Wenn das Impfzentrum schließt...

Weniger Ärzte für mehr Impfungen: In Hamm fehlen 24 Hausärzte - Lage trotzdem „stabil“?

Mehrere hundert Menschen werden schon bald täglich zum Impfzentrum Hamm kommen.
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Im Impfzentrum wird nur noch für wenige Monate geimpft.

Spätestens Ende September wird auf die Hammer Ärzte noch einmal mehr Arbeit zukommen, wenn das Impfzentrum schließt. Dabei ist die Versorgung in den zurückliegenden Monaten deutlich schlechter geworden.

Hamm – Impfungen gegen das Coronavirus gehören ins Impfzentrum und nicht in die Praxen von Hausärzten. Das ist zumindest die Ansicht von Dr. Matthias Bohle, Vorsitzender des Ärztevereins Hamm, weil durch den auch organisatorischen Aufwand für Corona-Impfungen die Kernaufgabe, die hausärztliche Versorgung, leide. Andererseits sind es tatsächlich Ärzte, zu deren Aufgaben das Impfen gehört – und die gegen Covid-19 werden nach der Schließung der Impfzentren automatisch noch einmal deutlich mehr. (News zum Coronavirus in Hamm)

Corona in Hamm: Impfzentrum hat ein Ablaufdatum

Die Finanzierung der Impfzentren durch das Land NRW – dazu gehört auch das Impfzentrum Hamm – läuft im September aus: „Bis Ende September 2021 werden die Zweitimpfungen abgeschlossen sein. Das Impfgeschehen kann dann von den Impfzentren regelhaft in die Arztpraxen übergehen. Daher gehe ich Stand heute davon aus, dass die Impfzentren zum 30. September 2021 schließen werden“, hatte Landesgesundheitsminister Karl-Josef Laumann vergangene Woche mitgeteilt. Das gilt auch für das Impfzentrum Hamm.

Laumann rechnet damit, dass es ab Oktober – dann in den Praxen vor allem der Hausärzte – nur noch „vereinzelte Impfungen für Spätentschlossene, Genesene oder für Personen, die aus anderen Gründen nicht vorher geimpft werden konnten“, geben werde. Bewerkstelligen müssen das dann zunehmend weniger Hausärzte in Hamm, denn deren Zahl sinkt, wie die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) auf Nachfrage mitteilte.

Ärzte: Versorgungsgrad geht um fast 10 Prozent zurück

Demnach sind zurzeit 88 Hausärzte mit Vollzeit-äquivalenten niedergelassen, das entspricht einem Versorgungsgrad von 89,8 Prozent. Im Mai des vergangenen Jahres waren es noch 95,75 Hausärzte (Vollzeit), der Versorgungsgrad betrug 98,2 Prozent. Die Bedarfsplanung des KVWL für Hamm sieht aktuell ein Verhältnis von 1609 Einwohnern pro Hausarzt vor. Das müssten – bei einer Zahl von 179 916 Einwohnern – rund 112 Hausärzte sein, fehlen dieser Rechnung zufolge also 24 Hausärzte.

Die KVWL sieht Hamm bei der Versorgung mit Hausärzten damit als „noch stabil“ an; erst ab einer Quote von 75 Prozent spricht sie von einer „Unterversorgung“. Dahin könnte die Stadt Hamm aber kommen, wenn beispielsweise die KVWL-Nachwuchskampagne „Praxisstart“ ohne Erfolg bleibt. Denn etwa 36 Prozent der Hausärzte sind 60 Jahre und älter.

Ärztemangel: Viele Medizinier gehen bald in den Ruhestand

„Viele dieser Ärzte dürften in den nächsten Jahren in den Ruhestand gehen“, weiß auch die KVWL, obwohl sich die genaue Entwicklung nicht abschätzen lasse, weil es keine Altersgrenze für Ärzte gibt. Das drohende Problem ist der KVWL durchaus bewusst: „Generell wird die Nachbesetzung von Arztsitzen in vielen Regionen schwieriger, weil sich nicht genug junge Mediziner für eine (eigene) Praxis entscheiden. Das gilt besonders für die Hausärzteschaft“, teilte Jana Elbert von der KVWL-Pressestelle mit.

Bei der Versorgung mit Fachärzten sieht es übrigens ganz anders aus in Hamm: Da liegen die Versorgungsquoten deutlich über 100 Prozent – mit einer Ausnahme: bei Nervenärzten liegt sie nur bei 82 Prozent. Eine Überversorgung gibt es vor allem bei Chirurgen und Orthopäden (154 Prozent) und bei Urologen (135 Prozent).

Ergebnisse der Gesundheitskonferenz lassen auf sich warten

Derweil wird in der Stadtverwaltung nach Lösungen gesucht – sogar schon seit drei Jahren. Es wurde eigens eine Gesundheitskonferenz gegründet, die den drohenden Ärztemangel behandelt. Die Gesundheitskonferenz tagt nicht öffentlich. Wegen der Corona-Pandemie konnten mehrere Sitzungen nicht stattfinden, die jüngste fand im Juni statt.

Dort wurden einige Ideen erläutert, mit denen man dem Ärztemangel begegnen möchte. Konkrete Maßnahmen wollte die Verwaltung noch nicht nennen. Sie würden in den nächsten Monaten in den Fachämtern besprochen. Im September sollen erste Ergebnisse dem Gesundheitsausschuss mitgeteilt werden – dann auch öffentlich.

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