jansen, noch einmal mit ihrem Sohn Thomas Dragunski zu telefonieren. So schildert sie es später WA.de. Ihr Sohn, 49 Jahre alt, liegt seit eineinhalb Wochen in der St.-Barbara-Klinik in Hamm. Es ist der 6. April 2020. Seit drei Wochen steht das öffentliche Leben wegen des Coronavirus weitgehend still. Auch Besuche in Krankenhäusern sind verboten.

Weil ihr Sohn nicht an sein Handy geht, überzeugt Marianne Jansen eine Schwester, ihm das Telefon ans Ohr zu legen. „Thomas, Thomas, was hast du denn?“, fragt sie. Er gibt nur unartikulierte Laute von sich. „Da wusste ich, es ist schlimm. Ich habe gedacht, dass er stirbt“, schildert sie später. Sie hat recht.

Corona-Regeln: Keine Ausnahme vom Besuchsverbot

Nach dem Gespräch telefoniert Jansen mit dem zuständigen Arzt und dem Chefarzt. „Ich habe gesagt: ,Doktor, ich möchte sofort zu meinem Sohn“, erzählt sie. Die Ärzte lehnen ab. Man müsse Patienten und Personal vor dem Coronavirus schützen und könne keine Ausnahme vom Besuchsverbot machen. Die Ärzte versprechen, sich zu melden, wenn Thomas‘ Zustand sich verschlechtert.

Zwei Stunden später ruft der Chefarzt an: Thomas ist tot. Eine Schwester habe ihn auf dem Zimmer gefunden. „Ich kann den Gedanken nicht ertragen, dass er allein gestorben ist“, sagt Jansen. Am heutigen Montag ist sein Tod zwei Wochen her.

Tablets nur für Covid-19-Patienten

Man weiß inzwischen, dass Corona-Patienten keinen Besuch bekommen dürfen und oftmals sterben, ohne ihre Angehörigen noch einmal zu sehen. Die Barbaraklinik hat extra Tablets angeschafft: Patienten mit Covid-19 können so wenigstens per Videochat mit ihren Angehörigen sprechen.

Doch Thomas Dragunski hat kein Covid-19. In der Barbaraklinik liegt er auf einer normalen Station, nicht abgeschottet wie die Corona-Patienten.

Die Barbaraklinik nimmt keine Stellung zu dem Fall. Sie ist auch über den Tod hinaus an die ärztliche Schweigepflicht gebunden. Eine Kliniksprecherin bestätigt lediglich, dass die Ärzte mit Marianne Jansen gesprochen haben. Die aktuelle Situation verlange allen viel ab, erklärt sie: „Für unsere ärztlichen und pflegerischen Kolleginnen und Kollegen ist es immer wieder aufs Neue schwierig zu sehen, wie sehr die Angehörigen, aber vor allem die Patientinnen und Patienten darunter leiden, von ihren Lieben getrennt zu sein.“

Beziehung zum Sohn besonders eng

Marianne Jansen ist 67 Jahre alt und Witwe. Sie lebt im Hammer Westen. Thomas ist das älteste ihrer vier Kinder. Die Bindung zu ihm beschreibt sie als besonders eng. Mit 21 Jahren wurde bei ihm das Sharp-Syndrom diagnostiziert, auch bekannt als Mischkollagenose. Darunter fällt eine Vielzahl von Symptomen, die von Gelenkschmerzen bis zu Erkrankungen der inneren Organe reichen. Bei einigen Patienten verläuft es mild, bei anderen tödlich. Ihr Thomas habe unter Krankheitsschüben sehr gelitten, sagt Jansen.

Dennoch habe er sein Leben gemeistert und zuletzt bei einem Versandhändler gearbeitet. Eine langjährige Partnerin habe er geheiratet, leider sei die Ehe in die Brüche gegangen. Kinder habe er nicht bekommen, um seine Krankheit nicht zu vererben.

Mit Fieber und Erbrechen in die Klinik

Anfang dieses Jahres hatte er dann eine Blutvergiftung und eine Lungenentzündung, schildert die Mutter. Erst war er im Krankenhaus, wurde aber entlassen. Sie habe ihn kurz darauf in seiner Wohnung besucht: Er hatte Fieber und Erbrechen, war sehr schwach. „Ich habe den Rettungswagen gerufen, der ihn in die Barbaraklinik gebracht hat“, erinnert sie sich. In den ersten Tagen durfte sie ihn noch besuchen – bis das Besuchsverbot kam.

Jansen: "Wo bleibt die Menschlichkeit?"

Laut einer Sprecherin der Barbaraklinik werden in der aktuellen Krise Ausnahmen vom Besuchsverbot gemacht – wenn klar ist, dass Patienten sterben, die nicht an Covid-19 leiden. Wieso das in diesem Fall nicht passiert ist? Dazu gibt sie mit Verweis auf die Schweigepflicht keine Auskunft.

„Ich will die Klinik gar nicht angreifen, das bringt mir meinen Sohn nicht zurück“, sagt Marianne Jansen. „Aber ich will, dass die Leute wissen, dass sie so nicht mit Patienten umgehen können. Wo bleibt denn da die Menschlichkeit?“ Niemand könne ihr den Schmerz darüber nehmen, dass sie sich von ihrem Sohn nicht verabschieden durfte. „Das soll keiner anderen Mutter passieren.“

Kein persönlicher Abschied bei Covid-19

Wenn ein Mensch mit oder an Covid-19 stirbt, bekommt seine Todesbescheinigung einen entsprechenden Vermerk: So soll auf das Ansteckungsrisiko hingewiesen werden. Der Hammer Bestatter Frank Makiol sagt, eine Abschiednahme von Angesicht zu Angesicht sei dann nicht mehr möglich. Der Sarg müsse geschlossen bleiben. „Das ist eine äußerst schwere Situation für die Angehörigen.“

Die Bestatter selbst trügen Atemschutzmasken und Schutzanzüge.

Coronavirus in Hamm - weitere Infos:

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